Anne-Sophie MutterFoto: SEBASTIAN WILLNOW/AFP/Getty Images

Geigerin Anne-Sophie Mutter wird 50

Von 28. Juni 2013 Aktualisiert: 28. Juni 2013 8:31

„Nichts ist langweiliger, als wenn man sich festlegen lässt. Ich möchte immer wieder neue Aspekte in meiner künstlerischen Persönlichkeit finden.“ So äußerte sich Anne-Sophie Mutter, Deutschlands prominenteste Geigerin, 1998 über ihre Vorliebe, neben den Klassikern auch neuste Kompositionen in ihr Repertoire aufzunehmen und dem Publikum bekannt zu machen. Während einer kometenhaften Karriere ist das ehemalige Wunderkind neben diesem Leitsatz auch noch einem anderen Prinzip treu geblieben, nämlich dem, ihren Weg selbst zu bestimmen. „Aufgezwungen wird mir nichts“, behauptet sie über die Anzahl ihrer Konzerte und die Auswahl ihrer Programme.

Schon als Kind wusste Anne-Sophie, was sie wollte. Das jüngste Kind und die einzige Tochter des Journalisten und Zeitungsherausgebers des „Alb-Boten“ Karl-Wilhelm Mutter und seiner Frau Gerlinde geb. Winter wurde am 29. Juni 1963 in Rheinfelden/Baden geboren und verliebte sich mit fünf Jahren in das Instrument ihres späteren Berufslebens, als sie eine Mozart-Aufnahme von Yehudi Menuhin (1916 – 1999) hörte. Sie überzeugte ihre Eltern, dass sie statt des geplanten Klavierunterrichts Geigenstunden bekommen sollte und gewann im darauffolgenden Jahr den nationalen Wettbewerb für junge MusikerInnen von 6 bis 24 Jahren, „Jugend musiziert“. Unter den SiegerInnen war sie in der Geschichte dieses Wettbewerbs die allerjüngste überhaupt. Da sie im folgenden Jahr wieder gewann, wurde sie gebeten, nicht mehr am Wett-bewerb teilzunehmen. Trotz vieler Einladungen begrenzte Anne-Sophies Vater als ihr Manager die öffentlichen Auftritte des Mädchens auf einen bis zwei im Jahr. Die meisten ihrer Konzerte fanden zu Hause statt, mit ihren beiden Brüdern Christoph (Klavier) und Andreas (Viola).

Zusammen mit ihrem Bruder Christoph gewann sie im Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ im Fach „Klavier vierhändig“. Die Mutter und Privatlehrer und Lehrerinnen übernahmen ihre nicht-musikalische Erziehung. Anne-Sophie Mutter hat nie eine Schule besucht. Sie ist die einzige deutsche Künstlerin, die vom 6. Lebensjahr an vom Schulbesuch total befreit wurde. Geschadet hat es ihr nicht – im Gegenteil.

Als Anne-Sophie zehn Jahre alt war, starb ihre Geigenlehrerin Erna Honigberger, und das Wunderkind wechselte zu Aida Stucki (1921 – 2011) ans Konservatorium in Winterthur. (Beide Lehrerinnen waren Schülerinnen des berühmten ungarisch-jüdischen Geigers Carl Flesch, 1873 – 1944.) Mit dreizehn wurde Anne-Sophie von Herbert von Karajan entdeckt und begann ihre internationale Karriere 1977 unter seiner Leitung als Solistin bei den Salzburger Pfingstkonzerten. Es folgten Konzerte und Recitals in England, Berlin und Nordamerika, am Anfang nur fünf oder sechs im Jahr. Bald aber unternahm die Künstlerin äußerst anstrengende Tourneen, mit 120 Aufführungen in einem Jahr und Debüt-Auftritten allein 1985 in Moskau, Japan, Toronto und Jerusalem.

Anne-Sophie Mutter kennt keine nervöse Ängstlichkeit auf der Bühne: beherrscht und konzentriert spielt sie mit absoluter technischer Perfektion. Mutters aristokratisches Auftreten vor dem Publikum wird durch ihre Schönheit – sie spielt immer mit Dekolleté – noch unterstrichen. „Nie im Leben würde ich in einem Kleid, das nicht schön ist, auf die Bühne treten“ erklärte sie einem Interviewer. Allerdings betont sie auch die praktischen Vorteile des schulterfreien Dekolletés für das Spiel. Bei dieser Aussage vergaß Anne-Sophie Mutter allerdings die wahre Geschichte. Der weltmächtigste Künstleragent, Ronald Wilford von Columbia Artists (57th Street, New York), der Anne-Sophie Mutter seit mehr als 30 Jahren unter Exklusivvertrag hält, hatte das modische Erscheinungsbild der Künstlerin zur Bedingung gemacht.

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Ausdauer, langer Atem und Wissen

„Musik muss wieder praktisch erlernbar werden. Ich stelle mir vor, dass Musikstudenten in den Unterricht kommen und in direktem Kontakt mit den jungen Schülern jedes Instrument des Orchesters vorstellen. Außerdem sollten Lehrer früh das wichtige Repertoire behandeln: die großen sinfonischen Werke und besonders Opern, in denen man lernen kann, dass Musik ganz konkret mit Geschichten von Menschen zu tun hat. Für den praktischen Teil glaube ich, dass kleine Opernproduktionen in den Klassen durchaus möglich sind. Ich bin kein Fan dieser Orffschen Erziehung, weil sie über das Gefühl für Rhythmus das wichtigste Element der Musik vernachlässigt: die Gesanglichkeit und die Melodie. Ich halte das frühe Erlernen von Noten und das gemeinsame Singen für viel wichtiger. Es muss mehr als bisher um die Vermittlung des Handwerkszeugs gehen. Nur wer Noten lesen kann, ist in der Lage, die phantastische Dimension von Musik zu verstehen: die strukturelle Tiefe unter der hörbaren Oberfläche. Aber ich befürchte, dass die Fernseh-Generation erst einmal die Grundvoraussetzungen zum musikalischen Verständnis neu erlernen muss: Ausdauer, langen Atem, Wissen und ungeteilte Aufmerksamkeit. Die nötige Ruhe für die Musik ist bei der medialen Geschwindigkeit selten geworden“.

Mutters Begeisterung für zeitgenössische Musik hat das Violinrepertoire bereichert: sie gibt Werke in Auftrag, und Komponisten wie Lutoslawski und Penderecki widmeten ihr neue Kompositionen. Das für sie geschriebene Violinkonzert von André Previn kreierte sie im März 2002 in Boston (sie heiratete den 35 Jahre älteren Komponisten kurz darauf im Juli 2002 in New York). Previn wurde am 6. April 1929 (wenige Wochen später spielte Yehudi Menuhin in Berlin 13-jährig sein sensationelles Konzert – Bach, Beethoven, Brahms) in Berlin als Andreas Ludwig Priwin geboren. 1939 floh die jüdische Familie nach Los Angeles/USA. Previn wurde ein berühmter Jazz- und Klassik-Pianist, begabter Komponist und Dirigent. Mit Anne-Sophie Mutter war er nur wenige Jahre lang in fünfter Ehe verheiratet.

Die weltberühmte Künstlerin wird nicht nur als Solistin, sondern auch als Kammermusikpartnerin gefeiert: zusammen mit dem Pianisten Lambert Orkis und dem Cellisten Lynn Harrell machte sie diverse Trio-Tourneen. Ihre zahlreichen Plattenaufnahmen gewannen viele Preise, darunter im Jahr 2000 den „Grammy-Award for Chamber Music Performance“ für die Live-Aufnahmen der Beethoven-Sonaten. Anne-Sophie Mutter setzt sich auch mit Leidenschaft für wohltätige Zwecke ein. Sie hat eine Stiftung gegründet, die junge StreicherInnen weltweit fördert, und gibt regelmäßig Benefizkonzerte, um die Arbeit an medizinischen und sozialen Problemen zu unterstützen. Mutter war sechs Jahre lang mit dem Münchner Star-Anwalt und Karajan-Freund Detlef Wunderlich verheiratet, bis zu seinem Tod im August 1995. Aus dieser Ehe sind ihre Tochter Arabella und ihr Sohn Richard. Der über 30 Jahre ältere Detlef Wunderlich hatte Lymphdrüsenkrebs. Anne-Sophie Mutter war beim Tode ihres Mannes in München zugegen, hatte zwei Tage später eine Konzertveranstaltung in Österreich, die sie nicht absagen wollte. Mit größter Disziplin erfüllte sie ihre Pflichten dem Publikum gegenüber und ließ die Öffentlichkeit erst danach vom Tod ihres Mannes in Kenntnis setzen. Sie wurde 2008 mit dem „Ernst-von-Siemens-Musikpreis“, dem Nobelpreis für klassische Musik, ausgezeichnet, erhielt im Jahr 2009 das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und ist Ehrenmitglied der Royal Academy of Music in London.

Wenige Tage vor ihrem 50. Geburtstag ist Anne-Sophie Mutter von einer großen Tournee durch Japan, Taiwan, China und Süd-Korea zurückgekehrt. Im Gepäck stets dabei ihre Stradivari „Lord Dunn-Ravan“.

 


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