Augen in der Großstadt – von Kurt Tucholsky

Von 2. March 2018 Aktualisiert: 2. März 2018 23:18
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst

am frühen Morgen,

wenn du am Bahnhof stehst

mit deinen Sorgen:

da zeigt die Stadt

dir asphaltglatt

im Menschentrichter

Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das? vielleicht dein Lebensglück…

vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang

auf tausend Straßen;

du siehst auf deinem Gang, die

dich vergaßen.

Ein Auge winkt,

die Seele klingt;

du hast’s gefunden,

nur für Sekunden…

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…

Vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang

durch Städte wandern;

siehst einen Pulsschlag lang

den fremden Andern.

Es kann ein Feind sein,

es kann ein Freund sein,

es kann im Kampfe dein

Genosse sein.

Er sieht hinüber

und zieht vorüber …

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das?

Von der großen Menschheit ein Stück!

Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky  (1890 – 1935)

 

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