Shanwei – weiterleben nach dem Massaker

Von 17. Februar 2006 Aktualisiert: 17. Februar 2006 12:20

Die Mutter von Wei Jin geht täglich zu einer Strasse in der Nähe des Dorfes Dongzhou bei Shanwei im Süden Chinas, sie kniet dort nieder und demonstriert für ihren toten Sohn. Er wurde am 6. Dezember 2005 als friedlicher Demonstrant in einem bewaffneten Polizei-Einsatz getötet. „Sein Tod ist großes Unrecht! Was hat er verbrochen?“ Sie hat  ihr Leid so laut und so unaufhörlich hinausgeschrieen, dass sie nun völlig entkräftet und apathisch am Straßenrand sitzt. Die Szene wiederholt sich jeden Tag, und jeden Tag kommen Polizisten und schleppen die gebrochene alte Frau wieder nach Hause. Das wollten sie auch am 19. Dezember tun, aber es wurde ihnen von einer Reihe von Verwandten energisch verwehrt. Die Polizisten gerieten darüber in Aufregung und nach kurzer Zeit war die Mutter von Wei Jin von so vielen Zuschauern umgeben, dass der Fotograf, obwohl es für ihn sehr gefährlich war, heimlich ein Foto von ihr machen konnte.

Nach der Tragödie hilflos und ausgeliefert

Shanwei – der Name der Stadt erinnert an ein Blutbad an Chinas Zivilbevölkerung, das größte seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz in Peking 1989, das von dem kommunistischen chinesischen Regime zu verantworten ist. Die Zwangsenteignung des Landes der Bauern des Dorfes Dongzhou in der Nähe der Stadt Shanwei, Provinz Guangdong, hatte nach fünfmonatigen Verhandlungen zu einem Massen-Protest der Bewohner geführt. Das Dorf wurde umgehend durch ein Kontingent von 3.000 Polizisten und den Einsatz von Panzern von der Außenwelt abgeriegelt, Medien hatten keinen Zutritt. Laut telefonisch übermittelter Berichte der Dorfbewohner schoss die Polizei auf die unbewaffneten Protestierenden mit Maschinenpistolen. Nach den Angaben der Bewohner wurden  mindestens 70 Menschen getötet, weitere 50 vermisst. Seither werden die Informationen aus dem Dorf durch die Behörden in der Provinz Guangdong scharf kontrolliert. Trotz Informationssperre erreichte uns ein Interview mit der Witwe des ersten Opfers durch das bewaffnete Einschreiten der Polizei. Es zeigt die Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein einer einfachen Landbewohnerin gegenüber den chinesischen Behörden.

Interview mit einer Hinterbliebenen

Jiang Guangge war der erste, der bei dem Massaker in Shanwei ums Leben kam. Sein Tod ist einer der wenigen, die später von offizieller Seite zugegeben wurden. Der Vater des Opfers wurde zunächst gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben, in der es hieß, der Sohn habe selbst auf sich gezielt und sei dadurch gestorben.

Yan Xiuli, die Frau von Jiang Guangge, beklagt, dass es seit dem Tod ihres Ehemannes nur noch wenige Menschen wagten, sich mit ihr zu treffen.

REPORTER: „Sind Sie ein Familienmitglied von Jiang Guangge?“

Yan Xiuli: „Ja.“

REPORTER: „Ich würde Sie gern fragen, ob Sie noch von der Polizei beobachtet werden?“

Yan Xiuli: „Nein. “

REPORTER: Wie hoch war die Entschädigung, die Sie schließlich erhielten?“

Yan Xiuli: „500,000 Yuan.“ (ungefähr 61.961,50 US-$)

REPORTER: Werden Sie jetzt rechtliche Schritte unternehmen?“

Yan Xiuli: „Werde ich nicht; was sollten wir rechtlich unternehmen? Sie haben uns eine kleine Entschädigung gegeben, und ich kann nicht lesen und nicht schreiben; wen fragen, der für uns die Verantwortlichen ermittelt? Meine Kinder sind noch klein.“

REPORTER: „Wie sieht die Haltung der Offiziellen aus? Haben sie zum Beispiel eine Entschuldigung abgegeben?“

Yan Xiuli: „Nein.“

REPORTER: „Was sagten sie, als sie Ihnen das Geld übergaben?“

Yan Xiuli: „Sie sagten, dass Guangge sich eines geringfügigen Verbrechens schuldig gemacht habe. Mein lieber Guangge war von seinem Charakter her ein ehrlicher Mann. Um 20 Uhr ist er mit anderen dorthin gegangen, und er hatte nichts bei sich. Nach einer halben Stunde wurde er erschossen. Heute hörte ich von anderen, dass die Beamten behaupten, Guangge hätte dort einen Sprengsatz bei sich getragen. So stellen sie ihn dar.“

REPORTER: „In der Nacht des Vorfalls haben Sie seinen Leichnam zurückgebracht, stimmt das?”

Yan Xiuli: „Ja, während ich bei dem Leichnam meines toten Mannes saß, war da noch eine andere Person im Krankenhaus. Beide [Guangge und diese Person] starben bei diesem Vorfall. Da gibt es noch Leute, die nun mit uns Wiedergutmachung fordern, insgesamt sind es drei Personen.“

REPORTER: „Also wurden diese drei von anderen bei diesem Vorfall gesehen?“

Yan Xiuli: „Ja”

REPORTER: „Wie oft wurde auf Ihren Mann geschossen?“

Yan Xiuli: „Ich weiß nicht, wie viele Schüsse es waren. Als ich losging, um nach ihm zu schauen, waren sein Gesicht und sein Kopf mit Blut überströmt, ich konnte das nicht genau erkennen.“

REPORTER: “Geht es Ihnen jetzt wieder besser?”

Yan Xiuli: „Es geht mir schlecht. Bisher ist niemand von meiner Familie gekommen, und es ist fast (chinesisches) Neujahr. Aber jetzt sollte ich nicht zu den Häusern der anderen Leute gehen, die Guangge gesehen haben, das traue ich mich nicht. Ich bleibe halt zu Hause bei meinen Kindern. Niemand spricht heute mit mir, ich weine und vergieße viele Tränen, wann immer mir danach ist, so sieht es aus.“

REPORTER: “Nur Ihre Kinder leben mit Ihnen zu Hause, ist das richtig?“

Yan Xiuli: „Ich habe drei Kinder. Das älteste ist meine zehn Jahre alte Tochter, das zweite ist neun Jahre alt, und das jüngste Kind ist ein sechsjähriger Sohn. Ich lebe am Fuß eines Berges. Ich fürchte mich nachts und die Kinder fürchten sich auch. Weil ihr Vater starb und sie nicht wissen, warum sie sich jede Nacht ängstigen müssen.“

REPORTER: “Wie wollen Sie Ihren Kindern denn den Tod des Vaters erklären?“

Yan Xiuli: „Ich weiß nicht, wie ich es ihnen sagen soll. Wie kann er erschossen worden sein, wenn er ein ehrlicher Mensch war? Wenn ich alles vorher gewusst hätte, hätte ich ihn nicht gehen gelassen und er wäre nicht gestorben. Er hat mir noch nicht einmal ein Wort hinterlassen, als er starb, er hat seine Augen im Tod nicht geschlossen.“

REPORTER: “Wie sieht der Schaden für Ihre Kinder aus?“

Yan Xiuli: „Kinder verstehen so etwas nicht. Sie fragen nur, warum ihr Vater schon so lange weg ist und nicht heimkehrt. Ich bin den Umgang mit so einer Situation nicht gewöhnt. Ich habe ihnen gesagt, dass ihr Vater nicht wiederkommen wird.“

REPORTER: “Brauchen Sie jetzt irgendwelche Hilfe?”

Yan Xiuli: „Ich brauche keine Hilfe. Wenn ich Hilfe bräuchte, um mit den Beamten zu verhandeln, könnte mir sowieso keiner helfen. Möglicherweise würden die sogar welche festnehmen. Es ist so ungerecht. Die kleine Summe zur Entschädigung wurde auf die Bank gebracht, aber gehört die Bank nicht auch der Regierung? Ich fürchte, dass sie sich das Geld irgendwann wieder zurückholen. Wenn das passiert, womit sollen dann meine Kinder und ich überleben?“

(Das Interview basiert auf einer Original-Aufnahme von Radio Free Asia) 

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