Frankfurt/Main – Sie lehnen jegliche Autorität ab und definieren sich über ein diffuses Dagegen-Sein. Sie befürworten Gewalt gegen Sachen und Personen, die wie Wirtschaft und Staat das „repressive System“ repräsentieren. Und sie sind als Organisation bisher gar nicht und als Einzelne nur schwer zu identifizieren, weil sie nur von Zeit zu Zeit, aber dann zu hunderten vermummt als „Schwarzer Block“ agieren: Die laut Verfassungsschutzbericht 2006 rund 5.500 Autonomen in Deutschland sind präsent und unsichtbar zugleich, ihre Motivation nährt sich aus purer Lust an der Gewalt ebenso wie aus dem Drang, die Welt zu verbessern und das Althergebrachte umzustoßen.
Dass rund 2.000 Anhänger der seit den 80er Jahren in der Bundesrepublik aktiven autonomen Bewegung am Samstag in Rostock derart brutal auftreten konnten, liegt auch an der Tatsache, dass eine straffe hierarchische Organisation der Autonomen bisher nicht existierte. Sie boten den Ermittlungsbehörden also nicht die herkömmlichen Angriffsflächen, an denen der Hebel angesetzt werden könnte. Die Bewegung der Autonomen sei nicht homogen, Führungsstrukturen oder Hierarchien seien ihnen fremd, die kleinen Gruppierungen seien mal mehr, mal weniger gefestigt, und es gebe kein einheitliches ideologisches Konzept, klagt das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinem jüngsten Bericht.
In seiner Schrift „Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung“ schreibt der Autor und Szenekenner Jan Schwarzmeier: „Das Geheimnis, wer sich hinter den 'Hassmasken' verbirgt, zusammen mit der zur Schau gestellten Gewaltbereitschaft, machen jeden Auftritt zu einem spannenden Ereignis.“ Und er untersucht die Frage, ob es sich bei den Aktivisten um entschlossene Kämpfer für eine politische Sache oder um Jugendliche auf der Suche nach Selbstdarstellung und Identität handelt, denen ein gewalttätiges Räuber-und-Gendarm-Spiel den begehrten „Kick“ verschafft.
Zumindest in den Anfängen der deutschen Autonomen, die ihre Wurzeln in der italienischen „Arbeiterautonomie“ der 60er Jahre haben, waren wohl die Grenzen fließend. In einer Studie von 1998 spricht der Experte Armin Pfahl-Traughber von „subkulturellen Abgrenzungsbedürfnissen“, die auf psychische Probleme von Jugendlichen im Reifungsprozess zurückgeführt werden könnten. Aber er warnte auch davor, die Ernsthaftigkeit der politischen Anliegen der heimlich agierenden Gruppen zu unterschätzen. Pfahl-Traughbers Fazit: Die Autonomen müssen als Subkultur eingeordnet werden, und ihre politischen Einstellungen – Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates, linksextreme Ideologieelemente und Militanz – berühren auch den Aspekt der Identitätsbildung.
Die Frage „Jugendkultur oder politische Bewegung“ wird laut Schwarzmeier auch in der Szene selbst diskutiert. So habe eine Hamburger Gruppe zur Zeit der Hafenstraßenkämpfe intern kritisiert, dass viele Autonome sich und andere durch die Maskierung gefährdeten, „weil ihnen die Selbstdarstellung ihrer unangepassten Persönlichkeit wichtiger ist als das politische Ziel“.
Doch die „Ästhetik des Punk“, gipfelnd in der bedrohlichen Vermummung, ist auch Teil einer ganz eigenen, von den Autonomen entwickelten Kultur. Laut Schwarzmeier bewegen sich die meisten Aktivisten in einem eigenen Umfeld, in dem man sich bei Veranstaltungen oder in Jugendzentren und Kneipen trifft „und sich für Aktionen und Kampagnen kurzfristig organisiert“. Auf diese Weise habe die Bewegung eine spezifische Identitätskultur entwickelt, in der die Farbe schwarz politischer Ausdruck ist: „Der Stil von Autonomen ist also nicht von politischen Aktionen trennbar und muss als Ausdruck von Bewegungskultur verstanden werden.“
In jüngster Zeit freilich sind die Vordenker der Szene über die Politisierung hinaus offenbar auch am Aufbau einer festigenden Struktur interessiert. Laut Verfassungsschutz hieß es im Februar 2006 in einem dem bevorstehenden G-8-Gipfel gewidmeten Info-Blatt, man erachte „den gegenwärtigen Zustand der Unorganisiertheit der Linken als ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zur gesellschaftlichen Relevanz“. Dieses Hindernis könne nur mit neuen Formen der Organisiertheit überwunden werden. Sollte das Führungspersonal der Autonomen in dieser Richtung unbemerkt tätig geworden sein, wäre es umso verständlicher, dass die Polizei vom Auftreten des „Schwarzen Blocks“ derart überrumpelt wurde wie in Rostock geschehen. AP
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