Feuerwerk über der Bühne des Eöffnungsspektakels im Nationalstadion, genannt das "Vogelnest". (AP Photo/Color China Photo)

Pekings Bühne ist eröffnet

Von 9. August 2008 Aktualisiert: 9. August 2008 17:50
Vielleicht fragen sich Journalisten gerade, vielleicht fragen sich sehr viele an dieser Inszenierung Beteiligte gerade, ob es wirklich richtig war. Ob es ausreicht, einfach zu beobachten und zu berichten, Spaß und Spiel und die Menschenrechte zu gleichen Teilen ausgewogen nebeneinander existieren zu lassen.

Zweiter Tag der Olympischen Spiele. Ich schlage die Bild-Zeitung auf. Das „Vogelnest“, getaucht in unzählige Feuerwerkskörper, alles in Rot, tritt mir entgegen. Ein riesiges Spektakel, ganz nach KP-Manier. Der Journalist, der die Eröffnungsfeier begleitet, schreibt am Schluss seines Artikels: Wie kommt es, dass ich nicht glücklich bin? Sein Kollege, berichtet er, habe zur gleichen Zeit ein Foto von einem Demonstranten gemacht, der von der chinesischen Polizei abgeführt worden wäre. Das ist also seine Art, kritisch zu berichten, denke ich mir. Und vielleicht, sein Gewissen ein wenig zu beruhigen.

Auf der gegenüberliegenden Seite ist unser Basketballer Nowitzky mit der deutschen Fahne abgebildet und er sagt: „Das war gigantisch.“ Er soll für die Chinesen ein sehr guter Freund, sogar ein Held sein. Ein weiterer Sportler ist abgebildet, wie er halb auf dem Boden liegt. Die Emotionen wären so stark gewesen, dass er einen Purzelbaum hätte machen müssen, steht daneben. Des Weiteren Bilder von prominenten Persönlichkeiten wie Spaniens Kronprinz Felipe, Putin, Bush, Prinz Albert von Monaco, lachend und winkend. Vielleicht fragt sich der kommentierende Journalist gerade, vielleicht fragen sich sehr viele an dieser Inszenierung Beteiligte gerade, ob es wirklich richtig war. Ob es ausreicht, einfach zu beobachten und zu berichten, Spaß und Spiel und die Menschenrechte zu gleichen Teilen ausgewogen nebeneinander existieren zu lassen. Neben dem Funken sprühenden „Vogelnest“ in der Bild-Zeitung ist denn auch der besagte Demonstrant abgebildet, mit verzerrtem Gesicht im Würgegriff eines „Gesetzeshüters“. Der Leser wird also umfassend informiert – und doch?

Im Radio läuft ein Interview, mittendrin fange ich an zuzuhören. Eine Frau spricht von schönen Wesen und vom Kosmos. Dann plötzlich fällt der Begriff Folter und Fackellauf für die Menschenrechte und, bevor der Name genannt wird, weiß ich, wer hier spricht. Es kann nur Ines Geipel sein, die Professorin für Verskunst, die in der ehemaligen DDR als Spitzensportlerin unter Zwangsdoping stand. Sie spricht es aus, ohne Beschönigung: In China gibt es Arbeitslager, in denen, offizielle Zahlen gibt es nicht, wahrscheinlich eine Million Praktizierende dieser Meditationspraxis Falun Gong gefangen gehalten, ihrer Organe beraubt und zu Tode gefoltert werden. Ja, sie sagt es, diese Menschen werden zu Tode gefoltert. Ich höre diese Worte im Interview, gleichzeitig kommt es mir aber so vor, als hätten diese Worte nicht genügend Kraft, nicht die Kraft, die sie haben sollten, um wirklich zu erschüttern. Im Gegenteil, sie scheinen bereits am Fragensteller abzuprallen, nicht bis zu ihm durchzudringen, wie in einem leeren Raum dazustehen und dann wie Schall und Rauch zu verpuffen. Zwei Minuten später ist das Interview beendet und eine Ansagerin kündigt in gewohnt freundlichem Ton den nächsten Programmpunkt an, die Durchgabe der ersten Medaillen. Alles geht seinen gewohnten Gang.

Ich bin wie vor den Kopf gestoßen. Ich sehe diesen Freudentaumel, der viele bei dieser Eröffnungsfeier erfasst hat. Mir kommt es vor wie ein Schauspiel, unwirklich, gesteuert. Das Bild der „Matrix“, einer Scheinwelt aus dem gleichnamigen Film, drängt sich mir auf. Ein Theaterstück, die Akteure „eingeklinkt“, um ihren Part zu spielen. Ein buntes Wechselspiel zwischen Freudentaumel und dem Betonen, man wisse um die Menschenrechtslage. Auch Vergleiche zu den deutschen Spielen von 1936 werden gemacht. Es heißt, damals hätte man weniger gewusst, heute wisse man Bescheid und könne entsprechend damit umgehen. Die Spiele könnten als Chance verstanden werden.

Mir drängt sich immer weiter dieses Bild mit der „Matrix“ auf, einer künstlich geschaffenen Welt, denn nichts anderes ist auch diese Schaubühne kommunistischer Propaganda, die hier in Vollkommenheit zeigt, was sie zu bieten hat. Hier scheint alles noch raffinierter zu sein als bei Hitler, denn damals kam die Katastrophe erst danach. Heute weiß man, was geschieht, und spielt umso eifriger mit. Eine zweite Chance hätte es sehr wohl sein können. So einfach wurde es uns gemacht, wir wissen Bescheid. Von Tag zu Tag mehr, wenn Menschen wie Ines Geipel aussprechen, was sich hinter der Fassade abspielt. Wenn ein Gao Zhisheng, Anwalt für die Menschenrechte, sein Leben aufs Spiel setzt, weil er direkt in China in den Widerstand tritt, Briefe und sogar ein Buch verfasst, die Gräueltaten beschreibt, die KP-Schergen in den Arbeitslagern durchführen. Nun ist er dafür selber zum Opfer geworden. Er wurde weggebracht an einen unbekannten Ort, er wird gefoltert.

Es heißt, er versuche durchzuhalten, genauso durchzuhalten wie die eine Million Falun Gong-Praktizierenden, die ein für die KP gefährliches Gedankengut transportieren, nämlich Werte. Werte, wie Wahrhaftigkeit oder Barmherzigkeit. Werte, die dem KP-Regime das Genick brechen werden, wie sie es auch schon seinerzeit in Polen, Tschechien und vielen anderen kommunistisch regierten Ländern getan haben. Es gibt Menschen, die zusammen mit den Gefolterten in China durchhalten, unter ihnen ein Gao Zhisheng, ein Hu Jia, eine Ines Geipel. Versuchen wir diese Stimmen zu hören, ihnen mit einem aufrichtigen Gewissen Kraft zu verleihen und das Gleichgewicht zu verschieben. Lassen wir die Feuerwerkskörper der Kommunisten leiser werden und diese aufrichtigen Stimmen für die Gerechtigkeit immer lauter. Lassen wir sie die Hauptrolle spielen in diesem wohl inszenierten Stück auf der Weltbühne.

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