Bankenkrise in China: Interbank Zinssatz auf Rekordhöhe

Von 22. Juni 2013 Aktualisiert: 22. Juni 2013 8:00
  Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 zeigte der LIBOR-Satz, vor und unmittelbar nach der Insolvenz von Lehman Brothers, einen heftigen Ausschlag. Eine ähnliche Situation spielt sich derzeit in China …

 

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 zeigte der LIBOR-Satz, vor und unmittelbar nach der Insolvenz von Lehman Brothers, einen heftigen Ausschlag. Eine ähnliche Situation spielt sich derzeit in China ab.
In China ist eine Kreditklemme eskaliert, eine mögliche Vorstufe zu einer vollwertigen Bankenkrise, die der weltweit zweitgrößten Wirtschaft schaden könnte.
Jedes negative wirtschaftliche Ereignis kann, für sich betrachtet, seinen Grund haben. Zusammengenommen jedoch signalisiert die jüngste Reihe von negativen wirtschaftlichen Entwicklungen, dass etwas viel Schlimmeres in China im Gange sein könnte.
Bedrohliche Signale zeigen sich in der Regel im Bankensystem, so wie im Herbst 2008, als die westlichen Finanzsysteme am Rand des Zusammenbruchs standen. Wenn Banken sich gegenseitig nicht mehr vertrauen, verlangen sie, aus Angst, dass sie vielleicht ihr Geld nicht zurückbekommen, höhere Zinsen für Interbanken-Kredite. Da das chinesische Bankensystem voller fauler Kredite steckt, gibt es genügend Gründe, skeptisch zu sein.
Bisher hat die staatliche Intervention die Dinge unter Kontrolle gehalten, bis jetzt.
Der aktuelle Finanzierungsengpass begann Ende Mai, und am vergangenen Freitag verkaufte das chinesische Finanzministerium nur 9,5 Milliarden Yuan an Staatsanleihen von den 15 Milliarden im Angebot. Käufer verlangten höhere Zinsen als bei den 9-Monats-Anleihen üblich, und die gescheiterte Auktion war Chinas zweite innerhalb von nur einem halben Monat.
Eine weiteres beunruhigendes Detail in dieser gescheiterten Auktion: Mit Auktionen wird bezweckt, dem System Liquidität zu entziehen. Wenn die Banken keine Anleihen kaufen, bedeutet dies, sie horten Bargeld, eine Maßnahme, die in der Regel nur in einem risikoreichen Umfeld durchgeführt wird.
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Der SHIBOR explodiert
Der beste Indikator für das Misstrauen zwischen den Banken ist der Shanghai Interbank Offered Rate, SHIBOR, eine chinesische Version des LIBOR, er gibt den Zinssatz vor, mit dem die Banken einander im Shanghai Geldmarkt Geld leihen. Der SHIBOR Tagessatz unterlag kürzlich Schwankungen, beginnend bei weniger als 3 Prozent im April auf das Jahr gerechnet, stieg dann auf über 7,6 Prozent am 19. Juni und explodierte zum Tagesschluss vom 20. Juni auf mehr als 13,4 Prozent.
Das ist eine absurd hohe Rate für den Tagesgeldmarkt und die Wertpapiere. Im Vergleich bedeutet dies, dass die Anleger sich mehr Sorgen bei einer Kreditvergabe an chinesische Banken für 24 Stunden machen, als bei der Kreditvergabe an die griechische Regierung mit einer Laufzeit von 10 Jahren.
Warum ist plötzlich keine Liquidität mehr vorhanden? Es gibt einige berechtigte Gründe für das Anziehen des Geldmarktes, einschließlich der Steuern, die Unternehmen zu zahlen haben, und des von Banken benötigen Kapitals, um die Eigenkapitalanforderungen für den Cut-off am 30. Juni zu erfüllen. Die derzeitigen hohen Zinssätze liegen auf einer bisher nicht erreichten Rekordhöhe.
Dies bedeutet, dass die aktuelle Krise nicht von zyklischer Natur ist. Offenbar hat die chinesische Zentralbank Peoples Bank of China (PBOC) die Begrenzung der Liquidität, die sie in den Markt pumpt, als einen Weg eingeschlagen, um das aktuelle Kreditvergabe-Fieber abzukühlen und sie weigerte sich, die Kreditvergaben der chinesischen Banken zu schützen, wie sie es vorher getan hatte.
Am Dienstag hat die PBOC nicht wie erwartet zwei Milliarden Yuan an Liquidität in den Markt gepumpt. Sie hatte angekündigt, dass sie stattdessen durch den Verkauf von zwei Milliarden Yuan an 91-Tage-Wechseln noch Bargeld aus dem Markt ziehen würde. Das setzt die nach Kapital hungrigen chinesischen Banken noch mehr unter Druck.
Am 6. Juni ist die China EverBright Bank bei einer Interbankkreditnahme mit 6 Milliarden Yuan in Verzug geraten. Es gibt noch andere Fälle von Banken, die ihre Interbankkredite nicht bezahlen konnten. Das hat zweifellos zu den steigenden Zinssätzen beigetragen. In der Vergangenheit finanzierte die PBOC die chinesischen Banken über offizielle und außerbilanzielle Mittel, aber angesichts der jüngsten Zahlungsunfähigkeit von Banken könnte die Zentralbank in der Tat die Geldmenge begrenzt haben, die offiziell und inoffiziell gegeben werden könnte.
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Der Kredit-Wahn vergrößerte die Spekulationsblasen
In den letzten Jahren kam das Wirtschaftswachstum in China weitgehend im Gefolge der laxen Geldpolitik, den spekulativen Immobiliengeschäften und Wachstum in anderen Wirtschaftstätigkeiten. Doch den teuren Infrastrukturprojekten fehlen produktive Zwecke.
Diese weitgehend unproduktive Kreditvergabe wurde durch ein sogenanntes „Schattenbanken-System“ maßlos aufgeladen, einem Kreditvergabe-Netzwerk außerhalb des Bankensystems.
Chinesische Banken verkaufen oft außerbilanziell strukturierte Produkte an Einzelpersonen, hohen Ertrag abwerfende Vermögens-Management-Produkte und andere Projekte, die mit betrügerischen Transaktionen, politischer Korruption und gefälschten Rechnungen verbunden sein konnten. Im Gegenzug sitzen chinesische Banken auf einem Berg von Forderungsausfällen – ihre eigene staatliche Regulierungsbehörde schätzt die Menge auf 526.5 Milliarden Yuan, was noch eine vorsichtige Schätzung ist. Charlene Chu, Analystin von der Rating-Agentur Fitch Ratings schätzt, dass Chinas Schulden im Verhältnis zum BIP jetzt mehr als 200 Prozent ausmachen, und jeder weitere geliehene Yuan produziere einen immer geringeren wirtschaftlichen Wert (so niedrig wie 0,17 Yuan pro geliehenem Yuan). Ihre Einschätzung fand sich in der letzten Mittwochausgabe der englischen Zeitung „Daily Telegraph“.
„Je früher sie (die Zentralbank) handelt, desto geringer sind die Kosten. Wenn sie länger wartet, gilt es, noch mehr faule Kredite zu bewältigen.“, sagte Zhang Ziwei, China-Chef-Ökonom des japanischen Analysehauses Nomura in einem Recherchenkommentar von dieser Woche.
Keine einfache Antwort
Vielleicht ist die einzige Konstante in der Welt der Finanzen, dass kein einziger Trend ewig dauern kann. Im letzten Wirtschaftsboom Chinas waren staatlich geförderte wirtschaftliche Subventionen inbegriffen. Das hat massive Spekulationsblasen geschaffen, die nur über eine noch laxere Geldpolitik beibehalten werden können.
Chinas wirtschaftliche Zahlen vom Mai waren erschreckend schlecht. Die Ausfuhren stiegen nur um 1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, weit niedriger als die Schätzungen in der allgemeinen Meinung von 7 Prozent Wachstum. Das ist extrem niedrig in Anbetracht der Wahrscheinlichkeit von gefälschten Rechnungen durch die Exporteure, womit die Zahlen oft nach oben schöngefärbt werden. Der Erzeugerpreisindex sank im vergangenen Monat um 2,9 Prozent. Damit ging es den 15. Monat in Folge abwärts. Da Chinas Wirtschaft weitgehend durch seine Fertigungsindustrie angetrieben wird, bedeutet dies, dass das Land wahrscheinlich an einer Deflation leidet.
Der neue chinesische Ministerpräsident Li Keqiang ist in keiner beneidenswerten Lage. Er kann weiterhin die Wirtschaft ankurbeln, um sich mehr Zeit zu erkaufen und den aktuellen Kreditvergabe-Wahn verschärfen, oder er kann die Geldpolitik straffen und eine ausgewachsene Kreditkrise und Bankenkrise riskieren. Aber angesichts des hohen Verschuldungsgrades der chinesischen Banken könnten sogar stufenweise Erhöhungen der Zinssätze fatale Folgen haben.
China kann es sich nicht leisten, seine Geldmenge zu vergrößern, und es kann auch nicht die Regelungen zur Kreditvergabe verschärfen. Es befindet sich zwischen Skylla und Charybdis und muss wirklich sehr innovativ werden, um aus dieser fatalen Gegend weg zu kommen.
Artikel auf Englisch: China Banking Crisis Interbank Rates at Record
 
 
 

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