Moses statt Kant: Israelischer Philosoph verteidigt den Nationalstaat als Maß des Menschlichen

Von 12. Januar 2019 Aktualisiert: 12. Januar 2019 14:20
Der israelische Philosoph Yoram Hazony präsentiert sich in seinem Buch über die „Tugend des Nationalismus“ gleichsam als Antithese zu paneuropäischen Denkern wie Robert Menasse und zum Multilateralismus der politischen Klasse.

Der israelische Philosoph Yoram Hazony präsentiert sich in seinem Buch über die „Tugend des Nationalismus“ gleichsam als Antithese zu paneuropäischen Denkern wie Robert Menasse und zum Multilateralismus der politischen Klasse.

In der „Jüdischen Allgemeinen“ befasst sich Ingo Way mit dem jüngst erschienenen Buch des Philosophen und Bibelwissenschaftlers Yoram Hazony, der gleichzeitig Direktor des Herzl-Instituts in Jerusalem ist. Es heißt „The Virtue of Nationalism“ (Die Tugend des Nationalismus) und stellt in fundamentaler Weise den vor allem in den Regierungsetagen in Berlin, Paris und Brüssel seit langem dominanten Grundkonsens infrage, der die Überwindung des Nationalstaats als einzigen Weg zu Frieden und Völkerverständigung anpreist.

Hazony verteidigt in seiner Schrift die nationale Selbstbestimmung und Souveränität gegen Bestrebungen eines entgrenzten und entgrenzenden Universalismus und Multilateralismus. Entgegen der in unseren Breiten vorherrschenden Vorstellung von Nationalismus als darwinistischer Überlegenheitsideologie definiert Hazony diesen Begriff als Umschreibung einer Ordnung, die Nationen ihre Unabhängigkeit zugesteht und ihr Recht anerkennt, ihre eigenen Traditionen zu pflegen und ihre eigenen Interessen zu verfolgen.

Das vermeintlich belastete Wort „Nationalismus“ durch „Patriotismus“ zu ersetzen lehnt Hazony als bloßen Euphemismus ab. Nationalismus habe nichts mit Überlegenheitsdünkel zu tun und man müsse seinem eigenen Land nicht einmal besonders leidenschaftliche Gefühle entgegenbringen, um Nationalist zu sein. Es gehe lediglich darum, jeder Nation das Recht auf Souveränität und Unabhängigkeit zuzubilligen und davon überzeugt zu sein, dass die beste internationale Ordnung jene sei, die aus vielen unabhängigen Nationalstaaten bestehe, die ihre Angelegenheiten selbst regeln und ihre Souveränität nicht an supranationale Einrichtungen abgeben.

Nationalsozialismus war nicht nationalistisch, sondern imperial ausgerichtet

Dass Europäer heute insbesondere ihre Souveränität betonenden Nationalstaaten wie Israel oder den USA so viel an Hass entgegenbrächten, sei auch der Tatsache geschuldet, dass man sich in Europa das Paradigma der postnationalen Menschheit zu eigen gemacht habe und Auschwitz als Konsequenz einer nationalstaatlichen Ordnung betrachte.

Dies sei aber unzutreffend. Auch der Nationalsozialismus sei nicht in erster Linie eine nationale Bewegung gewesen, sondern vor allem auch eine antinationale. Er habe die Schaffung eines Imperiums zum Ziel gehabt – in seinem Fall eben eines, in dem Deutschland die dominante Macht wäre. Das Ziel, Europa unter deutscher Vorherrschaft zu vereinigen, also einer Nation, die historisch kaum Erfahrung mit nationaler Einheit und Unabhängigkeit gehabt habe, habe in konkurrierenden Nationen wie Großbritannien, die Niederlande und Frankreich Ängste geweckt.

Die Europäische Union verfolge heute ein ähnliches Projekt – die Souveränität bestehender Nationalstaaten zugunsten supranationaler Einrichtungen einzuschränken. Dieses Vorhaben droht zu scheitern, da die Bereitschaft dazu nicht in allen Mitgliedstaaten uneingeschränkt vorhanden ist. Etablieren sich in einer solchen Situation auch noch Länder wie Israel, die USA unter Donald Trump, die Visegrád-Staaten oder Großbritannien im Wege des Brexits als erfolgreiche Nationalstaaten, wird dies zunehmend als narzisstische Kränkung empfunden.

Die Folge sind wütende Attacken bis hin zu Vorwürfen wie „Rassismus“ oder „Faschismus“. Hass und Intoleranz, betont Hazony, gehen heute vor allem von den Befürwortern einer postnationalen Ordnung aus, die es nicht ertragen könnten, wenn jemand nicht an ihren Welterlösungsplänen mitwirken wolle.

Liberaler Universalismus ist im Kern ein neuer Imperialismus

Hazony hält im Übrigen auch Bezeichnungen wie „liberaler Internationalismus“, „Globalismus“ oder „internationale Gemeinschaft“ für die Gegenposition zum Nationalismus für Beschönigungen. Tatsächlich habe man es mit einem neuen Imperialismus zu tun, der lediglich diesmal unter dem Banner liberaler Werte auftrete. Sein Anspruch, die Welt nach liberalen Prinzipien zu ordnen, übersehe, dass es vor allem spezifisch europäische Werte wären, die er verfechte – Werte, die unter bestimmten historischen Bedingungen in England, den Niederlanden oder den USA entwickelt worden wären, die man jedoch niemandem gegen dessen Willen aufzwingen könne.

Der Philosoph sieht die hebräische Bibel, die Tora, als Wurzel der Nationalstaatsidee. Auch in der antiken biblischen Welt hätten Imperien wie Ägypten, Babylonien, Assyrien oder Persien dominiert und um die Vorherrschaft gekämpft. Demgegenüber sei der göttliche Bund mit dem Volk Israel dezidiert partikularistisch und antiimperialistisch gewesen: Die Israeliten sollten ihr eigenes Stück Land haben, dort ihre Angelegenheiten selbst ordnen, nicht durch Fremde beherrscht werden, aber auch nicht selbst andere Länder erobern – und die Könige und Priester sollten dem eigenen Volk entstammen, weil diese mit dessen Befindlichkeiten nun mal am besten vertraut wären.

Imperiale Mächte hätten diese Souveränität jedoch durch die Geschichte hindurch infrage gestellt. Tatsächlich wurde Jerusalem immer wieder von Großreichen oder Trägern universalistischer Vorstellungen wie den Römern, den Kreuzrittern oder dem Islam eingenommen und mehrfach zerstört.

„Protestantische Ordnung“ nach dem Dreißigjährigen Krieg sei Wurzel des „Westens“

Auch die christliche Kirche habe sich, so Hazony, von ihren biblischen Wurzeln gelöst, als sie in Rom ein Bündnis mit dem Staat einging und die römische Idee des Imperiums übernahm. Erst die Reformation brachte eine vorübergehende Abkehr vom Universalismus und eine Blütezeit souveräner Nationalstaaten im protestantischen Teil Europas. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, in dem es mehr um die Unabhängigkeit aufkommender Nationalstaaten gegenüber dem katholischen Imperium, denn um Religion an sich gegangen sei, habe die „Protestantische Ordnung“ Platz gegriffen.

Republiken und Monarchien, katholische und protestantische Staaten mussten einander nun tolerieren und konnten ihre Werte nicht einfach anderen überstülpen. Dies ermöglichte den europäischen Staaten, so Hazony, eigene Wege auszuprobieren. Das Ergebnis, so folgert er, waren jene Freiheiten und Institutionen, die wir heute mit dem Begriff des Westens in Verbindung bringen.

Neo-imperiale Ideen, die am Ende in zwei Weltkriege mündeten, und das heutige postnationale Denken, das man in Europa als eine neue – und diesmal aber wirklich funktionierende – imperiale Idee verinnerlicht habe, hätten diese alte Ordnung beseitigt.

Bescheidenheit statt Welterlösung

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Für Juden sei es in Anbetracht der Schrecken des Holocaust klar gewesen, dass nur ein eigener Staat und eine eigene Armee ein zweites Auschwitz würden verhindern können. Für liberale Neo-Imperialisten ist Israels stures Beharren auf nationaler Selbstbestimmung hingegen ein Affront. Hazony vergleicht es mit jener Situation, als die Juden zum Feindbild des katholischen Universalismus geworden waren, weil sie sich der christlichen Heilsbotschaft verweigert hätten – nun lehne man die liberal-postnationalistische ab.

Allerdings sei es, so Hazony, die elementarste Tugend des Nationalismus, gerade nicht die anmaßende Haltung zu entwickeln, über eine allgemeingültige Wahrheit zu verfügen und zu wissen, was für die gesamte Welt gut wäre – und daraus resultierend diese notfalls zu ihrem Glück zu zwingen. Stattdessen sei man in der Lage, auch den Wert anderer Kulturen und Traditionen anzuerkennen.

Moses, der sein Volk in das Gelobte Land führte, sei von menschlicherem Maß als Immanuel Kant, der vom Ewigen Frieden unter einer Weltregierung träumte.

 

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