Aktuelle Nachrichten – Unternehmen
16.07.2012
Foto: Mario Vedder/dapd
Lauterbach – Von der konjunkturbelebenden Wirkung des Wetters hat Hutfabrikant Hans Theodor Wegener ganz eigene Vorstellungen. "Am liebsten ist mir Frost bis August und Neuschnee ab September", sagt der 63-Jährige ohne viel Ironie. "Und Schirme sind ja nun ganz idiotisch", fügt er hinzu. Mit seiner individuellen Sicht auf die Welt hat der Betriebswirt Erfolg: Wegener in Lauterbach am Ostrand des Vogelsbergs ist Hessens einzig verbliebener Huthersteller und einer der letzten in Deutschland. "Und Zylinder fertigt industriell außer uns keiner mehr auf der Welt", ergänzt der Firmeninhaber.
1,4 Millionen Hüte und Mützen bringt Wegener derzeit im Jahr in den Handel und setzt so mit 58 Mitarbeitern in Lauterbach und 22 in Polen zehn bis elf Millionen Euro jährlich um. Weil die Lohnkosten zu hoch waren, wurde die in Hamburg gegründete "Haarhutfabrik" vor knapp 130 Jahren ins Oberhessische verlegt. Im rauen Vogelsberg waren die Gehaltsvorstellungen in der Bevölkerung bescheidener als im weltläufigen Altona. Die 1885 am neuen Standort installierte Wasserturbine an einem Nebenarm der Lauter erzeugt für die Produktion noch immer Strom – heute heißt es Bioenergie.
In den 1920er-Jahren entstanden gleich neben der Fabrik kleine Siedlungen, in denen die Angestellten der Hutfabrik günstig mit ihren Familien wohnen konnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten in dem Lauterbacher Betrieb zeitweise über 300 Menschen. "Mein Vater hatte in den USA die Fertigungslizenzen für einen wetterbeständigen Hut aus Biberhaaren erworben, das brachte Erfolg", berichtet Wegener. Das von Cowboys bei der Bedeckung ihres Kopfs bevorzugte Material ersetzten die hessischen Fachleute durch eine Mischung aus Kaninchen- und Hasenhaaren.
Heute entstehen bei Wegener Hüte aus Schafs- und Ziegenwolle, Leder, Baumwolle, Kunstfaser und eben Haar. "Experten verstehen hierzulande unter Haar das aus Kaninchen- und Hasenfell gewonnene Material", erklärt der Fabrikant. "Wir rechnen drei Kaninchen pro Hut", fügt er kaufmännisch hinzu. "Aber wenn eine Lauterbacher Schulklasse bei uns zu Besuch ist, lasse ich diese Angabe lieber weg." Mit Wegeners Erzeugnissen aus unterschiedlichsten Rohstoffen schmücken sich auch sächsische Bergmannskapellen, Förster, Bodenseekapitäne und Bestatter.
In mehreren Bundesländern tragen außerdem Polizisten ein Lauterbacher Produkt auf dem Kopf. "Über die amtliche textile Leistungsbeschreibungen staune ich manchmal", sagt Wegener. "Für die Mützen sächsischer Gefängnisinsassen muss es reine Baumwolle sein, für die Polizisten des Lands reicht Kunstfaser." Ungeachtet des späteren Trägers setzt Wegener bei jedem Produkt auf Funktionalität: "Was Sie auf dem Kopf haben, muss Sie vor Kälte, Hitze, Regen, Staub und UV-Strahlung schützen."
Werner Ruppel arbeitet seit 42 Jahren in der Lauterbacher Produktion, er ist Fachmann für die Fertigung von Zylindern. Jährlich verlassen davon 4.000 Stück die Fabrik. "Unser wertvollster ist der mit Seide bespannte Chapeau Claque, im Handel kostet so ein einklappbares Exemplar 600 Euro." Zu den Kunden, die für eine Maßanfertigung regelmäßig in Lauterbach reinschauen, gehört der Pariser Jonglagekünstler Kris Kremo, der auch durch seine Auftritte im Frankfurter Tigerpalast-Varieté bekannt ist. "Der Mann braucht für seine Tricks besonders austarierte Exemplare, die alle rot sein müssen und natürlich identisch", erläutert Ruppel.
Auch einen ganz bestimmten Auftrag will Wegener wieder zurück nach Lauterbach holen. "Seit 1960 kamen die Kopfbedeckungen unserer Olympiamannschaften stets von uns aus Hessen", erzählt der Fabrikant. Zu den Spielen in London werden die deutschen Sportler am 27. Juli mit Hüten eines Münchner Sponsors ins Stadion einmarschieren. "Schwarz-rot-gold verziert, made in China. Grässlich. Nach den Spielen ohne Wert!", moniert Wegener. Ein Lauterbacher Produkt hätte stattdessen "einfach geschmackvoll" ausgesehen, macht Wegener Werbung in eigener Sache und ergänzt: "Jedenfalls nicht wie ein Fanartikel von der Tanke." (dapd)
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