Die Ermittlerin Xiao Jin (auf dem Foto) und ihr Freund Liao Yiwu haben 36 Berichte über die Erfahrungen der Erdbebenopfer in Sichuan geschrieben. (The Epoch Times)

Unabhängige Ermittler berichten über das Erdbeben in Sichuan

Von 21. Mai 2009 Aktualisiert: 21. Mai 2009 23:49

Melbourne – Zehn Tage nach dem Erdbeben des letzten Jahres in Sichuan, haben sich Xiao Jin und ihr Freund Liao Yiwu in die am härtesten betroffenen Gebiete aufgemacht.

Sie wohnten in der Stadt Chengdu, ungefähr eine Autostunde [vom Erdbebengebiet] entfernt. Es dauerte nicht lange, bis sie in die verwüsteten Straßen kamen und die düsteren Gesichter der Bewohner sahen. Trümmerhaufen türmten sich zu beiden Seiten der Straße auf und der Geruch von Formaldehyd hing in der Luft.

Liao wollte die Katastrophe von den Opfern beschreiben lassen und dokumentieren. Er ist ein Schriftsteller, dessen Bücher wie „The Corpse Walker“ eine Sammlung wahrer Geschichten der entmachteten und ärmsten Menschen in China ist.

Zwei oder drei Mal pro Woche fuhren sie zwei Monate lang in das Erdbebengebiet. Die hübsche Xiao Jin konnte durch ihr freundliches Auftreten schnell Kontakte zu den Menschen auf der Straße knüpfen, die sie wiederum an andere verwiesen, die dann ihre Geschichten erzählten. Sie führten Interviews in den Wohnungen der Betroffenen oder an anderen ruhigen Orten, weit weg von den neugierigen Augen der Soldaten und der Polizei.

Insgesamt stellten sie 36 Berichte zusammen, die Liao in Geschichten einbrachte und ins Internet stellte. Im März dieses Jahres wurden diese unauffällig nach Taiwan gebracht und dort in einem Buch veröffentlicht, das den Titel „Psychiatrische Anstalt für Erdbebenopfer“ trägt (nur auf Chinesisch bisher).

Irgendjemand aus der hohen Hierarchie wollte nicht, dass das Paar seine Geschichten erzählte. In der letzten Woche konnte Liao Yiwu seiner Freundin nicht nach Australien folgen, weil er China nicht verlassen durfte.

Aber da man Xiao Jin relativ wenig kennt, gelang ihr eine vergleichsweise mühelose Ausreise. Mit einem Lächeln zitierte sie eine bekannte chinesische Redensart: „Das Gewehr tötete nur den Zugvogel an der Spitze.“

Gebäude aus Tofu

Eine Geschichte in ihrem Buch ist die einer alten Dame, über 80 Jahre alt, die so demenzkrank ist, dass sie kaum reden konnte. Aber sie wusste, dass ihr Enkel, Zhou Jingbo, tot war.

Diese demenzkranke Frau versteht vieles nicht, aber sie versteht, dass ihr Enkel bei dem Erdbeben gestorben ist. (The Epoch Times) 
Diese demenzkranke Frau versteht vieles nicht, aber sie versteht, dass ihr Enkel bei dem Erdbeben gestorben ist. (The Epoch Times)

„Sie erinnerte sich noch an ihren Enkel und weinte und weinte“, berichtete Xiao Jin. „Sie wußte nicht wirklich, was geschehen war, aber wenn man ihren Enkel erwähnte, weinte sie sofort.“

Der Teenager war Schüler der Juzhong Mittelschule, die – wie viele andere auch – für ein „Gebäude aus Tofu“ gehalten wurde, nachdem sie sich beim Beben in Konfetti verwandelt hatte. Seine Leiche wurde später aus dem Schutt geborgen.

Die beiden Ermittler besuchten die Juyuan Realschule, die eingestürzt war, während angrenzende Gebäude ein wenig gewackelt, aber fest stehen geblieben waren. Einige Soldaten, die in der Nähe standen, wollten sie nicht zu dicht an die Gebäude gehen lassen, aber sie hörten, wie eine Gruppe Eltern ein wütendes Streitgespräch mit einigen Lehrern hatte.

Eine Bewohnerin erzählte ihnen, dass einige Familien nach zehn Tagen immer noch nicht die Körper ihrer Kinder gefunden hätten. Diese waren einfach als vermisst gemeldet. Die Eltern wollten, dass die Suche fortgesetzt wurde, aber die Schulleiter hatten die Suche nach Verschütteten schon vor mehreren Tagen eingestellt. Die Eltern vermuteten, dass sich noch Leichen unter dem Schutt befänden und wollten, dass die Suche weiterging.

„Überall waren Fliegen und der Gestank war intensiv“, sagte Xiao Jin. „Die beiden Parteien wollten gerade mit den Fäusten aufeinander losgehen, als die Schulleiter nachgaben und die Suche weiterging.“

Suche nach verschütteten Schülern in Hanwang, Sichuan, am 17. Mai 2008, fünf Tage nach dem Erdbeben. (Andrew Wong/Getty Images)
Suche nach verschütteten Schülern in Hanwang, Sichuan, am 17. Mai 2008, fünf Tage nach dem Erdbeben. (Andrew Wong/Getty Images)

Sie gingen zu einer Stelle, an der der Fliegenschwarm besonders dicht war und nach zweimaligem Graben fanden sie zwei Mädchen, die sich umklammert hielten. Ihre Körper verwesten bereits.

Die Nachricht erreichte die Mutter eines der Mädchen. Sie erkannte einen gelben Gürtel, den das Mädchen trug. Es war noch nicht lange her, dass sie ihrer Tochter den Gürtel gekauft hatte. Die Mutter fiel in Ohnmacht.

„An einigen Stellen war kein einziges Haus eingestürzt. Die Häuser hatten Risse, aber sie standen noch. Nur die Schulgebäude waren eingestürzt.“ sagte Xiao Jin.

„Viele Bewohner beschwerten sich darüber, dass die Moniereisen nur aus dünnem Stahl bestanden. Sie hatten das nach dem Einsturz der Schule gesehen. Sie waren aufgebracht und wollten Gerechtigkeit für ihre Kinder.“

Eine sehr gute Gelegenheit für Propaganda

Tausende Bewohner lebten in Zeltstädten, die von der Armee errichtet worden waren. In einem Camp waren die Bewohner wütend über ihre lokalen Beamten.

Sie erzählten Xiao Jin und Liao, dass die Beamten zu ihrer Zeltstadt gekommen seien und Kochgeräte für Reis, Heizapparate und andere nützliche Dinge an sie verteilt hätten und die Fotografen eingeladen hätten, diesen Wohltätigkeitsakt zu fotografieren.

Später kamen die Beamten zurück und nahmen ihnen alles wieder fort.

„Die Einwohner waren außer sich“, sagte Xiao Jin. „Man hatte diese Sachen gerade erst verteilt und sie dann wurden sie wieder weggenommen. Die Leute waren lediglich [für Propagandazwecke] missbraucht worden.“

Behinderungen

Das Paar war unauffällig, wurde aber oft von Soldaten befragt. Die Soldaten hatten einige Gebiete abgesperrt und das manchmal aus guten Gründen. Sie hatten Angst, dass durch die verwesenden Leichen Krankheiten ausbrechen könnten und es hatte auch Zwischenfälle gegeben, bei denen die Einwohner, die zu ihren zerstörten Häusern zurückgekehrt waren, um noch persönliche Dinge zu holen, bei Nachbeben getötet worden waren.

Aber Xiao Jin sagte, es gab auch noch andere Gründe.

„Sie hatten Angst davor, dass ausländische Journalisten die Wahrheit berichten würden“, sagte sie. „Sie wollten nicht, dass die Welt erfuhr, dass das chinesische Volk unzufrieden war und sich über die Behörden beklagte.“

Diese Tatsache wurde nur allzu deutlich, als Liao neunmal einen Pass für Australien beantragte und neunmal eine Absage erhielt. Er und Xiao Jin waren von der Melbourner Kulturvereinigung Qi eingeladen worden, ihre Ermittlungsergebnisse zu präsentieren. Die Kulturvereinigung hatte sich bereit erklärt, für die Flugkosten und die Unterbringung aufzukommen.

Letztendlich erhielt er einen Pass und ein Visum für Australien und versuchte das Land unauffällig in der südlichen Provinz Yunnan zu verlassen. Aber die Grenzbeamten hielten ihn fest.

„Sie gaben ihm keine Erklärung, sondern teilten ihm mit, dass er auf der Liste der Personen stünde, die nicht nach Übersee reisen durften“, sagte Xiao Jin.

Nach dem Fiasko, das er bei der Beantragung seines Passes erlebt hatte, war es nur ein geringer Trost für ihn, als sie ihm mitteilten, er könne innerhalb von sechzig Tagen Berufung gegen die Entscheidung einlegen.

‚Ich hoffe, dass ich zurückkehren kann‘

Da man Xiao Jin relativ wenig kannte, gelang es ihr, nach Australien zu kommen und ihre Ermittlungsergebnisse vorzulegen, aber sie vermutete, dass es Probleme geben würde, wenn sie es noch einmal versuchte.

Sie ist für einen Monat in Australien, spricht mit der Presse und auf Foren. Sie sagte, sie habe keine Angst um ihre Sicherheit.

„Ich weiß nicht, was geschehen wird, [wenn ich zurückkehre]“, sagte sie. „Ich berichte nur, was ich gesehen und gefühlt habe.“

„Ich hoffe, dass ich nach China zurückkehren kann.“

Originalartikel (englisch): http://www.theepochtimes.com/n2/content/view/17068/

 



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