Der Sänger – Von Johann Wolfgang von Goethe

Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber
Titelbild
Doch darf ich bitten, bitt ich eins: Laß mir den besten Becher Weins in purem Golde reichen.Foto: iStock

Der Sänger

Was hör ich draußen vor dem Tor,

Was auf der Brücke schallen?

Laß den Gesang vor unserm Ohr

Im Saale widerhallen!

Der König sprachs, der Page lief;

Der Knabe kam, der König rief:

Laßt mir herein den Alten!

Gegrüßet seid mir, edle Herrn,

Gegrüßt ihr, schöne Damen!

Welch reicher Himmel, Stern bei Stern!

Wer kennet ihre Namen?

Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit

Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit,

Sich staunend zu ergetzen.

Der Sänger drückt‘ die Augen ein

Und schlug in vollen Tönen;

Die Ritter schauten mutig drein,

Und in den Schoß die Schönen.

Der König, dem das Lied gefiel,

Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel,

Eine goldne Kette holen.

Die goldne Kette gib mir nicht,

Die Kette gib den Rittern,

Vor deren kühnem Angesicht

Der Feinde Lanzen splittern;

Gib sie dem Kanzler, den du hast,

Und laß ihn noch die goldne Last

Zu andern Lasten tragen.

Ich singe, wie der Vogel singt,

Der in den Zweigen wohnet;

Das Lied, das aus der Kehle dringt,

Ist Lohn, der reichlich lohnet.

Doch darf ich bitten, bitt ich eins:

Laß mir den besten Becher Weins

In purem Golde reichen.

Er setzt‘ ihn an, er trank ihn aus:

O Trank voll süßer Labe!

O wohl dem hochbeglückten Haus,

Wo das ist kleine Gabe!

Ergehts euch wohl, so denkt an mich,

Und danket Gott so warm, als ich

Für diesen Trunk euch danke.

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)



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