„American Dirt“: Erfolgs-Thriller aus den USA wird zum Anlass für politisch korrekten Shitstorm

Von 2. Februar 2020 Aktualisiert: 3. Februar 2020 12:19
Ist die Frage des Stoffs, über den Belletristik-Autoren schreiben dürfen, eine der „sozialen Gerechtigkeit“? In den USA hat der Verkaufserfolg eines Thrillers, in dem es um mexikanische Flüchtlinge geht, eine Debatte um „Rassismus“ und „kulturelle Aneignung“ ausgelöst.

Im Dezember 2019 erschien in den USA der Roman „American Dirt“ der bekannten Thrillerautorin Jeannine Cumming. Seit Mitte Januar gibt es auch eine Ausgabe für den internationalen Markt. Mittlerweile ist das Buch auf Platz 1 der Bestsellercharts, schon Ende des Vorjahres waren etwa 50 000 Exemplare verkauft.

Der Erfolg kommt wenig überraschend: Die Autorin hatte bereits zuvor mehrere Bücher veröffentlicht, die zu Publikumserfolgen wurden. Sie versteigerte die Rechte an „American Dirt“ im Vorfeld an den meistbietenden Verlag, der ihr einen Vorschuss von einer Million US-Dollar gewährte. Bekannte Persönlichkeiten wie Stephen King und Oprah Winfrey sprachen Empfehlungen aus.

„Kulturelle Aneignung“ als entscheidendes Delikt

Wie „Cicero“ berichtet, hat die Autorin mittlerweile jedoch ihre geplante Autorenreise durch die USA abgesagt. Die Gründe dafür sind Drohungen und ein Shitstorm aus dem politisch progressiven Lager, wo man sich vielfach durch die Veröffentlichung in seinen Gefühlen verletzt fühlt.

Der Roman handelt von einer Mexikanerin und ihrem achtjährigen Sohn, deren Familie von Drogenkartellen ermordet wurde und die nun versuchen, durch die Wüste in die USA zu gelangen. Damit begibt sich die Autorin auf sensibles Terrain, denn sowohl die Gewalt von Drogenkartellen in Mexiko als auch die Problematik der illegalen mexikanischen Einwanderung in die USA stellen aktuelle und kontrovers diskutierte Themen dar.

Autorin Cumming vertritt dabei nicht einmal konservative Positionen oder sympathisiert mit US-Präsident Donald Trump, der eine Mauer entlang der Südgrenze der USA errichten will, um illegale Einreisen zu stoppen. Die linken Kritiker ihres Buches beanstanden vielmehr, dass die Autorin als weiße Amerikanerin überhaupt über dieses Thema schreibe.

Der kalifornischen Autorenkollegin Myriam Gurba zufolge habe Cumming sich der „kulturellen Aneignung“ schuldig gemacht. Ihr „Trauma-Porno“ bediene sich an Werken farbiger Autoren und verpacke diese „farbenblind“ für den Massengebrauch neu. Die Romanheldin Lydia äußere sich zudem zu kritisch über ihr eigenes Land und dessen Bewohner, womit sie wirke wie eine „amerikanische Touristin, die ihre Perlen umklammert“. Dass die Autorin in ihrem Werk mexikanische Migranten als Sympathieträger darstellt, mache, wie andere Kritiker meinen, die Botschaft nicht authentischer.

PEN: „Reales Problem darf nicht mit Gewalt und Denkvorgaben gelöst werden“

Tatsächlich sind einer jüngst veröffentlichten Studie der Agentur Lee & Low Books zufolge Angehörige von Minderheiten als Mitarbeiter und Autoren in den großen US-amerikanischen Publikumsverlagen gemessen an der Gesamtbevölkerung deutlich unterrepräsentiert. So seien 76 Prozent der Mitarbeiter in der Verlagsbranche weiß, sieben Prozent asiatisch, sechs Prozent „Latinx“ und fünf Prozent schwarz – wobei die Zahl der Latinos nicht präzise darstellbar sei, da viele Nachfahren spanischer Einwanderer sich selbst nicht als „People of Color“ definierten.

Auch würden mexikanische Autoren von Manuskripten auch im Fall einer positiven Verlagsentscheidung deutlich schlechter bezahlt als US-Autoren und Verlage würden sich in ihrer Investitionspolitik zu stark auf einzelne Werke mit Bestsellerchancen statt auf ein hohe Bandbreite an Autoren fokussieren.

Obwohl der Schriftstellerverband PEN in diesem Zusammenhang von einer „längst fälligen“ Debatte spricht, warnt er davor, diese in persönliche Angriffe oder gar Gewalt abdriften zu lassen. Vor allem dürften tatsächliche Probleme fehlender Diversität nicht ausarten in „rigide Regeln, wer welche Geschichte erzählen“ dürfe.

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