„Widerworte: Warum mit Phrasen Schluss sein muss“ – Ein Buch weckt auf

Von 20. Mai 2019 Aktualisiert: 20. Mai 2019 15:59
"In einer liberalen Republik sollte es ein Gegenüber geben, einen oppositionellen öffentlichen Geist, wie er sich etwa in den 1960er und 1970er Jahren manifestierte. Wohin ist er entschwunden?" (Alexander Kissler in "Widerworte")

“Der Kampf gegen Desinformation und Verschwörungstheorien ist eine der großen Herausforderungen für die liberalen Demokratien.” Dieser neueste Text aus einer Rede unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ist ein guter Anlass, sich in das jüngste Werk von Alexander Kissler, Leiter des Kulturressorts des Cicero, zu vertiefen. Es trägt den ermutigenden Titel: „Widerworte – Warum mit Phrasen Schluss sein muss“, erschienen im Gütersloher Verlagshaus.

Hätte Herr Steinmeier es doch vorher gelesen, dann hätten seine Redenschreiber uns einen Teil seiner / ihrer Phrasen ersparen können, weil sie schon von Kissler entlarvt worden sind.

Die 15 Phrasen, die von Kissler in diesem Buch auseinandergenommen werden, lauten:

– Heimat gibt es auch im Plural
– Vielfalt ist unsere Stärke
– Wir schaffen das
– Jeder verdient Respekt
– Religion ist Privatsache
– Europas Werte ertrinken im Mittelmeer
– Willkommenskultur ist der beste Schutz vor Terror
– Solidarität ist keine Einbahnstraße
– Unser Reichtum ist die Armut der Anderen
– Menschlichkeit kennt keine Obergrenze
– Angst hat man vor dem, was man nicht kennt
– Gewalt ist keine Lösung
– Haltung zeigen
– Das ist alternativlos
– Wir müssen zur Sacharbeit zurückkehren.

Der Autor könnte gleich wieder in Steinmeiers Rede fündig werden, aber vielleicht ist es ihm auch schon gelungen, uns zu sensibilisieren, dass wir auf solch sorgenvolles Gedöns nicht mehr hereinfallen.

Alexander Kissler jedenfalls spricht in seinem Vorwort deutlich aus, warum er sich der Sache angenommen hat:

„Die Phrase ist allgegenwärtig, weil sie konkurrenzlos bequem eingesetzt werden kann. Sie täuscht die Tiefe eines Gedankens vor, den ein anderer gedacht hat. Sie simuliert Originalität. Sie inszeniert Individualität. Sie bedürfte der Auslegung, die sie durch ihren rhetorischen Gestus und ihren Kontext gerade
verhindern will. Sie gibt sich differenziert und ist ein einziges Basta. Sie klingt nach individueller Sorge und ist ein kollektives Herrschaftsinstrument. Deshalb ist die Politik das natürliche Habitat der Phrase.“

Und wenn man nicht allzu jung und ungebildet ist, kann man sich vielleicht noch erinnern an den „oppositionellen öffentlichen Geist, wie er sich etwa in den 1960er und 1970er Jahren manifestierte. Wohin ist er entschwunden?“ Das fragt Kissler, gebildet bis in die feinsten Fingerspitzen und angefüllt mit literarischen Beispielen gegenwärtiger und früherer Politik-Analyse.

Und er traut sich, Nein zu sagen, entsprechend der Beschreibung von Kurt Tucholsky, denn „nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“

Kissler sagt: „Es muss mit Phrasen Schluss sein: damit das Denken beginnen und die Freiheit wachsen kann.“

Und weil er sein Nein selbst am besten begründen kann, sei er noch einmal länger zitiert, wobei er nicht einmal vor Worten wie Heimat oder Muttersprache zurückschreckt, was ja heutzutage schon manche in Teufels Küche verbannt hat, ihn nicht:

„Selbst Kirchenfunktionäre reden mittlerweile der
Unbehaustheit das Wort. Der katholische Erzbischof Reinhard Marx sagte im Juli 2016 beim Jahresempfang der Erzdiözese München und Freising, die Kirche müsse „offene Identitäten“ befördern. Vermutlich war damit zunächst gemeint, jeder müsse sich ernst genommen, jede akzeptiert fühlen in der für alle offenen Kirche.

Identitäten aber, Seinsbestimmungen der Individuen, können nur insofern offen sein, als sie auf je neue Nachfrage treffen. Der Mensch an sich hat eine Identität, hat eine Heimat, welche Häutungen auch immer er durchlaufen mag. Einmal nur wird es gegeben haben den Klang der Muttersprache, den Geruch der frühen Jahre, die Farben des Herkommens.

Heimat ist, wo du zum ersten Mal geliebt hast, angenommen wurdest, angenommen hast, abgelehnt wurdest. Heimat sind die ersten Schritte und ist die Einsicht, dass du wurdest, ehe du warst. Gedeihlich miteinander leben können die allerverschiedensten Menschen an Orten, die sie schon immer kennen oder neu sich erfahren haben. Jeder trägt dazu seine eigene Heimat bei. Am Ende kann es eine neue Heimat geben, die die alte im Fluss der Zeiten abträgt, doch keine zweite, keine zusätzliche, keine dritte, vierte, achte. Identität ist nicht Polygamie.“

Für Alexander Kissler ist nichts „alternativlos“, solch eine geistige Enge graust ihn, er legt die Finger in die Wunden einer Gesellschaft und ihrer politischen Repräsentanten, und siehe da, sie sind hohl. Unwillkürlich denkt man an des „Kaisers neue Kleider“, mit dem Unterschied, dass die Kinder heutzutage in dieselbe Verkleidung schlüpfen und von den Regierenden beklatscht werden. Kissler wenigstens gibt Widerworte:

„Auch Kanzlerin Merkel schließt sich dem Motto an und bekräftigt am Schluss der ersten Regierungserklärung nach ihrer Wiederwahl am 21. März 2018: „Deutschland, das sind wir alle.“ Wer aber aus Sicht einer Regierungschefin alle sind und welches Wir gemeint ist, bleibt ebenso im Nebulösen wie die Schritte, welche von der vorgefundenen Vielheit zur gestalteten Vielfalt zurückzulegen sind. Nur weil Menschen sich im selben Raum befinden, und sei es ein geografisch großzügig bemessener, entwickeln sie kein Gruppen-Wir.

Ohne Geschichte und ohne Identität bleibt das Bunte nur eine unverbundene Mehrzahl. Und wo das Bunte von einer spätmodernen Selbstverständlichkeit zur Staatsideologie
umgebogen wird, triumphiert das Einfarbige. Die Einfältigen freut’s.“

Uneingeschränkte Leseempfehlung.

  • Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
  • Verlag: Gütersloher Verlagshaus (25. Februar 2019)
  • Preis: € 18,-
  • ISBN-10: 3579014749

 

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