Statue von Beethoven in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in Berlin.Foto: Steffen Kugler/Getty Images

Beethovens sakrale Sinfonien

Von 10. April 2022 Aktualisiert: 31. März 2022 7:52

Ich habe mir gerade Beethovens „Fünfte Symphonie“ angehört – wieder einmal – und sie ist einfach atemberaubend! Ich bin noch immer tief bewegt und erschüttert.  Sie ist aufregend und fesselnd, wahrhaftig und absolut überwältigend – das unverkennbare Werk eines einzigartigen Mannes. Eines Mannes mit visionärer Klarheit und absolut keiner Zeit für Zweideutigkeiten. Dieser Mann heißt Ludwig van Beethoven.

Es ist fast unmöglich, von Beethoven zu reden, ohne dabei Mozart zu erwähnen. Auch wenn Beethoven sicherlich in Mozarts Fußstapfen trat, so ging er doch zweifellos seinen eigenen, ganz besonderen Weg. Ein kurzer Vergleich dieser beiden Giganten könnte jedoch sehr nützlich sein, um zu verstehen, wer Beethoven war.

Ein Hauptunterschied zwischen ihnen besteht darin, dass Mozart regelmäßig abwechselnd Dur- und Molltonleiter verwendete. Molltonleitern werden allgemein als traurig empfunden. Mozarts Technik, zwischen ihnen zu wechseln, veränderte die Klangfarbe so, dass die Traurigkeit zart, sensibel oder nachdenklich wirkte. Bei Mozart ist der Sonnenschein nie weit weg und fast immer kurz davor, durch die Wolken zu brechen.

Bei Beethoven hingegen besteht nie ein Zweifel an seiner Absicht. Mitsuko Uchida, die berühmte Konzertpianistin, nannte Beethoven „vorsätzlich“, da er bewusst „Schocktaktiken“ einsetzte. Entweder starrt man in einen Abgrund von Traurigkeit oder man galoppiert – mit der Standarte in der Hand – auf dem Rücken eines Pferdes in den Krieg. Das mag eine leichte Übertreibung sein, aber Beethoven trifft eine Entscheidung, und steht zu ihr. Sie ist gleichermaßen bereichernd und überraschend, lässt jedoch viel weniger Raum für Zweideutigkeiten.

Klarheit

Beethoven war ein Mann mit klaren Ansichten und Zielen. Er hatte eine glorreiche Vision von einem Universum unvorstellbaren Ausmaßes. Er malte diese Herrlichkeit auf eine Weise, wie es kein anderer vermochte. Hören Sie sich die „Fünfte Symphonie“ mit vollem Orchester an und überlegen Sie, ob Ihnen ein anderes Musikstück einfällt, das an diese kühne, starke Kraft heranreicht. Es ist ein derartiges Phänomen, dass selbst der härteste moderne Heavy Metal im Vergleich dazu einfach verblasst.

Die Klaviersonate Nr. 14, besser bekannt als Mondscheinsonate, rührt mich jedes Mal zu Tränen, wenn ich sie höre. Sie ist ein geradezu hypnotisierendes Klagelied von tiefer, durchdringender Schönheit und großem Schmerz. Beethoven hat die übliche „höfliche“ Form der Sonate in nie dagewesene emotionale Dimensionen gehoben. Selbst die kurzen Sätze nach Gis-Dur scheinen kaum Licht ins Dunkel zu lassen. In gewisser Weise ist die klassische Musik dadurch sogar erwachsen geworden. Beethoven lieferte eher dramatische Trauer als das sanfte Mitgefühl von Mozart. Diese eindeutige Dramatik grenzt die beiden Meister voneinander ab.

Taubheit

Die Tatsache, dass Beethoven bekanntermaßen unter einem schwerwiegenden Tinnitus litt und langsam taub wurde, trug sicherlich zum entschlossenen Charakter seiner Musik bei. Er sprach oft von seiner Angst, dass ihm die Zeit davonliefe. Als seine „Neunte Symphonie“ 1824 in Wien uraufgeführt wurde, war er bereits schwerhörig.

Es ist kaum vorstellbar: der Mann, der Musik von solch verblüffender Brillanz und sehnsüchtiger Schönheit komponiert hat, wird sie nie zu hören bekommen. Es spricht für die unbezwingbare Kraft des menschlichen Geistes, die in seinem Werk stets präsent ist. Beethoven selbst hatte eine schwere Kindheit zu überwinden. Er kämpfte mit seiner Gesundheit, jedoch war er sich sicher, Komponist zu werden.

Er war sich dessen bewusst, dass das Bekanntwerden seiner Gehörlosigkeit seine Karriere zerstören könnte. So zog er sich zurück und lebte eine Zeit lang einem Einsiedler gleich und war fest entschlossen, alles, was ihm an musikalischen Fähigkeiten noch blieb, hervorzubringen. Sich mit seinem Schicksal abfindend, komponierte er seine „Dritte Symphonie“, die „Eroica“, als trotzige Antwort. Dieses Werk stellte die Erhabenheit und Komplexität seiner früheren Werke in den Schatten. Von der Öffentlichkeit wurde sie als Meisterwerk gefeiert. Später soll er geschrieben haben: „Meine Taubheit soll kein Geheimnis mehr sein.“

Dann, kurz vor Weihnachten 1808, gab Beethoven ein Konzert im Theater an der Wien. Bemerkenswert ist, dass er fünf große neue Werke uraufführte. Darunter befanden sich die „Pastorale Symphonie“, das „Vierte Klavierkonzert“ und die „Fünfte Symphonie“ – einige der bedeutendsten Werke, die je geschrieben wurden. Und alle wurden in dieser einen Winternacht uraufgeführt!

Seine Finanzlage war prekär, seine Gesundheit angeschlagen, und dennoch gab er eines der anspruchsvollsten Konzerte, die das Publikum zu dieser Zeit überhaupt verstehen konnte. Das Publikum war hingerissen. Der Welt gegenüber hatte er sich bewiesen, und diese Kompositionen – Ikonen der Musikgeschichte – stehen als Zeugnis für sein absolutes Genie.

Bald darauf musste Beethoven aus gesundheitlichen Gründen und wegen seiner zunehmenden Taubheit auf öffentliche Auftritte verzichten. Dennoch komponierte er einige der erstaunlichsten Werke: dazu gehören „Fidelio“, die mystische „Hammerklaviersonate“, das spätere „Streichquartett“ und die unvergleichliche „Neunte Symphonie“. Bei Beethovens „Neunter“ war es das erste Mal, dass ein Chor in eine Sinfoniekomposition einbezogen wurde – und sie ist bahnbrechend.

Tiefer Glaube

Beethoven war ein schwieriger Mensch, ein Mann, der zu Ausbrüchen an der Grenze zum Wahnsinn neigte. Obwohl er arrogant und stur war, kann man sich kaum vorstellen, dass ein anderer Mensch den Weg, den er gehen sollte, hätte überleben können. Er strebte danach, sich über die Niedertracht des Lebens zu erheben und uns durch seine Musik mitzunehmen. Innerlich war er ein tief spiritueller und religiöser Mensch. Er schrieb, dass er Gott in allen Dingen und alle Dinge in Gott sah.

Nach der Ernennung seines Gönners, des Erzherzogs Rudolf, zum Erzbischof erhielt Beethoven den Auftrag, die „Missa Solemnis“, die „Feierliche Messe“, zu schreiben. Den Tag der Auftragserteilung betrachtete Beethoven als glorreichsten seines Lebens. Diese Komposition sollte ein Denkmal für das Wunder der menschlichen Einheit und des Glaubens sein. Und durch sein Werk würde er zum Fürsprecher der Menschheit vor Gott werden.

Daher waren die Teile, die er für den Chor am Ende des Credo-Satzes schrieb, für einen Menschen fast unmöglich zu singen. Bei Beethovens Vorstellung einer Verherrlichung Gottes war der Chor gezwungen, über sich selbst hinauszuwachsen – so wie er selbst es immer getan hatte. Viele seiner Werke sind von dieser humanistischen, spirituellen Absicht durchzogen. Ein weiteres Beispiel ist die „Ode an die Freude“ aus der „Neunten Symphonie“. Sie wurde von unterdrückten Menschen auf der ganzen Welt als Ausdruck der Hoffnung gesungen: vom afrikanischen Kongo über Chile bis zur Berliner Mauer und sogar von den Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China.

Beethoven, Bach und Mozart bildeten die Brücke zwischen dem Barock und der Romantik. Diese Männer erforschten und erschöpften fast alle Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks. Es heißt, dass Beethovens letzte „Streichquartett“-Kompositionen den Klassikern absichtlich nichts mehr zu sagen hatten – jeder Musiker, der ihm folgte, musste einen neuen Weg finden. Ich denke, es ist völlig angemessen, dass dieser Mann, dessen Musik die Menschen oft sprachlos machte, mit seinen letzten Werken seine Nachfolger herausfordert, ihren kühn geführten Taktstock in die Hand zu nehmen und etwas Neues zu erzählen.

Dieser Artikel erschien zuerst in The Epoch Times USA: Beethoven: Sacramental Symphonies (Deutsche Bearbeitung von rm).



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