Vom Ort des Schreckens zum „Jailhouse“

Geschäftsidee für Übernachtungsevents im ehemaligen DDR-Frauenknast Hoheneck scheiterte

Wie ein mahnender Finger thront Burg Hoheneck, für jeden bereits von weitem sichtbar, auf einem Berg über der Kleinstadt Stollberg im sächsischen Erzgebirge. Zu DDR-Zeiten war das festungsähnliche ehemalige Jagdschloss, in dem bereits 1861 das „königlich sächsische Weiberzuchthaus„ errichtet wurde, ein berüchtigtes Frauengefängnis. Über vier Jahrzehnte waren im kommunistischen Ostdeutschland, neben gewöhnlichen Kriminellen auch tausende politische Häftlinge auf Hoheneck inhaftiert. Ihr „Verbrechen„ bestand oftmals nur darin, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgnommen zu haben.

Im diktatorischen Repressionsapparat der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR teilten diese Frauen, durch willkürliche Urteile wegen versuchter Republikflucht, antisowjetischer oder staatsfeindlicher Hetze zu Verbrechern stigmatisiert, ihr Schicksal mit bis zu 1.600 Häftlingen. Unter menschenunwürdigen Bedingungen, in der ursprünglich nur für 400 Gefangenen vorgesehenen Festung. Mindestens 70 Frauen verloren dort ihr Leben. Unzählige nahmen lebenslangen Schaden an Körper und Seele durch erlittene Peinigungen, Zwangsarbeit, psychische und physische Folter durch das Zuchthauspersonal und kriminelle Mithäftlinge. Nach der Wende 1989 wurden zwar die politischen Häftlinge entlassen, der Haftbetrieb auf Hoheneck, im Volksmund „Mörderburg„ genannt, endete jedoch erst 2001, und mit ihm scheinbar seine unheilvolle Geschichte.
Überwältigende Besucherzahlen bei den Knastführungen.
Überwältigende Besucherzahlen bei den Knastführungen.

Übernachtungsevents mit „Jailhouse-Feeling„, böse Aura und zerstörte Hoffnungen
Bereits ein Jahr später erwarb der saarländische Unternehmer Bernhard Freiberger das 53.000 m² große Arreal mit der besenrein geräumten Gefängnisfestung vom Freistaat Sachsen. Freiberger mit seiner Artemis UnternehmensberatungsGmbH hatte ehrgeizige Pläne: Ein Tagungshotel, von dem auch das wirtschaftlich boomende, 12.000 Einwohner zählende Stollberg profitieren sollte, nebst Event-Arena für Theateraufführungen, Musicals und Konzerte, sollte Burg Hoheneck einen neuen, positiven Lebensgeist einhauchen. Wer jedoch den Schritt in das Innere der Festung wagt, wird schnell von der beklemmenden und unter die Haut gehende Atmosphäre erfasst, die jene böse Aura spüren lässt, die dieser Ort auch heute noch verströmt. Regelmässig wurden von der ArtemisGmbH Knastführungen für zehn Euro Eintritt angeboten. Die Resonanz war überwältigend. Die Besucher mussten oft stundenlang anstehen, um in das ehemalige Zuchthaus zu gelangen. Der Macher aus dem Westen war überrascht und erkannte das Potenzial dieses geschichtsträchtigen und einzigartigen Ortes. Fortan sollten Übernachtungsevents für 100 Euro inklusive Showprogramm, Knastfrühstück und echtem „Jailhouse-Feeling„ stattfinden, die dem Gast das Gefängnisgefühl eines Insassen auf Hoheneck in originaler Zelle vermitteln sollte – getreu dem Motto „Männertag im Frauenknast“.
Knast-Spektakel mit Symbolcharakter
Gegen derartig unsensible Geschäftsideen regte sich heftiger Widerspruch von ehemaligen Häftlingen und aus den Reihen der SED-Opferverbände. Der Vorsitzende der internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Karl Hafen empörte sich: „Niemand käme auf die Idee, einem Ort, auf dem Nazi-Unrecht geschehen ist, einen Wiedererlebniswert zuzugestehen, aber in der DDR-Nostalgie ist wohl alles möglich„. Als „Gipfel der Geschmacklosigkeit und unerträgliche Provokation für Menschen, die unter der kommunistischen Diktatur der SBZ/DDR gelitten haben„ kritisierte Anne Kaminski, Geschäftsführerin der Stiftung „Aufarbeitung der SED-Diktatur„, den Versuch, den Schrecken der Strafanstalt Hoheneck zu kommerzialisieren. „Kommunen und Länder dürfen beim Verkauf derartig belasteter Orte nicht allein ökonomische Aspekte im Blick haben„, sagte sie.
Welchen Symbolcharakter hatte die Umsetzung des Knast-Spektakels für Menschen, die für Freiheit und Menschenrechte von Staats wegen zerbrochen wurden? Die Wogen der Empörung schlugen immer höhere Wellen – eine Protestkampagne, die per Brandbrief der Opferverbände versendet wurde, zeigte nicht nur bei Sachsens Ministerpräsident Georg Milbrand (CDU) Wirkung.
Von der Geschichte überrollt

Freiberger sah sich von der Geschichte überrollt und dem immer stärker werdenden öffentlichen Druck nicht mehr gewachsen: „Ich habe nur Anfeindungen von Opferverbänden bekommen. Dafür bin ich nicht geschaffen„, so der Artemis-Chef, der sich missverstanden fühlt. Der Programminhalt der Theater-, Musical- und Nacht-Events sollte themenspezifisch das Gefangensein und die Sehnsucht nach Freiheit symbolisieren. Über Kunst lasse sich ein Zugang auch zu schwierigen Themen schaffen, resumiert er.
Das Kulturhaus der Volkspolizei - einst und jetzt. 
Das Kulturhaus der Volkspolizei – einst und jetzt.

„Wir sind nicht die Bösen“
Heute scheinen die Wogen geglättet. In einem persönlichen Gespräch gibt sich der Besitzer der Festung, geläutert. Fehlende Kommunikation mit den Opferverbänden und ein unglückliches Marketing seitens des Artemis-Projektmanagers, räumt Freiberger zerknirscht ein, hätten ihn bewogen die Pläne für eine sonnige Zukunft von Burg Hoheneck im April 2005 erst einmal auf Eis zu legen. An einem solch sensiblen Ort wie Hoheneck seien Finanz- und Immobilienkaufleute die Falschen, um ein pädagogisches Konzept für derartig schwere Kost zu erstellen. Er sei nun auf der Suche nach Spezialisten für das Projekt, die Opferverbände seien mit im Boot. Aber das Ganze koste ihn zuviel Energie. „Wir sind nicht die Bösen„ versichert er mit einer gewissen Wehmut in der Stimme. Es klingt zumindest glaubhaft.

Zur Person: Thilo Gehrke, 41, ist Journalist, Fotograf und freier Autor in Hamburg. Er hat die deutsche Wiedervereinigung unter sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten medial begleitet und ist Mitglied im Wissenschaftlichen Forum für Internartionale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr.