Das Wunder von China

Von 5. Mai 2013 Aktualisiert: 5. Mai 2013 19:02

 

Es ist mehr als fünf Jahre her, seit ich zum letzten Mal in meiner Heimatstadt Peking war. Ich dachte, dass ich die Stadt und das Land gut kenne. Doch ich stellte fest, dass sich China so stark verändert hat, dass ich mir, jetzt in Deutschland wohnend, das Leben der Chinesen nicht einmal mehr vorstellen kann.

Mehl aus Hongkong

Als nun, wie vor fünf Jahren, das Flugzeug durch eine gelblich-braune Dunstglocke gesunken war, wusste ich, dass ich wieder in Peking bin. Wieder kam meine Schwester, um mich abzuholen. Alles schien nahezu unverändert. Doch diesmal fuhr sie ihren neuen Ford Mondeo. Der Suzuki, den sie bei meinem letzten Besuch gefahren hatte, ist für sie inzwischen nicht mehr standesgemäß. Ich denke, dass sie und mein Schwager mit ihren drei Autos und der über hundert Quadratmeter großen Wohnung zu denen gehören, die man in Peking als Mittelschicht bezeichnet.

Umso mehr war ich überrascht, als ich bei ihr zu Hause ankam und sah, dass es zum Mittagsessen nur selbstgemachte Nudeln gab. Ich fragte sie: „Warum essen wir Nudeln? Spar dir doch die Zeit und Mühe, lass uns essen gehen. Ich würde gern in einem Sichuan-Restaurant pikanten Fisch essen.“ Mein Schwager antwortete jedoch: „Bist du verrückt? Fisch! Wer isst heute noch Fisch. Im Internet haben sie doch gepostet, wie viele Medikamente bei der Fischzucht verwendet werden. Einer hat einen frischen Fisch gekauft und zuhause entdeckt, dass der Bauch voller Tabletten war…“

Meine Schwester unterbrach ihn: „Komm, sie ist eine Ausländerin geworden. Sie weiß doch das alles nicht.“ Dann sagte sie zu mir: „Wir gehen schon lange nicht mehr ins Restaurant. Der Boden und die Flüsse in China sind so verseucht, dass sogar das Getreide sozusagen giftig ist. Einmal hat ein Bauer im Fernsehen erklärt, dass er für sich selbst einen eigenen kleinen Acker hat, damit er keine giftigen Lebensmittel isst. Kannst du dir das vorstellen? Er hat das einfach so vor der Kamera erzählt, ohne nur ein bisschen schlechtes Gewissen zu zeigen. Wahrscheinlich, weil es für einen Bauern schon so normal ist, dass er sich darüber keine Gedanken mehr macht. Das Mehl, das wir zu Hause verwenden, haben wir in Hongkong gekauft. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“

Durch diese Erklärung wusste ich erst, was für eine Ehre es war, diese Nudeln zu essen. Natürlich habe ich in Deutschland über verseuchte Lebensmittel in China gehört. Aber nie habe ich mir wirklich Gedanken gemacht, was das konkret für die Menschen, die dort leben, bedeutet. Erst in China sehe ich das Ausmaß, in dem die belasteten Lebensmittel das Alltagsleben beeinträchtigen.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

In Peking ist der Wohnort meiner Schwester eine der besten Adressen. Das heißt, das Design wird von Chinesen als europäischer Stil bezeichnet. Und es gibt Parkplätze, viele Wachleute vor dem abgeschlossenen Wohngebiet und Grünflächen zwischen den Häusern. Damit scheinen alle Anforderungen an Luxus erfüllt.

In meinen Augen ist das Wort „europäisches Design“, was den Preis der Wohnung noch einmal in die Höhe getrieben hatte, völlig unverständlich. Ein Deutscher würde wahrscheinlich sagen, die Häuser sehen wie Kasernen aus. Wenn die vielen Wachleute mit Uniformen noch Waffen hätten, könnte man den Wohnblock mit einem Militärstützpunkt verwechseln. Sogar die  Innenraumaufteilung ist ungünstig. Ein überdimensionales Wohnzimmer, aber die Größe der Küche ist eine Zumutung. Man kann sich darin kaum drehen. Das kleine Badezimmer beherbergt einen der Schätze der Wohnung, eine Duschtoilette, bei der man hinterher abgespült und trockengefönt wird. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass es so etwas gibt.

Die Wohnung meiner Schwester ist modern ausgestattet. Der große Flachbildschirm-Fernseher in ihrem Wohnzimmer ist bereits der zweite dieser Sorte. Der erste, den sie direkt nach Erscheinen dieser Technik teuer gekauft hat, hängt inzwischen nutzlos im Arbeitszimmer, weil er nicht online gehen kann. Sie und mein Schwager haben vier iPads in verschiedenen Designs und Größen gesammelt. Ich weiß nicht, den wievielten Laptop sie gerade verwenden. Als ich mein Handy auf den Tisch legte, wurde ihre Aufmerksamkeit direkt geweckt. „Hey, ein Samsung Galaxy S2, das ist aber schon alt. Sie haben bereits das Samsung Galaxy S3 rausgebracht. Ich dachte, du bist uns in Deutschland weit voraus.“ „Nein“, meinte ich, „ich mache mir weniger Gedanken darüber, was gerade das Modernste ist.“

Trotz der vielen neuen technischen Spielereien ist das Wohnen nicht unbedingt bequem. Nie habe ich eine so langsame Internetgeschwindigkeit erlebt. Fast zu jeder Tageszeit musste ich zum Öffnen einer Webseite mehrere Minuten lang warten, da nutzten die modernen Handys, iPads und Laptops auch nichts. In der Küche fehlt meiner Ansicht nach dringend eine Spülmaschine. Aber meine Schwester meinte, sie habe sich bereits informiert, dass es einfach wegen fehlendem Platz nicht möglich sei. In ihrer damals „exklusiv renovierten“ Wohnung ist der Pfusch der Handwerker mit der Zeit zu erkennen. An einigen Stellen sind die Tapeten abgerissen. Die Decke des Badezimmers hat feuchte Stellen. Die Mosaiksteine der Wanddekoration fallen teilweise ab. Aber das alles wird geflissentlich übersehen. Schließlich ist das Wohnzimmer, wo die Gäste empfangen werden, immer noch repräsentativ.

Aber das ist noch nicht alles. Wie meine Schwester mir erklärte, ist das Trinkwasser in Peking nicht überall gleich. Bei ihr sei das Wasser besonders schlecht. Anfangs habe sie einen Wasserspender gekauft und Wasserkanister liefern lassen. Aber in den letzten Jahren sei die Wasserqualität noch einmal schlechter geworden, sodass sie nach der Dusche rote Pünktchen auf der Haut bekam. Mein Schwager habe dann eine Osmoseumkehr-Anlage einbauen lassen. Danach ging es ihr wieder besser.

Die Passanten auf der Straße werfen nicht selten einen neugierigen Blick durch das Eingangstor des Wohngebietes. Wenn ich einem Taxifahrer die Adresse angab, hörte ich oft ein spontanes Lob für die schön aussehende und vor allem teure Anlage. Ich dachte dabei nur: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „In keiner Dynastie war China so schlimm wie heute“


[–]

„In keiner Dynastie war China so schlimm wie heute“

Meine pensionierten Eltern wohnen bei meiner Schwester. Ihre kleine Wohnung im Stadtzentrum haben sie vermietet. Das ursprüngliche Motiv war neben dem Geld auch der Glaube, dass die Luft bei meiner Schwester sauberer sei. Schließlich wohnt sie abseits des Zentrums von Peking.

Aber inzwischen ist dieser Glaube einer traurigen Realität gewichen. Smog in Peking, der auch in Deutschland eine Zeitlang Schlagzeilen machte, ist nun der Dauerzustand dieser Stadt. Die Fenster der Wohnung werden selten geöffnet. Wohin wir auch fahren, wird im Auto nur der Innenraumfilter verwendet. Man sieht keine Wolken am Himmel, alles ist in einem schmutzigen Nebel versunken. Anhand der Helligkeit kann man manchmal erahnen, ob der Tag wolkig oder sonnig sein sollte. Ich erfuhr, dass in Peking eine Art Mundschutz, der angeblich Feinstaubpartikel aus der Luft herausfiltern kann, ein besonders beliebtes Geschenk ist.

In dieser dicken Luft kam uns ein Ehepaar besuchen, mit dem meine Familie schon lange befreundet ist. Unser letztes Treffen vor fünf Jahren endete in dicker Luft ganz anderer Art. Der Mann ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und die Frau eine Beamtin. Das letzte Mal hatten wir uns über Politik in China gestritten. In ihren Augen war ich damals „verseucht“ von der „feindseligen kapitalistischen Propaganda“ im Ausland. Wie hatte er mir damals noch gesagt? – „Es geht uns doch so gut, was willst du denn?!“

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN

Diesmal wollte ich die Chance nutzen, um zu prüfen, ob die „Propaganda“ vielleicht doch stimmen könnte. Ich habe in Deutschland Spekulationen über die Wirtschaft in China gehört. Zum Beispiel soll das Exportvolumen kleiner sein, als die offiziellen Angaben erklären. Außerdem habe ich gelesen, dass eine chinesische Wirtschaftsexpertin, die in die USA ausgewandert ist, erklärte hatte, dass die Beamten ihren Jahresbericht kosmetisch überarbeiten. Ich fragte unsere Bekannte, ob sie diese Meldungen für wahrscheinlich hält.

Und wieder wurde ich als „Ausländerin“ bezeichnet. Sie lachte und fragte zurück: „Gibt es echt jemanden, der die Zahlen liest?“ Ich meinte: „Ja, natürlich.“ Sie erklärte mir: „Es wurde schon vor mehr als zehn Jahren bei der Statistik gelogen. Damals haben wir noch Statistik geführt. Und wenn der Vorgesetzte gerne zehn Prozent Wachstum hatte, wurden die Zahlen nachträglich anteilig verbessert. Aber inzwischen ist es verboten, wirklich eine Statistik zu führen. Wir dürfen die wahren Zahlen gar nicht mehr wissen. Die Zahlen werden uns jedes Jahr von Oben geliefert und damit vervollständigen wir unsere Berichte.“ Ich war geschockt. Ich habe geahnt, dass die Situation schlimm ist. Aber dass es so schlimm sein sollte, konnte ich mir doch nicht vorstellen.

Vorsichtig wandte ich mich wieder dem Thema Politik zu. Ich sagte ihnen, ich habe gelesen, dass der Parteichef Xi Jinping vor dem Untergang der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gewarnt habe. Zu meiner Überraschung leuchteten ihre Augen auf und sie fragten begeistert: „Echt? Wann soll das endlich passieren?“

Mit dieser Reaktion hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich fragte sie, warum sie so unzufrieden sind. Der Mann antwortete: „Schau dich doch mal um. Wir fragen uns die ganze Zeit, was wir noch essen können. Es gibt in China kein Bio. Bio heißt hier oft Betrug. Wir kaufen genau wie deine Schwester entweder in Taiwan oder in Hongkong, oder in teuren Shoppingmalls wie dem Lufthansa Shopping Zentrum, wo die Waren importiert sind. Du hast selbst gesehen, wie viel teurer als in Deutschland die Waren dort sind. Auch das Wasser aus dem Wasserhahn kann man nicht mehr trinken. Und die Luft kann man nicht atmen. Wir können aber auch nicht weglaufen. Es wird auch im Ausland nur deshalb über den Smog und die Wasserverschmutzung in Peking geredet, weil hier so viele Botschaften und Ausländer sind. In anderen Städten in China ist die Situation vielleicht noch schlimmer, nur man redet nicht darüber. In keiner Dynastie war China so schlimm wie heute!“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Neid, eine Todsünde

[–]

Neid, eine Todsünde

Die größte Veränderung habe ich bei einem Herrn Zhang erlebt. Herr Zhang ist ein Multimillionär. Bei unserer letzten Begegnung hatte er sich als „roter Kapitalist“ bezeichnet. Er hatte gesagt: „Ich bin aus eigener Kraft so erfolgreich in China geworden und ich danke dem Land dafür.“ Auch wenn es damals ein Trend in China war, die Kinder ins Ausland zu schicken, hatte Herr Zhang gesagt: „Meine Tochter geht nicht ins Ausland. Sie soll wie ich sein. Was ich geschafft habe, schafft sie auch.“

Diesmal haben wir uns in einer Cocktailbar getroffen. Nach fröhlicher Begrüßung kam er schnell zum Thema: „Weißt du etwas über Zypern? Ich habe gehört, dass eine Auswanderung nach Zypern besonders einfach und schnell sein soll. Ich weiß nicht, inwieweit diese Gerüchte stimmen.“ Meine Kinnlade fiel beinahe herunter. „Auswandern? Du? Wie kommst du auf diese Idee?“

Die Antwort war unerwartet. „Die Anti-Japan-Demonstrationen wegen der Senkaku-Inseln haben mir gezeigt, dass die Partei sich nicht verändert hat. Früher, während der Anfangstage der Partei, wurde der Neid der Bauern ausgenutzt. ‚Wollt ihr nicht etwa auch Land und Geld haben, wie die reichen Landbesitzer? Dann kommt zu uns. Wir sorgen dafür, dass ihr bekommt, was ihr haben möchtet‘. Das war das Motiv für viele, in die rote Armee zu gehen. Danach kam die Enteignung der wohlhabenden Menschen in China. Weißt du, wie viele Menschen in China diese ‚Logik‘ immer noch vertreten? Sie sind neidisch auf uns, weil unsere Kinder eine bessere Ausbildung haben, weil wir größere Wohnungen haben, weil wir Autos haben. Glaubst du, dass diejenigen, die während der Anti-Japan-Demonstrationen japanische Autos zerschlagen haben, eine Ahnung haben, wo die Senkaku-Inseln liegen? Sie wissen vielleicht nicht einmal wo Japan liegt! Sie sind die ganze Zeit schon neidisch auf die Autobesitzer. Und endlich durften sie ungestraft Autos zerschlagen. Sie nutzten die Chance dann aus, um ihrer Unzufriedenheit freien Lauf zu lassen. Aber was ist, wenn morgen Menschen mit größerer Wohnung zur Zielschreibe werden? Keiner wird uns in diesem Fall helfen, auch die Polizei nicht. Du hast ja mitbekommen, dass die Polizei während der Demonstrationen nur zugeschaut hat. Vielleicht denkt sich die Polizei ebenfalls: ‚Endlich sind die reichen Säcke dran!‘  Vielleicht vermisst die Polizei auch die Zeit der Kulturrevolution, als sie in die Häuser von Fremden hineinstürmen und alles mitnehmen durfte. Ich kann meine Tochter doch nicht einer solchen Gefahr aussetzen.“

Ich kann seine Sorgen nachvollziehen. Auch in Deutschland wird über die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen in China berichtet. Die Unzufriedenheit im Volk dürfte groß sein. Ich habe einmal eine betagte Frau gefragt, warum sie die Kommunistische Partei Chinas so unterstützt. Sie antwortete wie aus dem Lehrbuch: „Wenn es die Partei nicht gegeben hätte, gäbe das neue China nicht. Die Partei hat uns alle gerettet.“ Ich fragte sie weiter: „Was meinst du mit ´gerettet´?“ Darauf antwortete sie: „Die Partei hat die Landbesitzer enteignet und uns Bauern Land zugeteilt.“ Ich fragte sie weiter: „Warum glaubst du, dass die Landbesitzer enteignet werden sollten? Sie haben doch ihren Reichtum auch legal erworben.“ Daraufhin bekam ich keine Antwort mehr.

Ich habe einmal einen Beitrag im Internet gelesen, der die Situation der Bauern deutlich in Worte fasste. „Während der Kaiserzeit gehörte das Land mir. Während der Kolonialzeit gehörte das Land ebenfalls mir. Als die Japaner China besetzt hatten, gehörte das Land dennoch mir. Nachdem die Kommunistische Partei uns ‚gerettet‘ hatte, hieß es auf einmal, ich habe mein Land nur geliehen und müsse dankbar sein, auf dem Land des Staates arbeiten zu dürfen.“

Tatsache ist, es gibt in China nicht wenige Menschen, die sich die Frage stellen, warum die Enteignung der Reichen, die damals als positiv, als revolutionär bezeichnet wurde, dann heute nicht mehr erlaubt sei? In den Augen mancher ist das sogar ein Zeichen dafür, dass die Partei schlechter geworden ist. Ich kann nicht sagen, dass die Sorgen von Herrn Zhang unberechtigt sind. Ich sehe darin die zerstörerische Kraft, die der Neid besitzt. Der Neid wäre in der Lage, China in einem totalen Chaos versinken zu lassen. Ich verstehe nun, warum Neid eine der Todsünden ist.

Diese Menschen, über die ich hier erzähle, sollen gemäß ihrem Lebensstandard, Bildungsniveau und Beruf eigentlich eine stützende Kraft für die politische Stabilität in China sein. Aber selbst sie haben die Hoffnung für China verloren. Bevor ich nach China zurückgekehrt bin, stellte ich mir die Frage, wie wahrscheinlich es sei, dass das Regime der Kommunistischen Partei stürzen könnte. Aber nachdem ich diese Menschen getroffen und ihre Sorgen kennengelernt habe, halte ich es für ein Wunder, dass das Regime der Partei immer noch existiert.