Foto: dapd/Clemens Bilan
Berlin – Sie ist nicht verheiratet, lebt seit mehr als 30 Jahren allein. Dennoch spielen zwei Männer die Hauptrolle in ihrem Leben: Dank des sympathischen Commissario Brunetti, den sie im Alter von 50 Jahren eher zufällig erfand und seitdem jährlich auf eine neue Verbrecherjagd in der Lagunenstadt Venedig schickt, kann Donna Leon ihrer Leidenschaft für den Komponisten Händel frönen. Am 28. September feiert die Schriftstellerin ihren 70. Geburtstag.
Berühmt werden wollte Donna Leon nie. 1942 in Montclair, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat New Jersey geboren, gehörte sie zu einer Generation, die in angenehmem Nachkriegswohlstand ohne große Ambitionen aufwuchs. "Mein Vater war Buchhalter, meine Mutter hat halbtags als Sekretärin gearbeitet, als mein Bruder und ich zur Schule gegangen sind", erzählt die Autorin im dapd-Gespräch. "Wir waren die typische amerikanische Mittelklasse-Familie, wir hatten sogar einen Hund." Sie wollte ein friedliches Leben führen, viel lesen, Musik hören, durch die Welt reisen und gute Freunde haben.
Von diesen bescheidenen Zielen geleitet, führte Leon lange Zeit ein Nomadenleben. Sie verließ die USA, als sie 23 war, um ihr Literaturstudium in Perugia und Siena fortzusetzen. In den Folgejahren arbeitete sie unter anderem als Reiseleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und als Lehrerin an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran, in China und in Saudi-Arabien. "Alles verlief stets nach dem gleichen Muster: Ich beendete den Job, gab all mein Geld aus, musste einen neuen Job finden und arbeiten", erklärte Leon 2002 bei einer Gala der Siemens Academy of Life in Wien. Ihre Dissertation über Jane Austen schrieb sie quasi nebenbei.
Anfang der 80er-Jahre spürte Leon den Wunsch, sesshaft zu werden. "Ich habe Venedig gewählt, weil ich 1969, als ich zum ersten Mal dort war, das Glück hatte, ein junges Paar kennenzulernen, Franco und Roberta, die noch immer meine besten Freunde sind", sagt sie im dapd-Gespräch. "Als ich mich niederlassen wollte, zog ich in die Stadt, in der ich immer glücklich war, die wunderschön ist und wo es keine Autos gibt." Als Professorin für englische und amerikanische Literatur unterrichtete sie an einer Außenstelle der Universität Maryland, die sich auf einem US-Luftwaffenstützpunkt bei Venedig befand.
Die große Wende in Donna Leons Leben trat ein, als die beiden Männer, die ihr Leben bestimmen, zusammentrafen: Georg Friedrich Händel und Guido Brunetti. Die Leidenschaft für die Oper allgemein und für Händel im Besonderen war schon in ihren Zwanzigern erwacht, als sie zum ersten Mal "Der Messias" hörte. Aufführungen von Händels Werken in verschiedenen Städten und Ländern wurden daraufhin zu Höhepunkten in ihrem Alltag. Seitdem sie 1992 bei einem Opernbesuch die Idee für einen Mordfall hatte, sie zu Papier brachte und damit den Grundstein für die Figur des venezianischen Commissario und für ihren Erfolg als Schriftstellerin legte, kann sie sich ganz nach Händel richten: Sie organisiert ihr Leben nach den Spielplänen der großen internationalen Opernhäuser.
Mit Commissario Brunetti finanziert Leon ihre Leidenschaft für Händel. Dennoch sei Brunetti insofern der wichtigere Mann in ihrem Leben, erklärte Leon 2011 in der "Frankfurter Rundschau", als dass er sie finanziell über Wasser halte. Seit der Veröffentlichung des ersten Romans "Venezianisches Finale" (1993) hat sie in Europa, vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz, eine große Fangemeinde, die sehnsüchtig auf jeden neuen Band wartet und ihn auf die Bestsellerlisten hievt. Die Hörspielfassungen im Auftrag des Südwestdeutschen Rundfunk und die Verfilmungen fürs deutsche Fernsehen haben die "Brunetti"-Romane noch beliebter gemacht. Ein Ende des Hypes ist nicht abzusehen, noch in diesem Jahr wird der 21. Teil im Diogenes-Verlag erscheinen.
Was sie mit Brunetti einnimmt, gibt Leon für ihren geliebten Komponisten wieder aus. Mit dem Dirigenten Alan Curtis und dessen Ensemble Il Complesso Barocco hat sie bereits mehr als 20 Händel-CDs aufgenommen, an denen sie laut eigener Aussage keinen Cent verdient. Sie treten auch gemeinsam auf, zum Beispiel in Kinderkrankenhäusern, da sie das musikalische Erbe an die nächste Generation weitergeben wollen. An Kinder richtet sich auch Leons Buch "Tiere und Töne" (2010), in dem sie den Tierfiguren in Händels Arien kleine Gedichte widmet.
Zu ihrem Commissario, an dessen nächsten Abenteuer Donna Leon bereits arbeitet, hat sie ein distanziertes Verhältnis. "Er ist eine fiktionale Figur, für die ich fiktionale Geschichten erfinde", sagt sie zur dapd. Händel, auf der anderen Seite, weckt Emotionen in ihr. "Seine Musik berührt mich am tiefsten." Zwischen diesen beiden Polen beschreibt die Autorin sich selbst als "eine leidlich glückliche Person, die das Leben nicht allzu ernst nimmt." Ihrem 70. Geburtstag kann sie deshalb auch gelassen entgegen sehen, denn er ist nur eine Zahl.
dapd
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