Bao Tong im Gespräch: Ein-Partei-System in China aufgeben

Von 17. Mai 2009 Aktualisiert: 17. Mai 2009 20:38
Kurz vor dem 20. Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung in China, am 4. Juni auf dem Tiananmenplatz, werden die geheimen Memoiren des damals gestürzten reformerischen Parteichefs Zhao Ziyang veröffentlicht. …

Kurz vor dem 20. Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung in China, am 4. Juni auf dem Tiananmenplatz, werden die geheimen Memoiren des damals gestürzten reformerischen Parteichefs Zhao Ziyang veröffentlicht.

Das neue Buch „Gefangener des Staates“, in dem die Memoiren aufgezeichnet sind, wird zuerst auf Englisch vom amerikanischen Verlag Simon & Schuster herausgegeben. Herausgeber der chinesischen Auflage, die am 29. Mai 2009 erscheint, ist der Verlag des Sohnes des früheren Sekretärs von Zhao, des früheren Spitzenfunktionärs Bao Tong, in Hongkong.

Bao Tong selbst steht seit Jahren unter Hausarrest in Peking. Am 15. Mai sprach Bao am Telefon mit der Epoch Times über die geheimen Tonbänder und das neue Buch. Er betonte im Interview, dass er persönlich die Herausgabe des Buches organisiert habe, weil er den letzten Wunsch seines ehemaligen Chefs erfüllen wollte. Das sei ein Erbe, das der Ex-Parteichef dem chinesischen Volk hinterlassen hat und das sei auch die letzte Aufgabe, die sein ehemaliger Chef ihm gegeben habe.

„Ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen ist das Recht von Zhao“, sagte Bao. „Man kann das Buch von Zhao mit dem Buch von Jiang Zemin vergleichen, um zu schauen, wer die Wahrheit sagt, und wer lügt“, fügte Bao hinzu. Jiang war aufgrund seiner Befürwortung der Niederschlagung der Studentenbewegung im Jahr 1989 an die Macht als Parteichef gekommen, gleich nachdem Zhao wegen seiner Weigerung, das Militär gegen die Studenten zu schicken, gestürzt worden war.

Der bedeutende Wert der Lehre von Zhao liege im Verneinen der Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei, meint Bao in dem Gespräch. Zhao habe seine Memoiren aufgezeichnet, um den Menschen „die wahre Natur der Kommunistischen Partei zu zeigen“. Er sei der Meinung, dass China das westliche parlamentarische System einführen solle. Zhao Ziyang hatte bis zu seinem Tod unter Hausarrest gestanden.

Nach 20 Jahren solle die Führung in Peking nun mit ihrem Gewissen beurteilen können, ob die Armee eines Staates die Waffen gegen das eigene Volk richten dürfe, erklärte Bao.

Bisher bleibt die Pekinger Regierung stumm und die Staatsmedien Chinas haben auch nicht davon berichtet. Das zeige die innere Schwäche und Unsicherheit der Führung, so Bao.

Die demokratischen Aktivisten im Festland China wünschen, dass bald eine elektronische Version erscheint, um das Buch in China zu verbreiten, denn ein solches Buch kann unter dem strengen Kontrollsystem des Regimes nur sehr schwer verbreitet werden.

Epoch Times: Haben Sie die Tonbänder persönlich angehört?

Bao: Das Buch wird von mir persönlich betreut, natürlich habe ich die Tonbänder angehört.

Epoch Times: War es schwer, diese Tonbänder zu erlangen?

Bao: Es war sehr schwer bis die Tonbänder in meinen Händen gelandet sind.

Epoch Times: Was empfanden Sie, als Sie damals die Aufnahme anhörten?

Bao: Ich kann Ihnen klar sagen, dass diese Aufnahme von ihm ist. Die Stimme ist von ihm.

Epoch Times: Hat Zhao damals schon geplant, Bücher zu veröffentlichen?

Bao: Dass Zhao die Tonbänder hinterließ, darin sehe ich seinen Willen, ein Buch zu veröffentlichen. Ich schätze, dass er im Jahr 1993 bereits ein Manuskript geschrieben und 2000 das Tonband aufgenommen hat. Im Jahr 1992 ließ er meine Frau seine Worte an mich richten, als sie zu mir zu Besuch ins Gefängnis kam. Ich wurde zu sieben Jahren verurteilt und war damals im Gefängnis. Meine Frau teilte mir mit, dass Zhao mir sagen möchte, dass ich mich im Gefängnis gut ausruhen soll, um nach dem Gefängnis ihm helfen zu können, ein Buch, das „Zehn Jahre Zeit in Peking“ heißen sollte, zu schreiben. Er hat bereits einen Namen für das Buch ausgewählt, daher denke ich, dass er damals bereits entschlossen war, ein Buch über seine Lebensgeschichte in den zehn Jahren in Peking zu veröffentlichen.

Es war mir leider unmöglich ihm dabei zu helfen, denn ich wurde nach der Freilassung ebenso streng überwacht wie er. Deswegen hat er entschieden, diese Lebensgeschichte als Tonbänder aufzunehmen. Jetzt ist das Buch endlich erschienen. Ich bin sehr froh, dass das Buch zu diesem Zeitpunkt herauskommt. Ich bin auch beruhigt, dass ich den Wunsch von Zhao erfüllt habe. Obwohl ich in seiner Lebenszeit ihm nicht geholfen habe, das Buch „Zehn Jahre Zeit in Peking“ zu veröffentlichen, habe ich aber nach seinem Tod das Buch in die Öffentlichkeit gebracht, als englisches und als chinesisches Buch. Ich habe die letzte Aufgabe, die er mir gegeben hat, erfüllt.

Epoch Times: Warum wird die englische Version zuerst herausgegeben?

Bao: Das ist durch die besondere Situation Chinas bedingt. Wenn die chinesische Auflage zuerst erscheint und sie sofort zensiert wird, bedeutet es, dass das Buch sofort verschwinden wird. Aber wenn die englische Version zunächst herausgegeben wird und wenn das Buch von der internationalen Gesellschaft anerkannt wird, ist es dann nicht mehr so schwer, die chinesische Auflage bestehen zu lassen. Das war meine Überlegung.

Epoch Times: War es ein mühsamer Prozess, das Buch herauszubringen?

Bao: Sehr schwierig, aber auch ein fröhliches Erlebnis.

Epoch Times: Haben Ihre Familienangehörigen auch deshalb Druck bekommen?

Bao: Nein. Sie wissen nichts davon.

Epoch Times: Das Buch ist nun erschienen. Hat Peking auf Sie Druck ausgeübt?

Bao: Ich denke, dass Sie auf mich keinen Druck ausüben sollen. Ich gebe ein Buch von dem ehemaligen Chef der Kommunistischen Partei heraus, das ist doch eine offene und aufrichtige Sache. So wie das Buch des ehemaligen Parteichefs Jiang Zemin sich auf dem Markt verbreitet, kann das Buch von Zhao ein Paralleles dafür sein, um zu vergleichen, wer die Wahrheit gesagt und wer gelogen hat. Ich denke, dass jeder das beurteilen kann.

Was die Rechtmäßigkeit anbelangt, besagt Artikel 33 der chinesischen Verfassung, dass jeder chinesische Bürger vor dem Gesetz gleichberechtigt ist. Wenn die Herausgabe des Buches von Jiang rechtmäßig ist, dann soll es auch nicht gegen das chinesische Gesetz verstoßen, dass ich das Buch von Zhao herausgebe. Wenn Peking China als Rechtsstaat bezeichnet, dann soll das Buch kein Problem sein. Wenn ich deswegen Probleme bekäme, wäre es die sensationelle Nachricht über China – China ist doch kein Rechtsstaat. Ich wünsche nicht, dass es diese Situation geben wird.

Epoch Times: Warum wollten Sie das Buch verlegen? Was ist Ihr Hauptziel?

Bao: Ich dachte, dass das ein Erbe ist, das Zhao Ziyang dem chinesischen Volk hinterlassen hat. Wenn ich es schon gesehen habe, dann habe ich die Verantwortung, es in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Epoch Times: Was hat Sie in dem Buch am meisten beeindruckt?

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Bao: Ich denke, es war das, was Zhao Ziyang zu der Zukunft Chinas gesagt hat. Er meint, dass nur unter einem parlamentarischen Demokratiesystem die Marktwirtschaft funktionieren kann. Ohne das wird die Marktwirtschaft nur zur Korruption führen.

Er erzählt, dass er vor 1985 auch sehr zurückhaltend gegenüber politischen Reformen war. Seit 1985 war er der Meinung, dass ohne politische Reformen die Wirtschaftsreform zwangsläufig Korruption verursachen wird. Erst nach dem 4. Juni 1989 habe er klar gesehen, dass die Demokratie, über die in China und in Russland geredet wurde, nur eine gefälschte Demokratie sei. Die Demokratie, die wirklich Lebenskraft hat, sei das westliche parlamentarische System. Obwohl es noch Mängel hat, gebe es zur Zeit aber keine anderen Systeme, die besser seien. Als ein Mitglied, das 70 Jahre lang in der Partei gewesen ist, sei er nach seiner jahrelangen Beobachtung der Meinung, dass in China dieses System eingeführt werden solle. Ich finde diese Schlussfolgerung von ihm am wichtigsten.

Epoch Times: Was sagte Zhao zu dem Ein-Partei-System?

Bao: Das ist nicht gut, es sollte durch das parlamentarische Demokratiesystem ersetzt werden. Das war seine Meinung.

Epoch Times: Wie unterscheidet sich dieses Werk von dem Buch „Die Gespräche mit Zhao Ziyang unter Hausarrest“ von Zong Fengming?

Bao: Das Buch von Zong ist eine mittelbare Wiedergabe der Meinungen von Zhao. Es ist sehr gut gelungen, aber es kann nicht die Gedanken von Zhao hundertprozentig ausdrücken. Der gesamte Inhalt ist aber vielfältiger als das Buch von Zhao. Das Buch von Zhao konzentriert sich auf zwei Fragen: Eine ist der Gedanke über die Reform Chinas – und die andere ist die Frage des 4. Juni-Massakers. Ich denke, dass das Buch von Zhao in diesen zwei Aspekten hundertprozentig seine Gedanken darüber darstellt, weil es seine eigene Tonaufnahme widergibt.

Epoch Times: Ist es ein Zufall, dass das Buch genau kurz vor dem 20. Jahrestag des 4. Juni-Massakers an die Öffentlichkeit kommt?

Bao: Ich habe die Tonbänder etwa vor sieben und acht Jahren erhalten. Damals hatte ich gedacht, das Buch so früh wie möglich herauszubringen. Aber in der Praxis ist die Sache viel komplizierter und hat bis jetzt gedauert. Man kann schon sagen, dass es ein Zufall ist. Aber ich denke, dass das für den 20. Jahrestag einen positiven Sinn hat.

Epoch Times: Sehnen Sie sich nach dem Tag der Richtigstellung um die Geschehnisse der  Studentenbewegung?

Bao: Ich denke, dass die Bevölkerung schon immer eine  andere Meinung als das Regime hatte. Für die Bevölkerung besteht nicht die Frage, die Sache neu zu beurteilen. Aber die jetzige Führung in  Peking muss einen Standpunkt zu der Frage beziehen, ob sich die Armee des Staates gegen das eigene Volk richten darf, auch wenn sie nicht für die vergangene Sache verantwortlich sein müssen. Wenn Sie dazu mit ja antworten, wenn sie meinen, dass es damals richtig war, bedeutet es, dass China keine Hoffnung mehr hat. Ich wünsche, dass die heutige Führung der Partei eine klare Stellungnahme abgeben kann, dass es nicht erlaubt ist, dass die Armee des Staates das eigene Volk tötet.

Epoch Times: Wünschen Sie, dass die derzeitige Führung zum 20. Jahrestag diese Stellungnahme abgibt?

Bao: Je früher desto besser. Es müsste eigentlich nicht so lange dauern, wenn sie mit menschlichem Gewissen die Sache beurteilen könnten. Sie müssen zu der Frage Stellung nehmen, ob die Armee des Staates gegen das eigene Volk das Feuer eröffnen darf.

Das Interview wurde von Li Zhen geführt.

Originalartikel (chinesisch): http://www.epochtimes.com/gb/9/5/15/n2527515.htm

(AFP)
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