Umwelt – Zwischen Tierliebe und Hysterie – Brigitte Caspary
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Aktuelle Nachrichten – Umwelt

Zwischen Tierliebe und Hysterie

Brigitte Caspary

20.02.2008

Die Eisbären "Felix" und "Vera", Eltern von "Flocke", spielen in ihrem Gehege im Tiergarten Nürnberg. (AP Photo/Andreas Beil)
Die Eisbären "Felix" und "Vera", Eltern von "Flocke", spielen in ihrem Gehege im Tiergarten Nürnberg. (AP Photo/Andreas Beil)
Eisbärbaby Flocke beim Erkunden seiner Umgebung. (AP Photo/Tiergarten Nuernberg, Ralf Schedlbauer)
Eisbärbaby Flocke beim Erkunden seiner Umgebung. (AP Photo/Tiergarten Nuernberg, Ralf Schedlbauer)

Nürnberg – Flocke erregt die Gemüter. Das Schicksal des inzwischen zwei Monate alten Eisbärenbabys aus dem Nürnberger Zoo lässt niemanden so richtig kalt. „Wir erhalten sogar begeisterte E-Mails aus Oklahoma“, erzählt der städtische Pressesprecher Siegfried Zelnhefer verwundert. Wieso das aktuelle Körpergewicht, der erste Zahn und die Verdauung eines kleinen Raubtiers nach dem Rummel um den Berliner Eisbären Knut erneut auf soviel internationales Interesse stößt, bereitet nicht nur ihm Kopfzerbrechen.

Tierliebe oder Hysterie? Tiergartendirektor Dag Encke, der Psychoanalytiker Jörg Wiesse und Journalisten suchten bei einem Streitgespräch am Dienstagabend in Nürnberg eine Erklärung.

„Flocke ist ein Medienthema – weltweit“, sagt Zelnhefer. Als die Stadt den Namen der kleinen Eisbärin im Januar bekanntgab, erschienen 28 Fernsehteams zur Pressekonferenz. Einige davon berichteten live.

Der Psychoanalytiker Wiesse erklärte das Interesse vor allem mit der Sehnsucht des Menschen nach Zärtlichkeit, Wärme und Geborgenheit. „Tiere sind schon sehr wichtig für uns. Als Begleiter sind sie offen für unsere Bedürftigkeit nach Nähe“, sagte er. Die Fotos des „süßen Bündels“ Flocke hätten auch ihn sehr bewegt. „Die Begeisterung kann auch daher rühren, dass wir in einer kinderfeindlichen Gesellschaft leben, zugleich aber ein riesiges Bedürfnis nach kindlichen Emotionen haben“, sagte er.

Womöglich stecke auch die Sehnsucht nach einem Märchen hinter dem Rummel, sagte Wiesse. Nach dieser Lesart wurde Flocke ihrer „bösen“ Mutter weggenommen und gerettet. Auffällig gewesen sei auch, dass Flocke zu einer Zeit auf die Titelseiten gehoben wurde, als sich die Meldungen über Kindstötungen häuften. Die Journalisten hätten wohl den Wunsch gehabt, die Menschen einmal mit schönen Nachrichten zu überschwemmen. „Und auch mir ist es lieber, ich sehe Flocke auf der Titelseite als einen Bericht über Massenmord in Kambodscha“, sagte der Psychoanalytiker.

Den Spaß, bei allem Leid, Krieg und Tod auf der Welt eine Zeit lang auch mal gute Nachrichten ins Blatt heben zu können, schilderte der Redaktionsleiter der Nürnberger „Abendzeitung“, Andreas Hock. „Ich freue mich einfach“, sagte er.

Dagegen warnte Manfred Protze, Journalist und Mitglied im Deutschen Presserat, dass die Menschen durch zu viel nette Berichte von den wahren Problemen dieser Welt abgelenkt werden könnten. „Wir müssen aufpassen, dass wir mit diesen romantischen Tiergeschichten nicht zudecken, was sich real mit Kindern abspielt“, sagte er.

Ein Vorwurf, den Hock zurückwies: „Wir lenken die Menschen nicht ab. Die Menschen blenden die Probleme schon selber aus.“ Und wenn die ausführliche Berichterstattung über Flocke dazu führe, dass die dramatische Situation von Eisbären in freier Wildbahn mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücke, habe sich der Rummel schon gelohnt.

Kleiner Teddy in der Farbe der Unschuld

Für Zoodirektor Encke ist dieser ohnehin rätselhaft. „Ich denke, die Medien waren auch völlig überrascht von dem Rummel, den sie selbst ausgelöst haben“, meinte er. Bisweilen hätten die Pressetermine auch satirische Züge angenommen, etwa mit Fragen nach der Verdauung des Raubtiers. Doch vielleicht sei die Begeisterung für Flocke kulturgeschichtlich zu erklären. Mehr noch als Delfine erfüllten Bären das Kindchenschema. Seit jeher erhielten Kinder Teddys zum Spielen. Hinzu komme die Farbe weiß für Unschuld. Dazu kämen die vielen misslungenen Aufzuchtversuche von Eisbären in Zoos, die rührende Episode um den von seiner Mutter verstoßenen Knut in Berlin und schließlich das Drama in Nürnberg, als Eisbärin Vilma ihren Nachwuchs sogar auffraß. „Da steckt ganz viel Emotion dahinter. Das hat mit dem kleinen Tier selbst nichts zu tun“, sagte der Zoochef.

Dennoch findet Encke auch Positives an der Begeisterung. „Ich habe nichts dagegen, dass man Tiere einfach auch mögen kann.“ Gut wäre, wenn die Freude an einem einzelnen kleinen Wesen zu Interesse für die Probleme seiner Gattung führen würde. Die Begeisterung müsse weiter wandern „vom Herz in den Kopf.“ (AP)

 

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