Reifes romantisches Paar umarmt sich im Freien.Foto: iStock

Das eigene Wohlbefinden von dem des Partners abkoppeln

Von 28. August 2021 Aktualisiert: 28. August 2021 20:29

Eine meiner Klientinnen ist einerseits sehr gerne mit ihrem Mann verheiratet, hat andererseits aber Probleme mit den gelegentlichen Wutausbrüchen ihres Partners.

Über etliche Jahre hinweg versuchte sie ihrem Partner zu erklären, wie und warum seine Wut – er stritt sogar ab, überhaupt wütend zu sein – sehr verletzend wirkte und nicht in Ordnung war. 

Trotzdem änderte er sein Verhalten nicht und zeigte sich von ihren beharrlichen Bemühungen, ihn zu einer Änderung seines Benehmens zu bewegen, unbeeindruckt. 

Schließlich verlor sie sowohl ihre Bereitschaft als auch das Interesse daran, ihren Partner verändern zu wollen. Gleichzeitig erkannte sie, dass sie das Verhalten ihres Partners nicht wirklich beeinflussen konnte.

An diesem Punkt beschloss meine Klientin, ihre Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihren Partner, sondern auf sich selbst zu richten. Da es offensichtlich nicht möglich war, ihn zu ändern und sie trotzdem verheiratet bleiben wollte, begann sie, ihr Selbstbild zu untersuchen. Sie hinterfragte ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche davon, welche Art von Partner sie haben „sollte“, wie sie behandelt werden „müsste“ und was ihre Beziehung beinhalten „sollte“.

Als sie ihre Aufmerksamkeit auf ihren eigenen Prozess richtete, ging es nicht darum, herauszufinden, wie und wo sie die Schuld trug. Es ging auch nicht darum, das Verhalten ihres Mannes zu leugnen oder zu billigen.

Vielmehr ging es ihr darum einen Weg zu finden, sich davon zu befreien, auf die Wut ihres Mannes mit Hilflosigkeit, Ärger und Frustration zu reagieren. 

Sie wollte das schlechte Verhalten ihres Mannes nicht mehr als Problem mit sich herumtragen, sondern es bei ihm selbst belassen. Sie wollte auch nicht darauf warten müssen, dass er sich verändert, damit sie sich endlich besser fühlen kann. Kurz gesagt, sie beschloss, für ihr eigenes Wohlergehen selbst die Verantwortung zu übernehmen.

Für meine Klientin fühlte sich die Entscheidung, nicht mehr zu versuchen, ein Verhalten zu ändern, das sie ohnehin nicht ändern kann, sofort ermächtigend und befreiend an, so als ob sie die Zügel in ihrem Leben wieder in die Hand nehmen würde. Durch die Verschiebung des Fokus wartete sie nicht mehr darauf, dass ihr Mann sich änderte, damit sie glücklich sein konnte.

Mit einem besseren Selbstverständnis über ihre eigene Situation blieben die Ausbrüche ihres Mannes nur sein Problem, das er zu einem gegebenen Zeitpunkt in Angriff nehmen würde oder eben auch nicht.

Ihr wurde vor allem klar, dass seine Ausbrüche nichts mit ihr zu tun hatten und nicht etwas waren, für dessen Korrektur sie verantwortlich sein musste. 

Indem sie den Blickwinkel auf ihre eigene Reaktion lenkte und so den inneren Frieden bewahrte, konnte sie sich mit ihrer aktuellen Lage besser auseinandersetzen, anstatt weiterhin dagegen anzukämpfen oder zu verlangen, dass alles anders sein „sollte“.

Soviel wissen wir mit Sicherheit: Wenn wir anfangen, mit der Realität zu kämpfen, dann gewinnt jedes Mal die Realität.

Wir haben fest verankerte Überzeugungen und Einstellungen zum Thema Beziehungen. Das geht vom Mikro- bis zum Makrobereich, vom Subtilen bis zum Offensichtlichen. Das lästigste „Sollte“ von allen ist jedoch vielleicht die Vorstellung, dass wir in der Lage sein „sollten“, unseren Partner zu ändern. Bevor wir das nicht geschafft haben, können wir folglich nicht wirklich glücklich und zufrieden sein.

In einer Beziehung mit einem Partner zu bleiben, den wir nicht ändern können, und das zu akzeptieren, was wir nicht mögen, wird als Eingeständnis des Scheiterns angesehen. Schlimmer noch, es wird als Kapitulation vor unserem Partner und bis zu einem gewissen Grad auch als Selbstaufgabe angesehen.

Beenden wir den Versuch, zu ändern, was uns an unserem Partner nicht gefällt, werden wir als schwach, unfähig und ohne Selbstachtung abgeurteilt (und verurteilen uns selbst oft ebenso).

Die Vorstellung, uns auf uns selbst zu konzentrieren, während das Problem unsere Partner sind, schickt uns in das heftigste Minenfeld des „Sollens“.

Wir sind dann in der Vorstellung gefangen, dass wir mit diesem Problem nicht leben „sollten“, dass das Problem nicht weiter bestehen „sollte“ (als ob wir die Wahl hätten), dass wir bloß nichts an uns ändern „sollten“, um besser mit dem Problem unseres Partners zurechtzukommen, dass wir unseren Partner auf keinen Fall mit seinem unguten Verhalten davonkommen lassen „sollten“ – und zahllose weitere „Sollte“.

In einem perfekten Universum mag all dieses „Sollte“ als Idealvorstellung durchaus sinnvoll und richtig erscheinen. Das ändert aber nichts an dem gegenwärtigen Problem mit dem Partner oder der Beziehung. Das Entscheidende ist: Es bringt uns keinen Frieden.  

Mit diesem „Sollte“ kämpfen wir weiter mit der Realität, sind überzeugt davon, Recht zu haben und leiden trotzdem. Noch schlimmer ist, dass wir unser Wohlergehen von der Fähigkeit oder Bereitschaft anderer zur Veränderung abhängig machen, was nicht in unserem Sinne ist.

Mit einer auf „sollen“ ausgerichteten Sichtweise halten wir eine Beziehung für entweder gut oder schlecht. Wenn die Beziehung Schwierigkeiten enthält, die wir nicht beheben können, dann muss die Beziehung wohl schlecht sein und wir „sollten“ sie beenden. Tun wir dies nicht,  hätten wir zugestimmt, in einer schlechten Beziehung zu bleiben.

In Wahrheit ist es so, dass wir nicht mit den Widersprüchen umgehen können, die in einer Partnerschaft unweigerlich auftreten. Wir haben nicht genug Übung darin, widersprüchliche Wahrheiten zu akzeptieren. Widersprüche jagen uns Angst ein, obwohl sie paradoxerweise ja die Essenz einer jeden Beziehung ausmachen. Das lässt sich nicht einfach so beiseite schieben. Wie können wir eine Beziehung als schlecht oder gut einstufen, wie beurteilen, ob es wert ist, sie weiter aufrechtzuerhalten oder nicht?

Jede Beziehung – die allerneueste Bekanntschaft mal davon ausgenommen – hat sowohl schlechte als auch gute Aspekte. Zu akzeptieren, dass das Gute mit dem Schlechten koexistiert und inmitten dieses Widerspruchs liebevoll zu sein, ist die Grundlage einer gesunden Beziehung. Selbstverständlich gehen wir davon aus, dass es sich hier bei den schlechten Aspekten nicht um Missbrauch handelt!  Es kann aber sein, dass Ihr Partner nur schwer zu ertragende Unzulänglichkeiten hat, ohne dass er sich Ihnen gegenüber absichtlich verletzend verhält.

Eine Beziehung erfordert eine Haltung des „und“, nicht des „aber“. Das Wort „aber“ macht alles zunichte, was davor gesagt wurde.  Dabei könnten gegensätzliche Wahrheiten in der Tat gut miteinander auskommen!

Man verspürt den natürlichen Drang, alles, was uns in einer Beziehung nicht gefällt, in Ordnung bringen zu wollen und das zu ändern, was nicht funktioniert. Der Zeitraum, wo man dies alles herausfindet und mit den Problemen und dem Partner kämpft, mit anderen Worten, die Zeit des Leidens, kann sehr lange andauern, manchmal die ganze Beziehung lang.

Für die Glücklichen unter uns kommt irgendwann der Moment der Erkenntnis, dass wir alles Mögliche getan haben, um unseren Partner zu ändern; trotzdem besteht das Problem weiter und der Partner bleibt unverändert. Dann haben wir die Chance, einen neuen Weg einzuschlagen und darauf zu achten, wie wir mit und trotz des Problems unseren Frieden finden. Unser Partner macht vielleicht weiter, was er immer getan hat, aber wir können die Dinge anders angehen.

Zu jedem Zeitpunkt einer Beziehung können wir uns dafür entscheiden, neugierig zu werden auf uns selbst, unsere Erfahrungen, unsere Reaktionen auf ein Problem, das wir mit unserem Partner haben, und auf unsere Erlebnisse.

Sobald wir uns über unsere eigene Situation bewusster werden, können wir überlegen, ob es etwas gibt, das wir loslassen können, um unser Leiden zu lindern und Frieden zu finden.

Das tun wir nicht, um uns selbst zu beschuldigen oder zu geißeln, sondern um uns von dem Kampf zu befreien. Wir tun dies, um uns nicht länger in das Problem zu verstricken und zu Opfern zu machen, sondern um es als Gelegenheit zur Selbsterkenntnis und zur Weiterentwicklung zu nutzen.

Den Blick auf uns selbst zu richten, ist ein Akt der Befreiung, ein Sieg – wir übergeben das Problem an denjenigen, dessen Problem es ist. Unser eigenes Wohlbefinden hängt nicht mehr von der anderen Person ab.

Vielleicht stellen wir dann fest, dass wir mit ebendiesem Problem leben können, es aber nicht mehr als problematisch oder gar als unser Problem empfinden. Das ist Freiheit. Das ist Unabhängigkeit.

Nancy Colier ist Psychotherapeutin, interreligiöse Seelsorgerin, Rednerin sowie Workshop-Leiterin und Autorin von „The Power of Off: The Mindful Way to Stay Sane in a Virtual World“.



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