Shaolin – der Schleier fällt

Von 16. September 2006 Aktualisiert: 16. September 2006 17:11
Bericht über Traum und Wirklichkeit

Ich war schrecklich aufgeregt, als ich nach erfolgreichem Abschluss meines juristischen Referendardienstes beschloss, mir einen Kindheitstraum zu erfüllen: Nach Asien zu reisen und mich in einem Kloster den Kampfkünsten zu widmen. Diesen Wunsch hegte ich in den tiefsten Tiefen meiner Seele, seit ich die Serie „Kung Fu“ mit David Carradine als junges Mädchen Anfang der 70er Jahre mit grenzenloser Faszination  Woche für Woche verfolgt hatte.

Foto: China Photos / Getty Images

Wer erinnert sich nicht an die eindrucksvollen, heiligen Mönche des Klosters Shaolin, Beschützer der Schwachen, gesegnet mit unendlicher Weisheit über das Leben und den Kosmos?

Ihre Kunst, sich mit baren Händen und Fäusten gegen jeden nur erdenklichen Angriff verteidigen zu können, stellt der junge Carradine auf seiner Reise durch den Westen in den Dienst der wahren Gerechtigkeit jenseits von Menschen geschaffener Gesetze.

Ankunft unter gutem Vorzeichen

Da meine Haltung gegenüber China im Hinblick auf die Menschenrechtssituation dort überaus skeptisch war, begann meine Suche nach dem geeigneten Ort für mein Vorhaben in Japan, das ebenfalls berühmt ist für Kampfkünste. Bald musste ich jedoch feststellen, dass mich meine Recherchen immer wieder nach China und Shaolin führten. Wollte ich tatsächlich in einem Kloster bei Mönchen Kampfkunst studieren, blieb mir keine Wahl.

Darüber hinaus ist das Kloster Shaolin in der Provinz von Henan historisch betrachtet die Wiege der Kampfkünste.

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Fest entschlossen und mit der Vorstellung gerüstet, eine Woche fastend vor der Klosterpforte kampieren zu müssen, bevor die heiligen Männer mich als Frau akzeptierten, trat ich meine Überfahrt nach China an.

Von nun an lief alles wie am Schnürchen. Den ersten Mann, den ich in der nähergelegenen Stadt Dengfeng auf der Straße nach einer Touristeninformation fragte, sprach nicht nur fließend Englisch – eine chinesische Rarität, insbesondere in der Provinz – sondern entpuppte sich auch als guter Bekannter des Chief Warrior Monks der Shaolin Mönche, Shi Yan Lu.

Ein Anruf bei dem vielbeschäftigten Chief genügte, dass dieser mich persönlich mit seinem schicken Geländewagen abholte und in das 20 Minuten von Dengfeng entfernte Kloster brachte.

Das ist zweifelsohne nicht der übliche Gang der Dinge. Diese besondere Ehre hatte ich wohl einer Reihe von Umständen zu verdanken, unter anderem der Tatsache, dass ich mit dem ersten Schnee in Shaolin angekommen war. Dies sei für die Shaolin Mönche, wie mich Shi Yan Lu mit Hilfe der herbeigeholten Übersetzerin später wissen ließ, ein Zeichen von Glück.

In dem ungeheizten Büro innerhalb des Klosterkomplexes wurde das Geschäftliche besprochen. Es gab offiziell festgelegte Sätze für Ausländer, von ca. 10 € bis über 45 € pro Tag – Training, Übernachtung und Verpflegung inklusive – je nachdem, wie lange man vorhatte in Shaolin zu bleiben. Da mir die Sache ernst war, und ich drei Jahre dort verbringen wollte, wurde mir der niedrigste Satz geboten.

Ich wusste, dass an Shaolin eine Schule für Kung Fu angegliedert war, die sich in Dengfeng befand. Diese Alternative wäre für mich nicht in Frage gekommen. Mir wurde jedoch versichert, dass ich nicht in die Schule in Dengfeng geschickt werden sollte, sondern in unmittelbarer Nähe des Klosters schlafen und im Kloster selbst trainieren würde. Überglücklich darüber, meinen Willen nicht in eisiger Kälte vor den Pforten unter Beweis stellen zu müssen, willigte ich ein.

Auch im weiteren Verlauf unserer ersten Begegnung war Shi Yan Lu ausnehmend zuvorkommend und herzlich. Er fuhr mich persönlich zurück zum Hotel in Dengfeng, um dort mein Gepäck abzuholen, sowie zur Bank, wo ich mit Hilfe der Übersetzerin ein Konto eröffnete.

Dann fuhr er mit uns zurück zum Kloster und lud mich gemeinsam mit seinem Cousin Meng, der in der Verwaltung arbeitet, und der Übersetzerin zum Essen ein.

Insektenspray und Antibiotika

Chef der Kriegermönche Shi Yan Lu ist, wie ich später mit Trainingsgenossen und anderen übereinstimmend feststellte, die herausragendste Persönlichkeit in Shaolin.

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Die Erwartungen, die sein offener, warmherziger Empfang bei mir geweckt hatte, sollten jedoch nach und nach der ernüchternden Realität weichen.

Die erste Desillusionierung hinsichtlich der heiligen buddhistischen Mönche brachte mir ihr Umgang mit Tieren.

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Spätestens nach dem berühmten Film „Sieben Jahre Tibet“ wissen wir, dass den Buddhisten alles Leben, auch das der Tiere, heilig ist. In dem Film droht der Bau eines Kinos zu scheitern, weil die Gefahr besteht, dass dabei in der Erde befindliche Würmer zu Tode kommen. Nun, Tibet ist nicht China, und bei den Warrior Monks steht Fleisch auf dem täglichen Speiseplan, denn, so die Rechtfertigung der Mönche, die vermeintlich spirituelle Praxis des Kung Fu würde den Genuss von Fleisch unverzichtbar machen.

Damit aber nicht genug: Mit Beginn der Fliegenplage – angezogen vom Müll, der offen in unmittelbarer Nähe des Wohnbereiches gesammelt und alle paar Wochen verbrannt wird, egal um was für Abfallstoffe es sich handelt – erschien ein klostereigener Bus im Wohnbereich mit flüssigem Insektengift, das von nun an zwei mal täglich überall auf dem Hof, im Aufenthaltsraum und beim ersten Mal auch in den Zimmern verteilt wurde.

Zudem wurde eine Kiste Insektenspray ausgegeben, der zusätzlich in Zimmern, Aufenthaltsraum und Küche in gigantischer Menge auch inmitten der Mahlzeiten eingesetzt wurde, als handele es sich um einen Luftbefeuchter.

Als auf meinen empörten Protest hin der Gebrauch des Sprays ein wenig eingeschränkt wurde, beschwerte sich Shi Yan Lu anlässlich seines Besuches im Aufenthaltsraum, warum nicht ausreichend Gift gesprüht wurde.

Als ein Lippenherpes bei mir aufblühte, wähnte ich mich bei den Mönchen in guten Händen. Unser Shifu, der meine Gruppe im Kung Fu unterrichtete, war 15 Jahre Shaolin Mönch gewesen und nun oberster Lehrer aller Kung Fu Trainer. Welche Medizin würde er mir wohl ans Herz legen? Chinesische Heilkräuter? Die passende Qi Gong Übung, um mich wieder mit dem Kosmos in Einklang zu bringen? Oder würde er sich der Akupunktur bedienen, um durch einen gezielten Nadelstich die aufgestaute Energie in meinen Meridianen wieder zum Fließen zu bringen?

„Injektion von Antibiotika.“ Willkommen in der Wirklichkeit. Es bedurfte einer geschlagenen halben Stunde, bis ich meinerseits den heiligen Mann davon überzeugt hatte, dass es nicht in Frage kam, dass er mir wegen eines Herpes an der Lippe Antibiotika spritzte.

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Das Kloster und das Geld

Ich fragte mich oft, ob das Kloster irgendeine Möglichkeit übersehen haben könnte, mit seinem berühmten Namen Geld zu machen.

Neben 100 Yuan Eintritt für eine Besichtigung, für Europäer 10 €, für Chinesen eine Stange Geld – ein Trainer in der Schule von Shaolin in Dengfeng verdient 300 Yuan pro Monat plus Kost und Logis, und das ist immerhin keine unqualifizierte Arbeit – gibt es noch eine ganze Menge anderen Schnick Schnack, mit dem der Markenname Shaolin in klingende Münzen verwandelt wird.

Von den Welttourneen der Mönche angefangen über Verkauf von Souvenirs weiter zu Hochglanzkalendern und einer DVD, die neben den üblichen Selbstdarstellungen der Warrior Monks deren Chief Shi Yan Lu in einem linientreuen Interview im chinesischen Fernsehen zeigt. Welche Linie? Es gibt nur eine in China, und wer hofft, dass ein spirituelles Zentrum wie das berühmte Shaolinkloster eine Ausnahme macht, der irrt gewaltig. Hinter vorgehaltener Hand wurde mir ein großes Geheimnis anvertraut: mit dem neuen Abt ist ein Regierungsfunktionär in Shaolin eingezogen, der bis dahin weder mit Kung Fu noch mit buddhistischem Mönchsdasein viel am Hute hatte. Wie das möglich war? Ich bin selbst immer wieder Zeuge eines einfachen Prinzips geworden: mit Geld kann man in Shaolin alles kaufen. Und so hat sich laut meiner Informationsquelle ein Regierungsfunktionär an die Spitze von Shaolin eingekauft.

Nach dem selben Prinzip wurde auch ein russischer Junge Namens Seraphim, der mit seinen reichen Eltern eine Woche bei uns verbrachte, in feierlicher Zeremonie von Shi Yan Lu adoptiert und mit dem neuen Namen Shi Han Lu geehrt. Wie hoch die „Spende“ für das Kloster oder Shi Yan Lu selbst im Gegenzuge war, wissen wir nicht, wohl aber, dass reichlich Geld floss. Das hat uns Seraphim selbst anvertraut. Sicher ist, dass sie alleine für den Aufenthalt das Zehnfache von dem Betrag zahlten, den beispielsweise ich entrichtete.

Unterhält Shaolin im Gegenzuge irgendwelche karitativen Einrichtungen? Nein, nicht eine einzige.

Hartes Training – Schläge inbegriffen

Meine Tage in Shaolin waren schließlich gezählt, als ein weiteres Ereignis das Fass zum Überlaufen brachte: Zwei kleine Chinesen von zwölf und vierzehn Jahren wurden so mit einem Stock verprügelt, dass dieser brach. Der Grund war, dass sie angeblich ihre Kung Fu Formen nicht gut genug gemacht haben sollen, weil, so unser Shifu, sie wiederholt ihre Freizeit im Internetclub verbracht hatten. Ich habe mir den Stock, als ich im Nachhinein davon erfuhr, aus dem Mülleimer gefischt: kein Stöckchen, ein Stock. Auf meine Woge des Zornes und Entsetzens hin erfuhr ich, dass diese Art der Bestrafung für mangelnde Leistung in der Schule des Klosters in Dengfeng zum Trainingsalltag gehört. Eines der Kinder ist beim morgendlichen Laufen um kurz nach fünf Uhr nicht schnell genug? Ein Schlag mit dem Stock wird’s schon richten. Ein Alptraum für die schwächeren Schüler.

Die Kinder werden teilweise so geprügelt, dass sie nicht mehr sitzen und auf dem Rücken liegen können.

Diese barbarischen Sitten gehen auf die Anordnung des Chief Warrior Monk Shi Yan Lu höchstpersönlich zurück.

Dieser hielt als Antwort auf meine Woge des Protestes mit Hilfe der Übersetzerin eine kleine Rede vor der versammelten Trainingsgruppe: Ausländer würden nicht geschlagen. Aber für seine chinesischen Schüler gilt: „Wer nicht schnell genug läuft, wer nicht hoch genug springt, der bekommt eben eines mit dem Stock übergezogen.“

Wundert es da noch jemanden, dass immer wieder Schüler versuchen, aus der Schule wegzulaufen? Mit wie viel Angst und Schrecken wachsen vor allem schwächere Kinder in dieser Trainingsanstalt unter der Leitung des berühmten Klosters auf? Die Eltern schicken ihre Kleinen nach Shaolin oder in die über 200 weiteren Kung Fu Schulen rund um das Kloster, wohl wissend, was diese dort erwartet. Kinder zu prügeln ist in China Tradition.

Mit dieser alten Tradition rechtfertigte auch mein Shifu mir gegenüber diese Brutalität.

Ich hatte der Übersetzerin damals kaum geglaubt, als sie mir bei meiner Ankunft anvertraute, dass sie selbst Shi Yan Lu noch nie so nett erlebt hatte. Alle, Schüler wie Angestellte, hätten Angst vor ihm.

Hatte ich mir dieses Gesicht des Chief Monk Shi Yan Lu seinerzeit schwer vorstellen können, so hatte er es mir nun selbst offenbart.

 

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