Extrembergsteiger Reinhold Messner: „Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden“

Von 7. February 2017 Aktualisiert: 8. Februar 2017 10:43
Im Gegensatz zu modernen Abenteurern geht es Reinhold Messner weniger um Rekorde als vielmehr um das Ausgesetztsein in möglichst unberührten Naturlandschaften und das Unterwegssein mit einem Minimum an Ausrüstung. Im Gespräch mit Michael Albus geht es um die Fragen unserer Zukunft in dem Buch: „Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden“

Den Möglichkeiten des Kommunikationszeitalters setzt Extrembergsteiger Reinhold Messner sein Unterwegssein als Fußgänger gegenüber und verzichtet auf Bohrhaken, Sauerstoffmasken und Satellitentelefon – ein Anachronismus zwar, der aber der Wildnis ein unerschöpfliches Erfahrungspotential bewahrt.

Reinhold Messner ist vierfacher Vater. Geboren wurde er am 17. September 1944 in Brixen, Süd-Tirol. Er ist mit acht Geschwistern groß geworden. Zwischen seinen Reisen lebt Reinhold Messner mit seiner Frau und seinen Kindern in Meran und auf Schloss Juval in Südtirol, wo er Bergbauernhöfe bewirtschaftet, schreibt und museale Anlagen entwickelt.

Reinhold Messner gelangen viele Erstbegehungen, die Besteigung aller 14 Achttausender sowie der „seven summits”, die Durchquerung der Antarktis, der Wüsten Gobi und Takla Makan sowie die Längsdurchquerung Grönlands.

Als Kommentator im Fernsehen sowie als Vortragsredner ist er von Alpinisten, Touristen, Wirtschaftsführern inzwischen weltweit begehrt. Im Anschluss an sein Mandat als EU-Abgeordneter (1999-2004) kann sich Reinhold Messner nun seit mehr als 15 Jahren seinem Projekt Messner Mountain Museum (MMM) sowie seiner Stiftung MMF widmen, die Bergvölker weltweit unterstützt.

Messner erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen, u.a. die „Patron’s Medal” der „Royal Geographic Society” für seinen Beitrag zum Bergsteigen und für die Berggebiete. Diese Auszeichnung ist eine der höchsten, die das britische Königshaus vergibt.

Im Gespräch mit Michael Albus über die Fragen unserer Zukunft äußerte sich Reinhold Messner unter dem Titel „Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden“.

Michael Albus, am 17. März 1942 in Bühl/Baden geboren, ist ebenfalls ein erfahrener Bergsteiger, der von seinen weltweiten Touren auf berühmte Gipfelmassive großartige Bild- und Textdokumentationen publiziert hat. Er war mehrere Jahre Leiter der Referate für Presse und Publizistik sowie Kultur beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, danach 22 Jahre lang in führender Position beim ZDF in Mainz – und Leiter der Hauptredaktion „Kinder, Jugend und Familie“. Er hat faszinierende Reportagen und Dokumentationen aus diversen Teilen der Erde gemacht, war Moderator zahlreicher Magazinsendungen und Live-Diskussionen. Dutzende von großartigen Büchern. Seit 2002 ist der promovierte Theologe Honorarprofessor für Religionsdidaktik der Medien an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg im Breisgau.

Auch sei auf mein Gespräch mit Michael Albus in der EPOCH TIMES vom 16. August 2012 hingewiesen.  Michael Albus über Religion als Erfahrung

Mit dem Bergkameraden Reinhold Messner hat Michael Albus immer wieder tiefgreifende Gespräche geführt. Aus der aktuellen Neuausgabe zitieren wir Aussagen des Süd-Tirolers, die zum Nachdenken anregen.

Reinhold Messner: Ich stelle das Tun über das Denken:

Wahrscheinlich ist meine Nomadennatur auf die dörfliche Enge meiner Kindheit zurückzuführen. Alles, was wir als Kinder sahen, waren ein paar Häuser, Wiesen und darüber Bergspitzen wie Gitterstäbe …

Ich kann heute noch die Besteigung des Sass Rigais im Sommer 1949, mit fünf Jahren, nachempfinden. Ich erinnere mich noch an einzelne Bäume, genau sehe ich einzelne Steine, die ich jetzt noch zeichnen könnte …

In meiner guten Kletterzeit, zwischen achtzehn und fünfundzwanzig, packten mich oft Ängste vor den Touren. Ich hatte große Schwierigkeiten, vor den großen Zielen zu schlafen. Ich wusste sehr viel, in meiner Fantasie spielten sich irgendwelche Angstgeschichten ab: Leute waren umgekommen, die großen Schwierigkeiten schienen unüberwindlich, Wetterstürze, Steinschlag waren denkbar …

Mein Vater hat mich unter seinen Kindern nicht bevorzugt. Aber er hat dieses energiereiche und wilde Leben – wild im Sinne von hinaus, klettern, hinauf – gefördert. Ich habe nie gerne gehorcht und mich nie freiwillig untergeordnet …

Ich habe einen starken Hang zur bäuerlichen Lebenswelt, also zu einer autarken Lebensart. Dazu gehört eine Prise Anarchie …

Meine Mutter war eine ausgeglichene Frau. Der Vater, von Beruf Lehrer, war gebildet, gescheit, hat Gedichte geschrieben, in seiner Jugend war er geklettert. Aber er war in seinem Wesen nicht großzügig, ganz im Gegensatz zu meiner Mutter. Sie hat die Kinder auch in schwierigen Situationen verteidigt. Wenn wir Kinder uns in der Schule nicht verhielten, wie es die Lehrer gern sahen, hat immer sie das geregelt. Mein Bruder Hubert, der heute Mediziner ist, ist von der Schule geflogen, weil er im Dormitorium das berühmte Heine-Zitat vorgelesen hatte: „Die Tiroler sind immer gesund, weil sie zu dumm sind, um krank sein zu können!“ Unsere Mutter fand Lehrer, die ihn wieder nahmen …

Die Mutter hat uns als Kinder in die Kirche geschickt und war doch früher als der Vater bereit zu sagen: „Wenn die Buben nicht mehr in die Kirche gehen wollen, lass sie doch in die Berge gehen“.

Wir wurden in der ersten Klasse Volksschule mit der Erstkommunion in die Kirche eingeführt, und dort hatten wir zu bleiben. Wie eine Herde hinter der Kirchenglocke her. Die Kirche war die bestimmende Gesetzgeberin im Leben. Sonntag für Sonntag der Gottesdienst, die Maiandachten, die Sonntagsnachmittagsandacht, Festtage in der Kirche. In der Summe eine fürchterliche Belastung. Ich wollte nach der Arbeit und sonntags spielen, aber ich musste immerzu in die Kirche.

Es geht mir zu weit, wenn man Kindern von acht Jahren heute vor der Kommunion immer noch sagt: „Das ist das Fleisch und das Blut Christ!“ Mit diesem Humbug sollten wir aufhören.

Als ein Mitschüler meinem Vater die Nachricht überbrachte, dass ich ein zweites Mal durch das Abitur gefallen war, rannte er auf unseren Geflügelhof und schrie mich an: „Nicht, dass du glaubst, du bekommst von mir je noch eine Lire, um weiter zu lernen. Du hast dir dein Leben selbst versaut.“ Ich kniete in seinem Hühnerstall nach fünfzehn Jahren unbezahlter Arbeit und habe nur zugehört. Dann fuhr ich weg und kam nicht mehr wieder …

Der Tod meiner Mutter war für mich eine relativ sachliche Erfahrung. Sie hatte bis zum Sommer 1995 ein sehr gesundes Leben geführt. Zehn Jahre zuvor gab es ein Problem mit der Lunge. Sie bekam einen Herzschrittmacher. Von einem Beckenbruch hatte sie sich nie ganz erholt. Bei einem Kirchgang ist sie zusammengebrochen. Gehirnstillstand. Dabei hätte sie sterben können oder müssen. Hubschrauberrettung und moderne Medizin haben ihr Leben verlängert. Sie ist aber nie mehr zu sich gekommen. Wir alle leben auf Abruf. Mir ist es gelungen, die Mutter so in Erinnerung zu behalten, wie sie vorher war. Sie ist in mir lebendig, mit ihrem Geist, ihren Augen, ihrer Wärme …

Ich stelle das Tun über das Denken. Durch das Tun können wir mehr erkennen als durch alles andere. Auch der Künstler, Dichter, Sänger, Maler ist mir am liebsten, während er schaut, singt, malt. Der Maler kann dabei nicht reden, sonst malt er nicht. Wenn er mir nachher sein Bild erklärt, kann das ganz lustig sein, aber es interessiert mich nicht weiter. Am wichtigsten ist mir der Bauer, während er auf dem Feld arbeitet. Dabei ist er ganz er selber. Körper und Gedanke sind eins. Diese Momente sind die Augenblicke der Erleuchtung …

Der Mönch kommt vielleicht beim Meditieren in die gleiche Situation wie ich beim Tun. Er benützt nur eine andere Technik. Darüber habe ich oft nachgedacht. Ich bin überzeugt davon – kann es aber nicht beweisen, ahne es nur –, dass ein Mönch im Himalaya oder auf dem Berg Athos, der meditiert und sich damit zufriedengibt, aufhört zu denken. Meditation hat zu tun mit leer werden, aufhören zu denken. Er kann einen ähnlichen Zustand der Erleuchtung erleben, wie der andere, der tut …

Der Mensch benimmt sich nach wie vor so, als sei er die „Krone der Schöpfung“. Wir sind vordergründig den anderen Lebewesen überlegen. Der Mensch ist zweifellos die bestimmende Energie auf dieser Erde. Daran können wir nicht vorbeisehen. Wir brauchen jetzt eine Lebenshaltung, die ohne die Einbildung, wir seien die „Krone der Schöpfung“ auskommt. Die Ansätze, um die Wir-sind-wir-Haltung umzukehren, sind verschwindend gering. Eine Unterordnung unter die Natur wird sich bei der Mehrzahl der Menschen nicht durchsetzen. Leider!

Reinhold Messner

„Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden“

Über die Fragen unserer Zukunft

Im Gespräch mit Michael Albus

TB topos premium.

Erweiterte Neuausgabe Januar 2017

220 Seiten – € 17,95

 

Themen
Panorama
Newsticker