Das Geheimrezept zur Konfliktlösung im alten China: Nachsicht

Von 5. Oktober 2019 Aktualisiert: 8. Oktober 2019 16:56
Immer wieder liest man in den Medien, wie kleine Konflikte zu Gewalttaten oder sogar Mord eskalieren. Die Fähigkeit, Konfliktsituationen auf elegante und friedliche Weise zu lösen und dabei die Gegenpartei sogar zu seinem Verbündeten zu machen, war im alten China eine wohlbekannte Tugend. Das Geheimrezept dafür: Nachsicht.

Schlagzeilen wie „Mann attackiert Arbeitskollegen mit Schraubenschlüssel“ oder „Nachbarstreit eskaliert- Mann nach Beil-Angriff leicht verletzt“, in denen dem Ärger freien Lauf gelassen wurde, sind Paradebeispiele für einen schlechten Umgang mit Konflikten.

Im alten China wurde hingegen ein Geheimrezept zur Vermeidung von Eskalationen von Streitigkeiten angewendet: Nachsicht.

Alles, was den inneren Frieden kostet, ist zu teuer

Im alten China zählten innere Ruhe und Frieden zu den wichtigsten Eigenschaften eines Menschen. Dabei wurde die innere Mentalität als etwas sehr persönliches gesehen und es galt die Überzeugung: Wenn man eine andere Person den eigenen inneren Frieden stören lässt, gibt man dieser Person schlichtweg zu viel Macht. Nichts konnte so viel wert sein, um die innere Ruhe zu verlieren.

Daher wurde es als besserer Lösungsansatz gesehen, sich selbst zu verbessern, indem man dem Gegenüber in Konflikten seine Fehler verzeiht und sich in die Lage des anderen versetzt. Oftmals bewegte diese Barmherzigkeit auch das Gegenüber, sich ebenfalls ein Herz zu fassen und zu verbessern.

Übrig blieben am Ende des Konfliktes zwei verbesserte Menschen – anstelle von Verletzten oder Toten.

Konfliktsituation 1: Sachbeschädigung durch Nachbarn

Song Jui war Statthalter des Staates Liang in der „Zeit der streitenden Reiche“ (722- 481 v. Chr.). Der Staat Chu grenzte direkt an Liang und war durch zwei Felder von Melonen getrennt. Das eine Feld gehörte den Bewohnern von Liang, das andere Feld den Bewohnern von Chu.

Die Feldarbeiter von Liang waren fleißig und besaßen gute landwirtschaftliche Kenntnisse. So wuchsen ihre Melonen hervorragend, während die Melonen der Chu, die sich wenig Mühe gaben und weniger Wissen hatten, klein und ausgedörrt waren.

Aus Neid überquerten einige Männer der Chu mitten in der Nacht unbemerkt die Grenze und zertrampelten viele Melonenpflanzen der Liang Bauern.

Verärgert gingen die Bauern zu Statthalter Song Jui, um Maßnahmen für Rache für die zerstörten Felder zu fordern. Aber Song Jui schüttelte den Kopf und sagte:

Wir sollten keine Rache nehmen. Rache führt zu Unheil. Außerdem ist es engstirnig, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.“

Stattdessen schlug Song Jui einen ganz anderen Lösungsweg vor. Er befahl seinen Bauern, nachts im Geheimen auch die Felder der Chu Bauern zu bearbeiten.

Durch die geheime Pflege der Liang Bauern wurden schließlich auch die Melonen auf der anderen Seite der Grenze immer schöner und größer. Die Chu waren verwundert und beobachteten schließlich nachts heimlich die Felder. Dabei sahen sie, wie die Liang Bauern ihre Felder mit Mühe pflegten. Berührt erzählten sie ihrem eigenen Herrscher von der Begebenheit.

Der Herrscher der Chu war bewegt von der Toleranz der Liang und ihrem Statthalter Song Jui. Schließlich entschuldigte er sich mit großzügigen Geschenken und schwor Frieden mit dem Volk der Liang.

Daraus entwickelte sich eine langanhaltende Allianz der zuvor verfeindeten Reiche. Man erinnerte sich noch jahrhundertelang an die Weisheit und Nachsicht des Statthalters Song Jui.

Konfliktsituation 2: Eigentumsstreit

In Tongcheng in der Province Aihui gibt es einen 100 Meter langen, sechs Fuß breiten Weg, der als „Sechs-Fuß-Gasse“ bekannt ist.

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Zhang Ying war Premierminister in der Zeit der Qing-Dynastie und wurde in Tongcheng geboren. Gegenüber seinem Geburtshaus war ein kleines Stück ungenütztes Land. Die Nachbarn bauten um dieses Land eine Mauer, um es für sich zu beanspruchen. Die Familie von Zhang diskutierte und stritt lange mit den Nachbarn, aber vergebens.

Schließlich schrieben sie Zhang, der sein Amt in der Hauptstadt ausübte, und baten ihn in den Eigentumsstreit einzugreifen.

Anstatt sich an der Diskussion zu beteiligen, antwortete er mit folgendem Gedicht:

Über tausende von Meilen ist dieser Brief gereist, nur wegen einer Mauer.

Was ist schon dabei jemand anderen ein paar Fuß mehr Land zu geben?

Die große Mauer [die chinesische Mauer] ist immer noch groß und unversehrt.

Was aber ist mit Kaiser Qin?

Mit der Anspielung auf Kaiser Qin, den ersten Kaiser der Qin-Dynastie, der die Mauer bauen ließ aber schon lange verstorben war, wollte Zhang seine Familie daran erinnern, dass das Leben zu kostbar ist, um wegen materieller Dinge zu streiten.

Als Zhangs Verwandte das Gedicht lasen, schämten sie sich und begruben den Streit mit ihren Nachbarn und schenkten ihnen drei Fuß Land.

Die Nachbarn waren ebenfalls von Zhangs Worten berührt und gaben nicht nur das Land zurück, sondern ebenfalls drei Fuß von ihrem eigenen Grundstück, wodurch sich die berühmte „Sechs-Fuß-Gasse“ bildete.

Konfliktsituation 3: Drohungen und Gerüchte

Lin Xiangru war ein Diplomat im Staate Zhao während der „Zeit der streitenden Reiche“, der sich zügig seinen Weg zum Minister erarbeitete. Sein schneller Erfolg verärgerte General Lian Po, der nun Befehle von Lin annehmen musste.

Lian Po konnte seinen Neid nicht loslassen und verkündete öffentlich: „Ich bin General und habe meinen Rang verdient, weil ich viele Städte erobert habe. Lin Xiangru hat nur durch Reden eine höhere Position bekommen. Wenn ich ihn sehe, werde ich ihn blamieren.“

Als Lian die Drohungen zu Ohren kamen, vermied er jegliche Konfrontation. Lians Begleiter dachten, dass er Angst vor dem General hatte und deshalb versuchen würde, dem Konflikt aus dem Weg zu gehen.

Sie sagten zu ihm: „Obwohl deine Position höher ist als die von General Lian Po, hast du Angst vor ihm und weichst dem Konflikt aus. Sogar einem alltäglichen Menschen ohne Rang wäre es peinlich, sich so zu verhalten. Bitte erlaube uns zu gehen.“

Lin bat sie zu bleiben und erklärte ihnen den Hintergrund, warum er den Streit mit dem General tunlichst vermied. Zuerst fragte er sie: „Wer denkt ihr, ist mächtiger: General Lian Po oder der König der Qin?“ Seine Begleiter waren sich einig, dass der König der Qin der Mächtigere sei.

Lin fuhr fort: „Ich wagte dem König der Qin zu widersprechen und ihn zu ermahnen. Warum also sollte ich Angst vor General Lian haben?“ Und weiter:

Aber General Lian und ich sind der Grund dafür, dass der König der Qin noch nicht unser Land angegriffen hat. Zwei Tiger können nicht zusammenleben, wenn sie sich bekämpfen. Ich akzeptiere sein Verhalten, weil mir das Wohlergehen des Staates wichtiger ist als mein Stolz“, sagte Lin zu seinen Begleitern.

Nachdem General Lian von dieser Aussage erfahren hatte, war ihm sein Verhalten sehr unangenehm. Er ging zu ihm, um sich zu entschuldigen und ihn wissen zu lassen:

Ich empfinde tiefe Demut angesichts deiner Großzügigkeit. Ich hatte nicht erwartet, dass du mir gegenüber so nachsichtig bist.“

Seine Fehler einzugestehen galt im alten China ebenfalls als eine große Tugend. Die beiden wurden gute Freunde, die den Frieden im Land bewahrten.

Nachsicht als hohes Gut

Nachsicht gehört zu den am höchsten respektierten Eigenschaften in der traditionellen Kultur Chinas. Selbstlosigkeit, ein weites Herz und die daraus resultierende Weisheit kommt von Selbstdisziplin und zeigt sich als Freundlichkeit, Barmherzigkeit und Gutmütigkeit. Es ist die Grundlage, wie Konfliktsituationen gut gelöst und die Beziehungen zwischen den Mitmenschen verbessert werden können.

Die Tugend, in Konflikten und Schwierigkeiten zuerst an andere zu denken, wurde im traditionellen China im höchsten Maße bewundert.

Laotse, ein hochgeschätzter, weiser Gelehrter des alten Chinas, sagte, dass eine Person von großer Tugend in Einklang und Harmonie mit dem Tao – dem „großen Weg“ sei.

Er lehrte damals: „Der Grund warum das Meer der König aller Flüsse ist, ist weil es bereit ist tiefer zu liegen, als diese. So kann es alles Wasser der Flüsse und Bäche aufnehmen und weit und tief werden.“