Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – Zum Jubel hatten die KZ-Überlebenden gar keine Kraft mehr – Arthur Max
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Zum Jubel hatten die KZ-Überlebenden gar keine Kraft mehr

Arthur Max

20.05.2007

Bad Arolsen – Mit dem Kriegsende kamen die Befreier. Doch die Truppen der vier Siegermächte stießen 1945 in den Konzentrationslagern des Nazi-Regimes nicht gerade auf jubelnde Insassen, die sich über das Ende des Terrors freuen konnten. Dazu waren die meist zum lebenden Skelett abgemagerten Häftlinge gar nicht mehr im Stande. Das Elend der KZ-Überlebenden macht der Blick in die Akten des Holocaust-Archivs im nordhessischen Bad Arolsen eindringlich deutlich.

Dort werden Unterlagen zu mehr als 17,5 Millionen Häftlingen, Zwangsarbeitern und anderen Verfolgten der NS-Zeit aufbewahrt. Bisher durfte das Archiv nur für den Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes genutzt werden. Erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert soll das Archiv aber demnächst für die Forschung geöffnet werden. Darauf haben sich in der vergangenen Woche in Amsterdam Vertreter der elf Staaten verständigt, die an dem weltgrößten Archiv dieser Art beteiligt sind. Unter der Auflage, keine Namen von Opfern preiszugeben, konnten Korrespondenten der Nachrichtenagentur The Associated Press (AP) aber bereits Einblick in die Dokumente des Todes nehmen.

In den befreiten KZ's oder den eilends in ihrer Nähe errichteten Auffanglagern starben in den ersten Wochen nach der Befreiung immer noch täglich mehr als 1.000 Menschen. Die Leichen wurden vor den Baracken aufgestapelt. Oft dauerte es Tage, bis sie abtransportiert werden konnten. Denn die völlig geschwächten Überlebenden waren dazu natürlich kaum in der Lage. „Da die meisten Überlebenden nicht einmal imstande waren, ihre eigenen Namen anzugeben, blieb der Versuch, von ihnen Informationen über die Toten zu bekommen, aussichtslos“, schrieb ein französischer Leutnant namens Henri Francois-Poncet über seine Recherchen im gerade befreiten KZ Bergen-Belsen.

Bei der Kapitulation der Nazis am 8. Mai 1945 blieben in ganz Europa an die acht Millionen entwurzelter Menschen ohne Bleibe zurück. Viele von ihnen suchten Schutz in den schnell aus dem Boden gestampften 2.500 Auffanglagern für so genannte „Displaced Persons“ (DP), wie man die heimatlos gewordenen Menschen nannte. Viele davon wurden nur zwei bis drei Kilometer vom befreiten KZ entfernt errichtet. In diesen Auffanglagern mussten die Betroffenen unterschiedlich lange bleiben, bevor sie in ihre alte oder neue Heimat zurückkehren konnten.

In aller Regel hatten sie zunächst einmal nichts, wohin sie hätten gehen können: Sei es, dass ihre Familien unter den sechs Millionen in Europa während der Nazi-Herrschaft getöteten Juden waren, ihre Häuser im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden oder von den Siegermächten besetzt. Viele jüdische Überlebende wollten nach Palästina gehen, doch die Briten blockierten erst einmal die Emigration in den neu entstehenden Staat Israel. „Nach den Misshandlungen durch die Deutschen haben viele Entwurzelte Misstrauen und Angst auch vor den alliierten Behörden“, schrieb der britische Oberstleutnant C.C. Allan im September 1945. „Viele von ihnen sind, was ihre Zukunft angeht, in vollständige Apathie versunken“, fügte er hinzu.

Die Akten beim Internationalen Suchdienst vom Roten Kreuz enthüllen die Trostlosigkeit der geplagten Menschen in allen persönlichen Facetten. Manche befreiten KZ's wurden unmittelbar in Auffanglager umgewandelt. Die Nahrungsmittelzufuhr war weiter kärglich – oft gab es nur Kaffee und feuchtes Schwarzbrot. Auch die medizinische Versorgung war unzureichend, wie es in einem Bericht für US-Präsident Harry Truman heißt. Um die Ordnung aufrecht zu erhalten, blieben die Lagerinsassen unter Bewachung bewaffneter Sicherheitskräfte. Oft hatten sie noch ihre gestreiften KZ-Pyjamas an und mussten trotz bitterkalten Winters in den zugigen Barracken schlafen.

Was die trostlose Lage der ehemaligen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter noch verschärfte, war die Tatsache, dass sie durch den noch vorhandenen Stacheldrahtzaun die oft schon wieder ein halbwegs normales Leben führenden deutschen Dorfbewohner beobachten konnten. In manchen Orten wurde die Landbevölkerung aber auch gezwungen, die Lager zu besuchen und bei der Beerdigung der Toten zu helfen oder zumindest mit eigenen Augen anzusehen, was der „Führer“ zu Stande gebracht hat.

Den Opfern verhalf dies freilich auch nicht unbedingt zu größerem Komfort. Trumans Sonderberichterstatter Earl. G. Harrison fasste seine Eindrücke in drastische Worte: „So wie es derzeit aussieht, scheinen wir die Juden so zu behandeln, wie es die Nazis getan haben – mit der Ausnahme, dass wir sie nicht ausrotten.“

Letzte Lager schlossen erst 1953

Nach einiger Zeit übernahmen Einrichtungen der UN und freiwillige Hilfsorganisationen die Lager. Bis 1947 teilten rund 250.000 Juden – der kärgliche Rest des europäischen Judentums – die Lagerplätze mit kriegsvertriebenen Osteuropäern, die oft Angst hatten, in ihre inzwischen vom sowjetisch beherrschten Ostblock gehörenden Heimatländer zurückzukehren. Erst 1953 wurden die letzten Auffanglager geschlossen.

Den Forschern stehen demnächst auch die oft nur in Umschläge gesteckten Fragebögen und Eidesstattlichen Erklärungen mit den Schicksalen von rund 800.000 Betroffenen zur Verfügung. Diese waren Voraussetzung für die Bewilligung ihrer Anträge auf Reise in die Zielländer. Aber da gab es noch andere Hürden. So ließ etwa das katholische Irland verlauten, dass es keine unverheirateten Mütter aufzunehmen gedenke. (AP)

 

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