Sicherheitspersonal beim Milchcheck. Milchhersteller sollen jetzt Zuschüsse vom Staat bekommen, damit sie mehr Frischmilch zur Herstellung ihrer Produkte verwenden. (AP Photo/Color China Photo)

Es kommt noch schlimmer

Von 30. September 2008 Aktualisiert: 30. September 2008 21:16
Wer dachte, mit der Beigabe von giftigem Melamin als „Proteinkonzentrat“ sei ein Tiefpunkt in der chinesischen Nahrungsmittelproduktion erreicht worden, könnte sich getäuscht haben. Es geht noch schlimmer: In Chinas Internet-Blogs verbreitet sich die Nachricht, dass Melamin-Lieferanten Industrieschrott mit Melamin ausgegraben und an Lebensmittelhersteller weiterverkauft haben. Mitsamt den Giftstoffen, die sich in Industrieschrott üblicherweise finden.

Als 2007 in den USA Haustiere starben, die mit Melamin belastetes Futter aus China gefressen hatten, fand man in deren Urin-Proben nicht nur Melamin, sondern auch Zyanursäure. Bei den toten Haustieren wurde eine Art Nierenstein entdeckt, die man bis dato noch nicht kannte, entstanden durch Verbindung von Melamin und Zyanursäure. Diese Verbindung führte viel schneller zu Nierensteinen als reines Melamin. Es ist nicht bekannt, ob die Zyanursäure dem Futter ebenfalls zugefügt worden war oder ob es sich um ein Nebenprodukt von Melamin handelte, gibt die WHO in ihrem Merkblatt bekannt.

Chinesische Blogger schreiben, Melamin-Lieferanten hätten Industrieschrott mit Melamin aus dem Boden ausgegraben und an Lebens- und Futtermittelhersteller verkauft, als der Bedarf nach Melamin gestiegen war. Industrieschrott enthält noch viele weitere Giftstoffe. Außerdem könnten die Melamin-Werte, die das Pekinger Generalkontrollamt herausgegeben hat, sogar gefälscht sein. Vor dessen Bekanntgabe einer Melaminkonzentration von 2.563 mg/kg im Sanlu-Milchpulver hatte bereits ein Lokalblatt der Provinz Gansu, die „Lanzhou Tageszeitung“, die Ergebnisse des dortigen lokalen Qualitätskontrollamtes veröffentlicht. Es hatte Werte ermittelt, die 10 Mal über denen des Pekinger Amtes lagen. Das Ganze abgesichert durch eine weitere Behörde, weil man zuerst dachte, man hätte einen fehlerhaften Test vor sich liegen, weil die Werte so hoch waren.

Umgang mit Melamin ein Abziehbild der Vorgangsweise mit SARS

Indes werden die Meldungen in Chinas Zeitungen spärlicher. Oft findet man im Internet zu kritischen Artikeln nur noch die Überschriften, der Text wurde zensiert. Während im Ausland eine chinesische Marke nach der anderen aus den Regalen genommen wird, hört man in China kaum mehr etwas vom Melamin. Man möchte das Thema aussitzen. Am 27. September etwa folgende Meldung: Um die „gesunde Entwicklung des Molkereisektors“ zu fördern gewährt das Finanzministerium Milchprodukt-Unternehmen Zuschüsse. Man will sie fördern, damit sie frische Milch kaufen. Oder: „Seit einigen Tagen haben landesweit alle Städte unter der Anweisung der Zentral-Parteiführung und des Staatsrats zur Behandlung des schwerwiegenden Sicherheitsunfalls des von Melamin verunreinigten Milchpulvers alle Kräfte und Mittel eingesetzt, um die an Nierensteinen erkrankten Kinder kostenlos zu behandeln …“ Die gleiche Vorgehensweise wie bei der SARS-Epidemie, sagte der Wirtschaftsprofessor Shang Dewen von der Pekinger Universität im Interview mit Radio Free Asia. „Genauso wie damals haben sie dieses Mal auch zuerst die Nachrichten abgeschottet und danach falsche Informationen verbreitet.“

Nichtsdestotrotz reißen die Meldungen über verseuchte Lebensmittel nicht ab. Die Behörde für Lebensmittelsicherheit in Neuseeland fand in Milchbonbons einer der bekanntesten Marken Chinas, White Rabbit, 108 mg Melamin/kg. Das Gesundheitsministerium von Macao fand in einem Keks der Marke Letian vom Festland China 24 mg/kg. Die kurz nach dem öffentlich werden des Skandals vom Generalqualitätskontrollamt in Peking herausgegebenen Werte für Milchpulver reichten von 0,09 bis  2.563 mg/kg. Wobei die Marke Sanlu den Spitzenwert anführte.

Eine einfache Rechnung

Nimmt man für ein Kleinkind ein Durchschnittsgewicht von sieben Kilogramm an. Und lässt man es pro Tag 200 Gramm Milchpulver trinken, dann hat es mit dem Sanlu-Milchpulver Tag für Tag 512,6 mg Melamin (73,23 mg/kgw) aufgenommen. Ein Wert, der 116 Mal über dem Grenzwert der Food and Drug Administration (FDA) von 0,63 mg/kgw für einen erwachsenen Menschen liegt. Es existiert eine Mäuse-Studie der Universität Oxford. Dort starben bei einer Dosis von 3.248 mg/kgw die Hälfte der Mäuse. Der Grenzwert der FDA wurde von dieser Studie hergeleitet. Da aber bis zu jüngstem Milchpulverskandal gar nicht bekannt war, dass der Mensch überhaupt einer nennenswerten  Melaminbelastung ausgesetzt sein könnte, gab es bisher auch keinen Anlass zu gründlicher Forschung in diesem Bereich. Die WHO forderte denn auch jüngst, die Chemikalie ganz aus der Lebensmittelkette zu entfernen.

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