Aktuelle Nachrichten – Gesundheit
13.09.2010
Foto: Marion Körner
Warum ist es gut, dass wir unsere Ohren nicht schließen können? Diese Frage hat mich schon als Kind beschäftigt. Die Augen werden geschlossen, aber die Ohren sind Tag und Nacht auf „hab acht!“
Das könnte uns darauf aufmerksam machen, dass die Ohren und das Hören eine Funktion haben, die „lebensbegleitend“ genannt werden könnte. Schon im Mutterleib entsteht durch die Geräusche, die wir über die Tätigkeit von Herzschlag und Verdauungsgeräuschen und durch die Stimme der Mutter erfahren, eine Prägung. Alfred Tomatis, der große französische Hörforscher bezeichnete diese Klänge sogar als den „Klang des Lebens“, der sich in unseren Leib einschreibt.
Wenn wir dann geboren werden, sind wir umgeben von einer Welt der Klänge und Geräusche, die uns allmählich vertraut werden und die uns Sicherheit geben. Der Säugling hört, wie die Mutter sich bewegt, wenn sie geht, wenn sie kommt, wenn die Tür geschlossen wird, wenn es in der Küche klappert, das Wasser rauscht, der Vater kommt, vielleicht die Stimmen der Geschwister. Alles dies bildet eine „Hör-Heimat“: die klingende Umgebung. Ihre Geräusche kann das Kind mit der Zeit immer besser zuordnen, hier kann es seine Erfahrungen machen und ihre Wirkungen in seinem Körper spüren lernen.
Es gibt inzwischen mehrere Erfahrungsberichte von Menschen, die taub geboren wurden und denen gerade diese Sicherheit nicht mitgegeben werden konnte.
Es ist sehr weise von der Natur eingerichtet, dass wir unser Hören ständig zur Verfügung haben. Allerdings können wir auch abschalten, nämlich mit Hilfe unseres Bewusstseins. Jeder, der schon einmal im Zug oder im Auto eingeschlafen ist, kennt das Erlebnis: Spätestens an der Grenze zum Einschlafen entfernen sich die Motorengeräusche langsam, werden leiser und verschwinden schließlich ganz – beim Aufwachen erfolgt der umgekehrte Prozess. Das Bewusstsein ist der „Manager“ dieses Hör-Vorganges.
Je mehr Hörerfahrungen wir als Kind gemacht haben, desto mehr Hörerlebnisse können wir uns im Heranwachsen bewusst machen. Je größer die Schatztruhe der Hörerlebnisse ist, desto mehr kann man darin später wiederfinden.
Das Hören als Schwingtür
Häufig haben wir viel zu wenig beachtet, welche Bedeutung das Zuhören in unserem Leben hat. Welche unermessliche Fülle von bereichernden Wahrnehmungen wir an uns vorbeiziehen lassen, wenn wir dem Zuhören nicht genügend Aufmerksamkeit schenken.
Mit dem Hören stehen wir immer an einer Schwelle. Das Zuhören ist wie eine Schwingtür, die uns das Tor zur Welt oder zu uns selber öffnen kann. Je mehr Wachheit man an dieser Stelle aufbringen kann, desto mehr kann man von dem auffangen, was als zu Hörendes durch den Menschen hindurch fließt.
„Das Kind wird als Musikinstrument geboren“ so beschreibt es Rudolf Steiner. Jeder, der ein Musikinstrument in Händen hält, kann erahnen, wie viel Arbeit nötig ist, um es spielen zu können. Das Hören stimmt unser Körper-Instrument, an dem wir selber mitgestalten - ein Leben lang. Manche Instrumente werden früh so schlecht behandelt, dass sie später nur schwer bespielbar sind; manche werden so gepflegt, dass sie einen großartigen Klang entfalten.
Jedes Instrument aber ist einmalig und hat seinen einzigartigen Klang. Mit jedem neuen Erdenbürger kommt ein neuer Klang in die Welt.
Ist es der Umgebung möglich, diesen neuen Klang zu entdecken und zu fördern? Wird das Kunstwerk gelingen, dass sich aus diesem neuen Instrument eine einzigartige Stimme erheben kann und gehört wird? Dass durch den Klang dieses Instrumentes gehört wird, was durch ihn in die Welt kommen soll? Das Zuhören selber ist die schöpferische Kraft, die das Instrument zum Klingen bringt.
Das Zuhören hat mindestens zwei große „Verhinderer“. Das eine ist der Lärm, der es uns mehr und mehr erschwert, hören zu wollen. Das zweite ist die zunehmende Geschwindigkeit unseres Lebens. Wir nehmen uns immer weniger Zeit dafür, uns gegenseitig zuzuhören. Wirklich den anderen Menschen wahrzunehmen, braucht Zeit und Offenheit. Sich auf den anderen einzulassen, ihn in sich hinein zu lassen, seine Worte oder seine Stimme auf sich wirken zu lassen, eben auf das zu hören, was außer der Information mitschwingt, was noch gesagt werden will, was gar nicht gesagt wird, aber mitklingt - der seelische Zustand, in dem der Singende oder Sprechende sich befindet, all das kann ich durch ein aufmerksames Zuhören erfahren.
„Sing mal“
Wie kann durch eine musikalische Erziehung dieses Zuhören geweckt und bestärkt werden? Wenn die Kinder in die Schule kommen, ist das „Instrument“ zwar noch bildbar, aber oft auch schon so behandelt worden, dass es rau klingt, sich gar nicht mehr zeigen will, sich zurückgezogen hat. Welche Möglichkeiten hat nun der Erwachsene, diese Fähigkeit des Klingens hervor zu locken und das Kind dabei zu ermutigen, seine Stimme zu erheben?
Jeder kennt die Aufforderung: „Sing mal!“ Daraufhin schiebt und staut es im Kehlkopfbereich, da wird es eng, da klopft das Herz und die Stimme sagt: „Nein!“
Um das “Instrument“- den Körper - zu ermutigen, braucht man die Bewegung, z.B. zum Klang oder zum Singen, das ist die erste Stufe. So kann das Hören angestoßen werden, indem bewegt und zugehört wird. Der Erwachsene, seien es die Eltern oder die Lehrer, sehen und hören dem Kind zu und lassen dadurch das Kind sein Zuhören entdecken.
Wir wissen, dass das Hören zwar ein gesundes Ohr als Grundlage braucht, dass das allein aber noch nicht ausreicht. Wir hören mit dem gesamten Körper, über die Haut, über den Knochenapparat. Die Vibrationen des Innen- und Außenklanges teilen sich dem Zuhörer über den Körper mit. Das heißt, wenn ich das Kind zum Zuhören anregen will, gibt es ein einfaches, aber sehr wirksames Zaubermittel: Das sind bei allen Bewegungsübungen die leisen Bewegungen der Füße.
Die Sätze: „Sei still, hör doch mal zu, pass auf!“ verhallen in Sekundenschnelle und bewirken gar nichts für eine lustvolle Hörstimmung. Und Lust darf es machen, es soll schließlich Neues entdeckt werden! Ohne Freude und Neugier komme ich dem Neuen nicht auf die Spur.
Viel wirkungsvoller ist die Aufforderung: „Geh mit leisen Füßen! Achte auf die Füße!“ So kann langsam das „Instrument“ des Körpers von unten her erlebt und ergriffen werden.
Dann kann eine Hörstimmung entstehen, in der das Kind vom Klang berührt wird. Nur durch solch eine Berührung kann es sich erleben, kann es die Entdeckung machen: Zuhören bringt einen Gewinn, ich erlebe mich, ich erlebe die anderen!
Erst wenn das Kind erlebt, dass es gehört wird, kann es sich selbst neu erleben und „hören“. Ist es nicht die Aufgabe jeder Erziehungskunst, Kinder stark zu machen und sie zu ermutigen, ihre Stimme zu erheben? Ist es nicht das Höchste, auf seine innere Stimme hören zu wollen und zu können? Und dann eine Verbindung herstellen zu können durch Worte, Sätze, den Klang der Stimme oder eines Musikinstruments, denen jemand zuhören möchte, weil Eigenes darin klingt?
Reinhild Brass ist Dozentin für Musik am Institut für Waldorfpädagogik in Witten und Autorin von: Hörwege entdecken – Musikunterricht als Audiopädie, Edition Zwischentöne 2010; ISBN: 978-3-937518-13-8; 26,00 €
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