Gibt es noch Organraub in China? Oder ist nach der Transplantations-Reform von 2015 jetzt alles in Ordnung?

Von 21. Juli 2018 Aktualisiert: 19. Juni 2019 15:14
Organraub nennt man die Entnahme von Organen ohne Einwilligung des „Organspenders“, um sie gewinnbringend zu verkaufen und Organempfängern zu transplantieren. Die unfreiwilligen Organspender sterben bei diesem Vorgang.

Laut offizieller Aussage würden in China seit dem Jahre 2015 keine Organe mehr von Hingerichteten für die Transplantation verwendet und freiwillig gespendete Organe sollten die einzige Quelle für die Transplantation sein.

Durch Präsentationen auf Veranstaltungen, Veröffentlichung von Spendenzahlen sowie Einladung internationaler Experten zu geführten Besichtigungen, hat China Anerkennungen von einigen Organisationen erhalten.

Ist wirklich in China nun alles in Ordnung?

Zuerst zu den zum Tode verurteilten Gefangenen: Als China im Dezember 2014 ankündigte, Organe von hingerichteten Gefangenen ab 2015 nicht mehr für die Transplantation zu nehmen, haben viele internationale Experten geglaubt, dass die Verwendung der Gefangenenorgane in China seitdem gesetzlich verboten sei. Das ist aber ein Irrtum.

Die Ankündigung war nichts anderes als ein mündliches Versprechen, sie existiert nur als Medienmeldung. Es gibt nicht mal ein offizielles Dokument dazu, geschweige denn Gesetze. Nun sind mehr als drei Jahre vergangen und es gibt in China immer noch kein Gesetz, welches die Verwendung der Gefangenenorgane verbietet. Manche chinesische Experten sind gegen eine Gesetzgebung. Solch ein Gesetz würde die „Rechte der Gefangenen zum Organspenden“ behindern, heißt es ihrerseits.

Die vorhandenen Gesetze in China verbieten Organentnahmen ohne Zustimmung. Sie machen jedoch keinen Unterschied, ob der „Spender“ ein Gefangener oder ein freier Bürger ist. Seit 2014 gibt es in China auch den Versuch, Gefangene als freiwillige Bürger beim Organspenden umzudefinieren. Auf jeden Fall ist, wenn eine „Zustimmung“ von den Gefangenen eingeholt wurde, die Verwendung der Gefangenenorgane in China immer noch legal.

Es wurde neulich auch in einem Fachartikel die Ankündigung als ein Gesetz falsch interpretiert. Nach dem Kritik laut wurde, forderte der Editor die Autoren auf, das Wort „Gesetz“ in einer Korrektur auszutauschen. Die Autoren behaupteten dann, dass die Verwendung der Gefangenenorgane in China durch eine nationale Leitlinie vom August 2015 unterbunden sei. Wie das funktionieren? Denn, per Definition sind Leitlinien nur Empfehlungen und keine Vorschriften noch Gesetze. Sie haben keine Gesetzeskraft.

Nun zu den freiwilligen Organspenden

China hat im Jahre 2010 ein Pilotprogramm eingeführt, welches im Jahre 2013 zu einem nationalen Organspendeprogramm weiterentwickelt wurde. Laut offizieller Angabe stammten 23% der Transplantate im Jahr 2013 in China aus freiwilligen Spenden. Diese Zahl erhöhte sich sprunghaft auf 80% im Jahr 2014 und auf 100% im Jahr 2015. Ein Prozess, der in anderen Ländern Jahrzehnte brauchte, hätte in China damit nur zwei Jahre gedauert!

Bis Ende 2017 haben sich 373.536 Menschen in China als freiwillige Organspender registrieren lassen. Zum Vergleich: In den USA gab es 2016 etwa 130 Millionen registrierte Organspender, aus denen 9971 tatsächliche Organspender wurden. Überträgt man das Verhältnis der registrierten Organspender zu den tatsächlichen Organspendern von den USA auf China, würden aus den registrieren Organspendern in China weniger als 30 tatsächliche Organspender pro Jahr werden. Im Klartext, das Organspendesystem mit den registrierten Organspendern, welches wir aus anderen Ländern kennen, funktioniert in China gar nicht.

China erklärte später, dass die Organe hauptsächlich aus den nicht-registrierten Patienten in den Intensivstationen stammen würden. Organkoordinatoren identifizieren schwerkranke Patienten als potentielle Organspender und bieten den Familienangehörigen eine hohe Geldsumme als Kompensation an. Auf diese Weise würden einige Tausende Organspender pro Jahr gewonnen, heißt es seitens der Transplantations-Funktionäre. Im Jahre 2017 wären es nach offiziellen Angaben 5.146 Organspender, die 15.000 Transplantationen ermöglicht haben sollen.

Das Problem mit diesen Zahlen ist die fehlende Transparenz, da sie sich nicht unabhängig verifizieren lassen. In den Medien findet man Berichte über Organspenden in vielen Provinzen Chinas. Wenn man die Zahlen der verschiedenen Regionen zusammenrechnet, kommt man nicht mal auf die Hälfte der von den Transplantations-Funktionären behaupteten Zahl. Daher ist die Höhe der Organspenderzahl fraglich.

Auch wenn man annimmt, dass diese Zahl stimmen würde, also aus 5.000 Spendern circa 15.000 Organe, wie lange sollen die Patienten denn auf ein Organ warten? Wenn tatsächlich alle Transplantate aus freiwilligen Spenden kommen würden, wie in den westlichen Ländern, dann müssten die Patienten in China auch so lange auf ein Organ warten, wie dort. So ist es aber nicht.

Schon seit 2003 werben chinesische Krankenhäuser um internationale Patienten mit Wartezeit von Tagen bis Wochen. Erstaunlicherweise besteht dieses Organ-auf-Bestellung Muster auch nach der „Reform“ im Jahre 2015. Telefon-Ermittlungen in den Jahren 2016 – 2017 ergaben, dass die Transplantationsorgane in den Krankenhäusern reichlich vorhanden waren und von hoher Qualität blieben, mit Wartezeiten von wenigen Wochen.

In Oktober 2017 hat ein Fernsehsender aus Südkorea eine Gruppe investigative Journalisten nach Tianjin geschickt, um dort eine Vorortuntersuchung durchzuführen. Sie fanden heraus, dass immer noch sehr viele ausländische Patienten für Transplantationen nach China reisen. Die Wartezeit liegt zwischen Tagen und Wochen. Wenn man an die krankenhauseigene Stiftung Geld spendet, bekommt man noch schneller ein Organ.

Es kommen mehr Patienten aus dem Nahen Osten als aus Südkorea hieß es damals durch eine Krankenschwester. Für einen Patienten aus dem Nahen Osten wurden die Kosten sogar von der Botschaft seines Landes direkt bezahlt. In den zwei Gebäuden des Transplantationszentrums sind drei Etagen exklusiv für internationale Patienten vorgesehen. Es wurden an einem Tag allein in diesem einen Transplantationszentrum acht Transplantationen an ausländischen Patienten durchgeführt. Wenn das der Tagesdurchschnitt ist, würde das über 2.000 Organtouristen pro Jahr bedeuten – allein in diesem Krankenhaus.

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Offiziell ist es in China seit 2007 verboten, ausländischen Patienten Organe zu transplantieren, aber „die Regierung tut so, als ob sie nichts davon wüsste“, plauderte die Krankenschwester aus. Sie versprach auch, dass die Organe jung und gesund sind – also ganz anders sind als die Organe von schwerkranken Patienten von den Intensivstationen.

Die Vorortuntersuchung der koreanischen Journalisten zeigt uns zweierlei Sachen:

Erstens, die Wartezeit auf ein Organtransplantat bleibt auch nach der sogenannten Reform im Jahre 2015 extrem kurz. Diese kurze Wartezeit lässt sich unmöglich durch die wenigen Tausende freiwillige Spender erklären. So ein Organ-auf-Bestellung-System ist nur durch eine riesige lebende Organbank zu realisieren. Der neue Bericht des China Organ Harvest Research Center (COHRC) kommt zu dem Schluss, dass die Gewissensgefangene nach wie vor die Hauptorganquelle in China darstellen.

Zweitens, der Organtourismus nach China boomt weiterhin auch nach der „Reform“ im Jahre 2015. Wenn das größte Transplantationszentrum Chinas (500 Betten für Transplantation) 3 Etagen in seinen Gebäuden offiziell als internationale Abteilung beschriftet, und Transplantationen für ausländische Patienten in großem Umfang durchführt, dann sind das keine Regelverstöße von einzelnen Chirurgen. Das ist ein Systemfehler. Das bedeutet, die Aufsicht durch die Behörde hat komplett versagt bzw. komplett gefehlt.  Wie der COHRC 2018 Bericht herausgefunden hat, bleiben die chinesischen Aufsichtsbehörden für das Transplantationssystem lediglich „leere Hüllen“.

Chinas führender Transplantationsfunktionär gab in einem Medieninterview 2017 zu, dass in China nur eine Person den gesamten Organspendeprozess verwaltet und überwacht, verglichen mit 1.500 in den USA. Chinas Organbeschaffungsorganisationen (OPOs) sind in vom Ministerium genehmigten Transplantationszentren integriert; sie operieren ohne Aufsicht und werden durch die gleichen Chirurgen geführt, die an der unethischen Organbeschaffung und -transplantation beteiligt sind. Das stark publizierte nationale Organspende- und Verteilungssystem funktioniert in der Praxis nicht so wie behauptet wird. Die meisten Transplantationsorgane stammen nicht aus diesem System, da viele Krankenhäuser nicht darauf zugreifen konnten.

Zusammengefasst heißt das: Die Verwendung der Gefangenenorgane in China ist bis heute nicht gesetzlich verboten. Die registrierten Organspender in China werden kaum tatsächlich Organspender. Die Zahl der Organspenden in den Intensivstationen decken nicht die Zahl der behaupteten Transplantationen.

Die Wartezeit auf ein Organ in China bleibt extrem kurz. Das Persistieren eines Organ-auf-Bestellung-Systems lässt keine andere Schlussfolgerung zu, als die, dass die meisten Organe in China immer noch von Gewissensgefangenen stammen. Die sogenannte Reform im Jahre 2015 hat mehr Schein als Sein. Daher sollte man Chinas Transplantationssystem weiterhin kritisch beobachten.

Dr. Huige Li ist Universitätsprofessor für Pharmakologie an der Universitätsmedizin Mainz