Sind alle China-Experten gekauft?

Von 18. November 2008 Aktualisiert: 18. November 2008 17:36

Der Hongkonger Universitätsprofessor Carsten Holz stellt diese Frage und nimmt sich dabei selbst nicht aus. Für ihn entspricht die Kommunistische Partei Chinas der Definition für die Mafia in Webster´s Lexikon: „Geheim­gesellschaft, charakterisiert durch eine Haltung allgemeiner Feindseligkeit gegenüber Gesetz und Regierung.“

Akademiker, die mit China befasst sind – und das schließt auch den Autor mit ein, sind darauf aus, die Kommunistische Partei Chinas zufrieden zu stellen – manchmal bewusst und oftmals unbewusst. Unsere Anreize sind, sich anzupassen, und wir tun es auf vielerlei Art und Weise: durch die Forschungsfragen, die wir stellen oder nicht stellen; durch die Fakten, über die wir berichten oder die wir ignorieren; durch unseren Sprachgebrauch und dadurch, was und wie wir lehren.

Ausländische Wissenschaftler müssen mit chinesischen Wissenschaftlern kooperieren, um Daten zu sammeln und zusammen Forschungsarbeiten zu verfassen. Studien werden auf eine Art und Weise durchgeführt, die für die Partei akzeptabel ist, und ihr Inhalt ist auf politisch akzeptable Fragen beschränkt. Für chinesische Wissenschaftler ist dies selbstverständlich. Und die Westler ziehen mit.

Auch wenn sie alleine forschen, sind Chinas Wissenschaftler gleichermaßen eingeschränkt. Einige westliche China-Experten haben Verwandte in China. Andere besitzen dort Wohnungen. Jene China-Experten, deren Muttersprache nicht chinesisch ist, haben jahrelang die Sprache gelernt und ihre Karrieren auf dieser großen und nicht übertragbaren Investition aufgebaut. Wir profitieren von unseren Verbindungen in China, um Information und Einblicke zu erhalten, und wir schützen diese Kontakte. Alle sind glücklich. Westliche Leser wegen ihrer aktuellen Sicht vom Standpunkt der Wissenschaft, wir selbst wegen unseres beruflichen Erfolgs, und die Partei, weil wir für sie Werbung machen. China ist ziemlich einzigartig in der Art, Wissenschaftler mit Anreizen auf einen gemeinsamen Weg zu führen: Man verärgert die Partei nicht.

Was geschieht, wenn wir nicht mitspielen, ist allzu offensichtlich: Wir finden keine chinesischen Mitarbeiter. Wenn wir uns im Rahmen unserer Forschungsarbeiten in China umsehen, stoßen wir auf Schwierigkeiten. Li Shaomin, Dozent am Institut für Marketing der Universität Hongkong und US-Bürger, verbrachte fünf Monate in einem chinesischen Gefängnis wegen „Gefährdung der Staatssicherheit“. Seine Verbrechen waren ihm zufolge seine kritischen Ansichten zu Chinas politischem System, seine Besuche in Taiwan, seine Verwendung von taiwanesischen Geldern, um Forschung über politisch empfindliche Angelegenheiten zu betreiben, und seine Sammlung von Forschungsdaten in China. Die Universität bot ihm keine Unterstützung an, und als er freigelassen wurde, ging er als Dozent an die Old Dominion Universität in Virginia. Man kann sich fragen, welche Auswirkung auf die Psyche fünf Monate in den Händen der chinesischen Geheimpolizei haben und welche Methoden die Partei angewandt hat, um Herrn Li zum Schweigen zu bringen. An Wissenschaftlern in Hongkong ist dieses Signal nicht spurlos vorübergegangen.

Es kann sein, dass China-Forscher in den verschiedenen Disziplinen nicht gleichermaßen davon betroffen sind. Wirtschaftswissenschaftler und Politologen werden wahrscheinlich häufig – und heftig – von der Partei beschränkt. Aber sogar Soziologen oder Ethnographen können die verbotene Zone betreten, wenn sie Netzwerkstudien durchführen oder Kulturen ethnischer Minderheiten untersuchen.

Unsere Selbstzensur nimmt viele Formen an. Wir stellen Fragen, die für den Westen Relevanz haben statt für China. Wir versuchen, die Rentabilität von staatseigenen Unternehmen (SOEs) durch grundökonomische Faktoren zu erklären, obwohl es mehr Sinn machen würde, sie durch die Qualität des Unternehmensmanagements (das von der „Organisationsabteilung der Partei“ handverlesen ist) oder von den politischen Beschränkungen, mit denen sich Unternehmen konfrontiert sehen, oder von den politischen und bürokratischen Kanälen her zu erklären, durch die ein Unternehmen mit seinen Eigentümern, Angestellten, Lieferanten und Käufern interagiert. Aber wie lassen sich systematische Informationen über den Einfluss der Partei auf die Operationen eines staatlichen oder staatlich kontrollierten Unternehmens sammeln, wenn dies normalerweise Angelegenheiten sind, über die niemand in den Unternehmen spricht?

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Wir reden von wirtschaftlichen Institutionen und ihrer Entwicklung im Laufe der Zeit, als ob es Institutionen im Westen wären. Zahlreiche Bestimmungen zur „Preisverwaltung“, zentral und lokal, geben Beamten weit reichende Befugnisse und Möglichkeiten, den Prozess der Preisfixierung zu stören. Doch wir akzeptieren offizielle Statistiken, die zeigen, dass 90 Prozent aller Preise als Handelswert den Markt bestimmen. Wir stellen die Bedeutung des chinesischen Wortes „shichang“ nicht in Frage, was mit „Markt“ übersetzt wird, aber nehmen an, dass es dieselbe Bedeutung wie im Westen hat.

Ebenso können wir einen Aspekt des chinesischen Gesellschaftsrechts heranziehen, welches die Partei nicht einmal erwähnt, obwohl die Partei in den nach dem Gesellschaftsrecht organisierten Unternehmen wahrscheinlich immer noch das Sagen hat. Nur wenn man tiefer gräbt, findet man eindeutige Beweise: Das Parteikomitee und die Regierung der Provinz Shaanxi verlangten 2006 in einem gemeinsamen Rundschreiben, dass die Parteizellen in staatseigenen Unternehmen (einschließlich „Gesellschaften“) an allen größeren Unternehmensentscheidungen teilnehmen; das Rundschreiben fordert auch, dass in allen provinziellen staatseigenen Unternehmen der Vorsitzende des Aufsichtsrats und der Parteisekretär prinzipiell ein und dieselbe Person sind. Auf nationaler Ebene werden die Leiter der 50 größten zentralen staatlichen Unternehmen – Unternehmen, die weltweit Investitionen tätigen – direkt vom Politbüro ernannt. Wirtschaftswissenschaftler fragen nicht, was es bedeutet, wenn das Parteizentrum immer mehr Unternehmen in den USA und in Europa leitet.

Der Gouverneur und Parteisekretär von Chinas Zentralbank, Zhou Xiaochuan, schreibt ausgiebig in Chinesisch über die sich „umfassend beschleunigende Arbeit der Zentralbank“, basierend auf den „drei Vertretungen“ (die Partei repräsentiert die „fortschrittlichen Produktivkräfte, die fortschrittliche chinesische Kultur und die Grundinteressen des chinesischen Volkes“). Die Art und Weise, wie er die drei Vertretungen als „die makroökonomische Politik leitend“ beschreibt, widersetzt sich jedem westlichen Konzept der Logik. Und doch nehmen wir diese Person so ernst, als ob wir es mit dem Gouverneur einer westlichen Zentralbank zu tun hätten, als ob Chinas Zentralbank wirklich die Währungspolitik umsetzt, und als ob die Kanäle, durch welche die Währungspolitik in China läuft, sowie die Wirkung der Währungspolitik auf die Wirtschaft die gleiche wären wie im Westen.

Sind wir naiv? Oder sind wir berechtigt, das zweite – oder vielmehr das erste – Leben des Gouverneurs der Zentralbank als Parteisekretär zu ignorieren? Schließen wir unbewusst etwas aus, das wir nicht verstehen, oder etwas, das wir nicht sehen wollen, weil es nicht in unsere schönen westlichen ökonomischen Konzepte passt?

In unzähligen Artikeln wird über die möglichen wirtschaftlichen Gründe für das Wachstum der Einkommensungleichheit in China nachgedacht. Wir ignorieren die Tatsache, dass von den 3.220 chinesischen Staatsbürgern mit einem persönlichen Reichtum von 100 Millionen Yuan (13 Millionen US-Dollar) oder mehr, 2.932 Kinder von höheren Kadern sind. Von den Schlüsselpositionen in den fünf industriellen Sektoren – Finanzen, Außenhandel, Landesentwicklung, Großmaschinenbau und Wertpapiere – werden 85 Prozent bis 90 Prozent von Kindern von höheren Kadern gehalten.

Mit der Einführung jedes neuen Elements von Reform und Wandel bereichern sich Kader: das zweigleisige Preissystem, die faulen Kredite, die Vermögenswertzerschlagung von SOEs, die staatlichen Unternehmen, die Zweckentfremdung von Geldern in Kapitalanlagegesellschaften und in privaten Rentenkonten. Die weitgehend ungesetzliche Transformation von ländlichem Grund und Boden in städtischen wird sehr wohl als „systematische Plünderung“ lokaler „Führer“ bezeichnet. Lokale Kader haben große Beträge in die kleinen, unsicheren Kohlebergwerke investiert, die sie eigentlich schließen sollen, und niemand weiß, wie sie ihre Anteile an diesen Betrieben erhalten haben.

Ein allgemeiner Mangel an Informationen über Wirtschaft bestimmt die Forschung. Statistiken über bestimmte aktuelle Fragestellungen werden vom Nationalen Statistikamt auf besondere Anfrage des Zentralkomitees der Partei und des Staatsrats zusammengestellt. Wahrscheinlich wird nichts von diesen Informationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Hinter der Qualität der Statistiken, die veröffentlicht werden, steht ein großes Fragezeichen. Außerhalb des Bereichs der offiziellen Statistiken sammeln und kontrollieren Regierungsabteilungen interne Informationen auf allen Ebenen. Veröffentlichungen tendieren dazu, Propaganda zu sein – Informationsfetzen, herausgegeben mit einem hintergründigen Ziel. Eine Lösung für Chinas Wirtschaftswissenschaftler soll dann darin liegen, sterilisierte Untersuchungen durchzuführen und abstrakte Modelle zu entwickeln auf der Basis angenehmer Annahmen – von perfektem Wettbewerb, Gewinnmaximierung bei entsprechender Produktionstechnik, Haushaltsnutzenmaximierung in Hinblick auf Verbrauch und abhängig von finanziellen Beschränkungen usw.. Wie viel uns das über China sagen kann bleibt unklar.

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Andere mit China befasste Wirtschaftswissenschaftler akzeptieren offen Gefallen von der Partei. Wir können unsere Beziehungen nutzen, um mit Regierungskadern in Kontakt zu treten. Lokale Regierungsstellen und Parteikomitees könnten unsere Gastgeber bei unserer Feldforschung sein. Ein lokales Parteikomitee hat mir an einem Punkt geholfen, indem mir ein Auto, ein Parteikader und ein lokaler Regierungsbeamter zur Verfügung gestellt wurde. Sie führten mich zu Unternehmensmanagern, die vermutlich alle die richtigen Antworten gaben. Die Gastgeber boten mir weitgehend große Unterstützung an, aber schließlich arbeitete ich genau in dem Rahmen, in dem sie dachten und arbeiteten. (Dies dürfte das einzige Forschungsprojekt sein, das ich nie beendet habe). Außerdem können diejenigen, die ins Feld gehen und Kader interviewen, nicht nur unbewusst ein Werkzeug der Partei, sondern auch ein Werkzeug in abteilungsinternen Streitereien werden.

Unsere Verwendung der Sprache gleichen wir dem Bild an, das die Partei uns vermitteln möchte. Würde die Definition „einer Geheimgesellschaft, charakterisiert durch eine Haltung allgemeiner Feindseligkeit gegenüber Gesetz und Regierung“ nicht genau die Verschwiegenheit der Operationen der Partei, ihre Souveränität über dem Gesetz und ihre totale Kontrolle über die Regierung beschreiben? In Webster’s New College Dictionary ist dies die Definition der „Mafia“.

Wir reden ohne Relativierung von der chinesischen „Regierung“, wenngleich mehr als 95 Prozent der „Führungskader“ Parteimitglieder sind. Schlüsselentscheidungen werden von Führungskadern in ihrer Funktion als Mitglieder der Parteiarbeitskomitees getroffen; die Mitarbeiter des Personalministeriums der Regierung sind praktisch identisch mit dem Personal der Parteiorganisationsabteilung; der Stab des Überwachungsministeriums ist praktisch identisch mit dem Personal der Disziplinarkommission der Partei; und das Personal der Zentralen Militärkommission der Volksrepublik China ist zu 100 Prozent identisch mit dem Personal der Zentralen Militärkommission der Kommunistischen Partei Chinas.

Die Terminologie der Partei – oder der Mafia – durchdringt unsere Veröffentlichungen und Lehrtätigkeit. Wir fragen nicht, ob die Kommunistische Partei Chinas kommunistisch ist, ob die Volkskongresse Kongresse des Volkes sind, ob die Volksbefreiungsarmee das Volk befreit oder unterdrückt, oder ob die Richter nicht alle von der Partei berufen werden und ihr hörig sind. In Übereinstimmung mit dem Sprachgebrauch der Partei sprechen wir von „Zwischenfall auf dem Platz des Himmlischen Friedens“, nannten ihn aber direkt nach dem Massaker 1989 „Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens“, wohingegen „Zwischenfall“ zu sagen uns damals gegenüber der Partei als unterwürfig hätte erscheinen lassen.

Welches westliche Lehrbuch über Chinas politisches System erörtert die Auswahl und De-Facto-Bestimmung von Regierungsbeamten und parlamentarischen Delegierten durch die Partei – und welches Lehrbuch weist außerdem darauf hin, dass sich diese Verfahren von unseren Auffassungen von politischen Parteien, Regierung und Parlament im Westen unterscheiden? Indem wir der Partei folgen, wenn wir gefälschten chinesischen Imitationen den Namen westlicher Institutionen geben, heiligen wir die Vorwände der Partei. Wir sind nicht einmal bereit, China so zu nennen, wie es in seiner eigenen Verfassung genannt wird: eine Diktatur (eine „demokratische Diktatur des Volkes, geführt von der Arbeiterklasse und basierend auf dem Bündnis von Arbeitern und Bauern, welches dem Wesen nach die Diktatur des Proletariats ist“).

Wer beschreibt den systematischen Verkauf von Führungspositionen innerhalb der chinesischen Regierungen und Parteikomitees? Der Heilongjiang-Skandal lieferte die Preisliste von der Provinz zur Bezirksebene, eine in keinem Lehrbuch zu findende Liste. Der öffentlich bekannte Umfang des Verkaufs von Positionen lässt nicht viel Raum für Interpretation. Damit diese Verkäufer und Verkäuferinnen von Regierungspositionen nichts zu befürchten haben, muss die Herrschaft der Mafia und ihr Schweigekodex unvorstellbar mächtig sein.

Was nicht normal ist, wird für China als normal akzeptiert. Hacker sammelten die eingehenden E-Mails von einem Fakultätsmitarbeiter der Universität Hongkong vom Server der Universität, bis sie im Juni 2005 dabei entdeckt wurden, als sie zufällig E-Mails löschten. Die Hacker kamen von drei Internetprovider-Adressen vom Festland, und alle drei IP-Adressen gehören zu staatlichen Telekommunikationsfirmen. Innerhalb Chinas zählen Mitarbeiter der ausländischen Studierendenwohnheime zur Behörde für öffentliche Sicherheit. Sie überwachen ausländische Studierende und führen Akten über sie. In einem Weiterbildungsinstitut in Shanghai führt das dreimalige Eintippen von „Jiang Zemin“ in eine Suchmaschine eines Computers auf dem Campus zur automatischen Schließung des Zugangs zu dieser Suchmaschine für den ganzen Campus. Gerüchte sprechen davon, dass die Partei Zehntausende von Internetpolizisten beschäftigt. Telefonanrufe werden abgehört, wenn nicht systematisch aufgezeichnet. E-Mails werden gefiltert und manchmal nicht zugestellt. Wer würde da nicht instinktiv lernen, zu vermeiden, was die Partei nicht will, dass man denkt oder tut?

Die Parteipropaganda hat ihren Weg tief in unser Denken gefunden. Die Wichtigkeit „sozialer Stabilität“ und heutzutage einer „harmonischen Gesellschaft“ werden bedingungslos als für China wichtig akzeptiert. Aber ist ein Land mit mehr als 200 Fällen von sozialer Unruhe jeden Tag wirklich gesellschaftlich stabil und die Gesellschaft harmonisch? Oder bedeutet „gesellschaftlich stabil“ nicht mehr als die Akzeptanz der Herrschaft der Mafia?

„Lokale Regierung schlecht, Zentralregierung gut“ ist ein anderer Propagandagemeinplatz, der in der ausländischen Forschungsgemeinschaft blind akzeptiert wird und Forschungsfragen veranlasst und bestimmt. Doch betrachtet man die Partei als Mafia, gibt es keinen Platz für solche Spitzfindigkeiten, und außerhalb der Wissenschaft zu berichten suggeriert in der Tat, dass das Zentrum ein ziemlich schreckliches zweites Gesicht versteckt und es zwangsläufig für einen bestimmten Zweck tut.

Wir sehen die „Ziele“ – erfolgreicher Reform – und stellen nicht die „Wege“ in Frage. Das Wachstums-Mantra der Partei wird treu als übergreifendes Ziel für das Land und als alleiniges Maß erfolgreicher Reform akzeptiert. Niemand hält sich mit den politischen Mechanismen auf, durch die das Wachstum erreicht wird. Die Mafia führt China ziemlich gut, also warum sich darum sorgen, wie dies geschieht und welche „Nebenwirkungen“ es gibt? Selbstverständlich wissen wir von den Arbeitslagern, in die die Menschen ohne gerichtliche Überprüfung verschwinden, von den Folterungen durch Mitarbeiter der staatlichen Sicherheitsorgane und von der Behandlung der Falun Gong, aber wir setzen unsere sterilisierte Forschung und Lehre fort. Wir ignorieren, dass Chinas politisches System verantwortlich ist für die 30 Millionen Hungertoten während des Großen Sprungs nach vorn, und 750.000 bis 1,5 Millionen Morde währende der Kulturrevolution. Was kann westliche Wissenschaftler dazu bringen, inne zu halten und zweimal darüber nachzudenken, mit wem sie da ins Bett gehen?

Wenn Akademiker das nicht tun, wer sonst? Nicht die Weltbank und andere internationale Organisationen, weil sie vom Umgang mit China profitieren. Ihre Bankbeziehung hängt von freundschaftlicher Kooperation mit der Partei ab, und ein De-Facto-Erfordernis ihrer Forschungskollaboration ist, dass der Abschlussbericht und die öffentlichen Erklärungen für Parteizensoren akzeptabel sind. Nicht die Analyseabteilungen von Investmentbanken aus dem Westen, weil die anderen Arme der Banken wahrscheinlich vom Geschäft mit China abhängen.

Ist dies alles wichtig? Ist es wichtig, wenn China-Forscher den politischen Kontext, in dem sie arbeiten, und die politischen Beschränkungen ignorieren, die ihre Arbeit formen? Ist es wichtig, wenn wir dem Westen China auf die Art präsentieren, wie der Parteivorsitz möchte, dass wir China präsentieren, indem wir beschränkte Antworten liefern auf unsere selbstzensierten Forschungsfragen und ein keimfreies Bild von Chinas politischem System anbieten?

Die Größe von Chinas Wirtschaft überschreitet 2008 oder 2009 die der USA in Hinblick auf die Kaufkraft. China ist ein Land, mit dem westliche Wirtschaften zunehmend verflochten sein werden: Ein Viertel der chinesischen Industrie ist in ausländischem Besitz, und wir sind angewiesen auf die chinesische Industrie für billige Verbrauchsgüter. Letztlich hängen unsere Renten, investiert in multinationale Konzerne, die zunehmend in China produzieren, vom fortgesetzten ökonomischen Aufstieg Chinas ab. Aber versteht der Westen dieses Land und seine Herrscher? Zu welchem Zeitpunkt und durch welche Kanäle wird die Parteiführung mit ihren unterschiedlichen Ansichten zu den Menschen- und Bürgerrechten unsere Wahl von politischer Organisation und politischen Freiheiten im Westen beeinflussen (wie sie bereits die wissenschaftliche Forschung und Lehre beeinflusst hat)? Und in welchem Maß sind China-Forscher schuldig, ihre eigene Reisschale über ehrliches Denken und eine ehrliche Lehre zu stellen?

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Zur Person: Carsten Holz (geb. 1964) ist Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Hongkong für Wissenschaft und Technik. Der Artikel erschien erstmals unter dem englishen Titel „Have China Scholars All Been Bought?“ im April 2007 im Far Eastern Economic Review.
http://ihome.ust.hk/~socholz