Tibet heute – ein Drama ohne Ende

Von 11. März 2012 Aktualisiert: 11. März 2012 17:25
Nur ein echter Dialog Chinas mit der tibetischen Exilregierung kann zu einer friedlichen Lösung der Tibet-Frage führen.

„Die internationale Staatengemeinschaft muss die verzweifelten Hilferufe aus Tibet hören, sich konsequent für ihre Menschenrechte einsetzen und mit allem Nachdruck gegen die zunehmende Unterdrückung der Tibeter protestieren“, mahnte Ulrich Delius, Asienreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), anlässlich des 53. Jahrestages des Volksaufstands in Tibet (10.3.1959).

„Chinas Tibet-Politik hat einen Tiefpunkt erreicht. Die Flucht von zahllosen Mönchen und Nonnen und die vielen Selbstverbrennungen zeigen, dass Pekings Tibet-Politik vor einem Scherbenhaufen steht. Nur ein echter Dialog Chinas mit der tibetischen Exilregierung kann zu einer friedlichen Lösung der Tibet-Frage führen.“

Diese Sorge treibt auch den Tibet-Experten Dr. Bernhard Müller um, ehemals Berner Wirtschaftsminister und Mitglied des Schweizer Nationalrates.

Epoch Times: Herr Dr. Müller, Sie sind eng mit dem Dalai Lama befreundet; dürfen wir Näheres darüber erfahren?

Bernhard Müller: Tibet war für mich schon als Leseratte im Kindesalter eine Faszination; aber als Mao Tse-tung nach der Ausrufung der Volksrepublik China im Jahr 1949 gleich auch noch das souveräne Tibet in sein Riesenreich einzuverleiben begann, türmten sich vor mir nach und nach Bücher und Gutachten über Völkerrecht und Menschenrechts-Konventionen – ich verstand die Welt nicht mehr …

Als dann der Dalai Lama Im Jahr 1959 nach Indien floh, und hernach an die 20.000 tibetische Menschen über den Himalaja nach Nepal flüchteten, begann für uns Schweizer in Nepal im Namen des Internationalen Roten Kreuzes sowie der schweizerischen und nepalesischen Regierung eine ungemein schwierige zusätzliche Arbeit. Es galt, die Flüchtlinge in vier Regionen des ohnehin stark bevölkerten Gebirgslandes anzusiedeln. Und so nahm zwischen dem Dalai Lama und mir eine feste, für mich unschätzbare Freundschaft ihren Anfang.

Epoch Times: Es ist bereits 60 Jahre her seit der völkerrechtswidrigen Besetzung Tibets durch Mao Tse-tungs Truppen. Wo stehen wir heute in der Tibet-Frage?

Müller: Es ist wahrlich erschütternd, feststellen zu müssen, dass heute kein einziger Staat mehr auf dieser Welt, auch nicht die UNO oder EU, die Tibet-Frage bilateral oder multinational zur Sprache bringt. Man reduziert diese an sich völkerrechtlich klar relevante Angelegenheit etwa auf die Beanstandung von Menschenrechtsverletzungen in Tibet (und China).

Zu groß sind die Bemühungen zahlreicher Staaten, mit der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China möglichst enge Handelsbeziehungen zu pflegen. So etwa die einst tibetfreundliche Schweiz, welche „ohne Wenn und Aber“ ein bilaterales Freihandelsabkommen mit China anstrebt, ausgerechnet mit einem Staat, welcher von den Uhren bis zu den Textilien Markenartikel im großen Stil fälscht … Und hier eines der jüngsten und wohl treffendsten Zitate des Dalai Lamas: „… mein Volk stirbt auf seinem eigenen Territorium …“

Epoch Times: Wie können sich unsere Leser das Alltagsleben der Tibeter zum heutigen Zeitpunkt vorstellen?

Müller: Ja, da müssten wir nicht bloß von den Tibetern in Städten, Dörfern sowie als Nomaden lebend sprechen. Vorweg müssten wir von den 1,9 Millionen Tibetern sprechen, welche in der sogenannten „Autonomen Region Tibet“ mit Lhasa als Hauptstadt leben und tibetischen Bürgern, 2,9 Millionen an der Zahl, welche in den einstigen östlichen Provinzen Amdo und Kham leben, aber 1965 klammheimlich, völkerrechtswidrig und allemal brutal in die chinesischen Provinzen Qinqhai (neu) sowie Gansu, Sechuan und Yünnan integriert wurden!

So oder so sehe ich in allen diesen Provinzen, Distrikten oder Gemeinden, zwangsangesiedelte und sonst zugewanderte chinesische Bürger, die die absolute Übermacht haben! So weist etwa die Stadt Lhasa 260.000 Chinesen und gerade noch 40.000 Tibeter auf! Das sagt wohl genug! Die Tibeter werden zunehmend an den Rand des Existenzminimums gedrängt, die tibetische Eigenständigkeit, Identität und Kultur befinden sich in höchster Gefahr, die Sinisierung Tibets verläuft im Eiltempo! Hilfe tut dringend not, bevor es dazu zu spät ist!

Epoch Times: Im August 2011 wurde Lobsang Sangay als Tibets neuer Premierminister im Exil vereidigt; was erwartet die tibetische Bevölkerung von dieser Wahl?

Müller: Anlässlich meines Besuches im April 2012 beim Dalai Lama wird diese Frage ohne Zweifel eine wichtige Rolle spielen. Dazu Folgendes: In Tibet stelle ich zunehmend Verzweiflung, Angst und Resignation fest. Kürzlich sagte ich in einem Tibet-Referat folgendes: „Lange Zeit war China logischerweise der größte und einzige Feind Tibets; heute aber ist es die Ignoranz und Tatenlosigkeit der übrigen Welt.“

Epoch Times: Tausende von Klöstern sind in Tibet während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 von den chinesischen Stoßtrupps, den Roten Garden, zerstört worden. Ist die tibetische Kultur an diesen Orten erhalten geblieben?

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Müller: In der Tat wurden 6.000 Klöster von unschätzbarem Wert ausgeraubt und anschließend in die Luft gesprengt. China hat mitgeholfen, einige dieser Monumente wieder herzustellen. Da aber die neu eingezogenen Lamaschaften nachweisbar gezwungen wurden, den Dalai Lama „als Verräter an Land und Leuten“ zu bezeugen, gelten die meisten dieser Lamaschaften als sogenannte „rote Lamas“. Bei unseren Besuchen ist da kaum noch etwas von Freundlichkeit und Gastfreundschaft zu spüren. Oft wird man den Eindruck nicht los, dass China solche Klöster als lukrative Touristenattraktion konzipiert hat und sie deshalb auch unter strengen Auflagen duldet.

Epoch Times: Ihre begleiteten Entwicklungsprojekte in Tibet und Nepal sowie die damit verbundenen Erfolge, etwa in der Landwirtschaft, stoßen auch in China auf Interesse. Weshalb?

Müller: In all den Jahren haben wir in der Tat entsprechende Erfolge auch in extremen Höhen- und Klimazonen erzielt. In China haben unter anderem folgende Entwicklungsbereiche Beachtung und Unterstützung erfahren: Unter Beachtung von zwölf Kriterien kann nunmehr mit zwei Ernten pro Jahr gerechnet werden. Dabei ist insbesondere eine sehr ertragreiche Buchweizensorte in ständigem Aufwind. Erfolgreich sind ebenso Maßnahmen gegen das Vorrücken von Sanddünen, aber auch geglückte Aufforstungen in brutal abgeholzten und höchst erosionsgefährdeten Lössgebieten.

Epoch Times: Sie treten ebenfalls als Berater der Regierungen in Nepal und Tibet auf. Würden Sie etwas näher auf diese Aufgaben eingehen?

Müller: Als Ehrenbürger Nepals war und ist es für mich eigentlich selbstverständlich, dass ich gelegentlich einzelne Ministerien oder Fachkommissionen berate; so ging es in jüngster Zeit um die neue Verfassung sowie die Wahlen auf Landes-, Distrikt- und Gemeindeebene. In Tibet unternehme ich stets nur Einsätze im Einvernehmen mit der Regierung oder einzelnen Ministerien. Als eines von zahlreichen Beispielen erwähne ich die Bildung einer Stiftung am Tibetan Hospital in Lhasa, wo mittellose und in Not geratene Bürger oder nach Lhasa strömende Pilger im Spital kostenlos ambulant oder stationär behandelt werden sollen.

Epoch Times: Herr Dr. Müller, ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Gespräch.

Info

Dr. Bernhard Müller

Der 1931 im Berner Oberland geborene Verhaltensbiologe und Ökonom Dr. Bernhard Müller arbeitete in den Sechzigerjahren als Chef der schweizerischen Talentwicklungs- und Landwirtschaftsprojekte im Himalajakönigreich Nepal.

Bernhard Müller ist u. a. Preisträger der Internationalen Gesellschaft Öko-Himal für nachhaltige Ertragssteigerungen in arid-kontinentalen und zugleich extremen Höhen- und Klimazonen.

Später vertrat er sein Land in verschiedenen internationalen Organisationen und war als Dozent an der Technischen Hochschule in Lausanne tätig. 1974 wurde er durch Volkswahl zum Wirtschaftsminister des Kantons Bern und als Nationalrat in das Schweizer Parlament berufen.

Bernhard Müllers Tibetbücher:

„Tibet – Schrei der Wildgänse“, „Das Phänomen Tibet – gestern, heute, morgen“, „Lo Mantang (Mustang) – das Königreich am Rande der Einsamkeit“ und „Chinesisches Tagebuch – ein politischer Reisebericht über vier spannungsgeladene Jahrzehnte“, alle im Frieling-Verlag Berlin.