Ein Jahr nach dem Erdbeben in Sichuan

Von und 12. Mai 2009 Aktualisiert: 12. Mai 2009 17:38
12. Mai, der Jahrestag des verheerenden Erdbebens in der chinesischen Provinz Sichuan im vergangenen Jahr: Während die „rührenden" Berichte der parteitreuen Medien China überfluten, wird Chinas Zensurmaschine ebenfalls in Betrieb gesetzt. Alle Interviews in den Erdbebenregionen müssen von der Zensurbehörde genehmigt und organisiert sein. Eine Familie widersetzt sich diesen Anordnungen und spricht offen von ihrer vermissten Tochter, die von Soldaten lebendig aus den Trümmern gezogen worden war.

Gao Sifa, Initiator der freiwilligen Hilfsgruppe „Chinaherz“, lehnte unwillig die Anfrage eines telefonischen Interviews von Epoch Times ab. Das Interview mit den Medien müsse vorab von der lokalen Propagandabehörde der Stadt Mianyang genehmigt werden, das nannte Gao als Grund. Genau ein Jahr lang sind Gao und seine Gruppe in den Erdbebenregionen geblieben und leisteten dort bestmöglich Hilfe für die Menschen. „Ich kann leider Ihrer Anfrage für das Interview nicht zusagen, aber wir bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit“, sagte Gao schlicht.

Auf weitere Anrufe bei Einwohnern der vom Erdbeben schwer betroffenen Gebiete und in der Stadt Chongqi kommt die fast  einstimmige Antwort: „Die Berichte über das Thema überfluten das Staatsfernsehen, und wir können nur diese Staatsmedien sehen. Es ist ungünstig, zu den Medien in Übersee viel zu sagen.“

Doch der eine Satz des Vaters eines Schülers der Fuxin-Grundschule der Kreisstadt Mianzhu kann vielleicht die tiefe Trauer von vielen Eltern, die ihre Kinder verloren haben, zum Ausdruck bringen: „Ein Jahr ist vergangen. Nichts hat sich geändert, außer dass viel mehr Polizisten zu sehen sind. Egal wo wir hingehen, diese Leute folgen uns.“

Seit einigen Tagen werden die zerstörten Schulhäuser von Massen von Polizeikräften abgeriegelt, der Bevölkerung ist es verboten, nahe an die Schulen zu kommen. Manche Eltern werden von der Polizei abgeführt, weil die Regierung Angst hat, dass sie gemeinsame Trauerfeiern organisieren könnten. Andere Eltern wiederum werden von der lokalen Regierung privilegiert und bekommen „Reisen“ in andere Städte geschenkt. Laut Regierung können die Eltern dadurch von ihrer Trauer geheilt werden.

„Wir fordern keine Verurteilung, wir wollen nur die Wahrheit wissen.“ Doch auch eine solche Erklärung traut sich Chinas Regime nicht abzugeben.

 

„Die Geschichte meiner Tochter ist immer noch ein Rätsel“

Li Daquan, ein Grundschullehrer in der Kreisstadt Beichuan, ist etwas mutiger als die anderen angerufenen Einwohner. „Die Medien in Übersee machen meine Geschichte bekannt, davor habe ich keine Angst. Ich stehe für meine Worte, und meine Handlungen“, sagt Li. Li ist bewusst, dass das Interview mit den Medien von der Propagandabehörde genehmigt werden sollte. „Bei uns muss dem Interview zunächst von der Stadtregierung Beichuan zugestimmt und dann muss es von der Gemeinderegierung konkret arrangiert werden. Sie kontrollieren die ganze Presse, das ist unerträglich!“ Li akzeptiert diese strenge Kontrolle nicht und erzählt der Epoch Times die rätselhafte Geschichte seiner Tochter Li Shanshan.

Shanshan war Schülerin in der ersten Klasse der Mittelschule der Stadt Beichuan. Das Klassenzimmer war nach dem Erdbeben ganz unter Trümmern begraben. Um drei Uhr nachts am 13. Mai wurde Shanshan mit einem anderen Schüler lebendig aus den Trümmern geholt und in einen Rettungswagen gebracht. Später verschwand sie aber spurlos. Li hat seine Tochter nicht mehr wieder gesehen.

Seit einem Jahr sucht Li seine Tochter, hat jedoch bisher keine einzige Spur gefunden. Der Klassenkamerad Wang Meibo und die Lehrerin Chen Lan haben Shanshan am 13. Mai persönlich gesehen. Sie hatte das Erdbeben auf jeden Fall überlebt.

Li hat mindesten dreimal mit dem Klassenkameraden seiner Tochter, Wang Meibo, gesprochen. Er erzählte ihm jedes mal das Gleiche, wie die Soldaten Shanshan gerettet haben, nur kann er sich nicht mehr daran erinnern, aus welcher Armee die Soldaten waren und welche Nummer der Rettungswagen hatte. Die Lehrerin Chen schrieb in ihrer Zeugenaussage, dass sie gesehen hat, wie Shanshan mit anderen Schülern zusammen vor dem Schultor gestanden hat. Aufgrund der chaotischen Situation konnte sie nur nicht mit Shanshan sprechen, aber sie erinnert sich, kein Blut bei Shanshan gesehen zu haben. Auf der offiziellen Liste der gestorbenen Schüler und Vermissten der Beichuan-Schule steht der Name Li Shanshan auch nicht.

Wo ist Shanshan? Bisher bleibt es ein Rätsel.

Shanshans Mutter veröffentlicht seit einem Jahr immer wieder Anzeigen in Zeitungen und im Internet, um ihre Tochter zu finden. Bisher sind alle Bemühungen erfolglos geblieben.

„Dass meine Tochter gerettet und am Leben war, ist nicht zu leugnen. Die Regierung gibt uns aber nirgends eine Erklärung dazu. Sie sagen nur, dass die Sache schon vorbei ist, dann lassen wir das“, sagte Li hilflos und entsetzt. Li gibt nicht auf, seine Tochter weiter zu suchen.

Der Wiederaufbau hat noch nicht begonnen

Auf die Frage nach der Lebenssituation erzählte Li nur Trauriges: „Der neue Bürgermeister der Stadt Mianyang, Wu Qingping, hat im Februar gesagt, dass die Stadt wiederaufgebaut werden müsse, doch mit der Arbeit wurde bisher noch nicht begonnen. Wir wohnen immer noch in den Plattenbauhäusern, welche die Stadt Bingzhou der Provinz Shandong gespendet hat. Die Dächer und Böden zeigen bereits Defekte, leider ist die Qualität der Plattenbauhäuser schlecht.“

„Ich trage die volle Verantwortung für alles, was ich gesagt habe“, sagt Li weiter.

Nach den Erdbeben vom 12. Mai vor einem Jahr hat das chinesische Regime 66 Milliarden Yuan (rund 6,6 Milliarden Euro) an Spendengeldern und Waren im Wert von 11 Milliarden Yuan erhalten.

 

 

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