Das Steuern des Ruderstocks ist eine wichtige Aufgabe an Bord der Hokule‘a – vor allem bei rauer See.Foto: Mit freundlicher Genehmigung der Polynesian Voyaging Society

Die alte Kunst der Wegfindung auf dem Meer

Von 2. Oktober 2022
Begegnung mit Nainoa Thompson, dem hawaiianischen Navigator, der die uralte Kunst der Schifffahrt auf See bewahrt.

Nainoa Thompson ist zur Ikone für Seefahrer auf der ganzen Welt geworden. Zu verdanken hat er dies einem alten Meister der Seefahrt, von dem er den „Weg des Kanus“ lernte, eine alte polynesische Kunst der Navigation aus dem 14. Jahrhundert, bei der keine westlichen technischen Hilfsmittel verwendet werden.

„Ich wollte immer nur am Meer sein“, sagt Thompson über seine Kindheit, als er auf der Hawaii-Insel Honolulu im Stadtteil Waikiki auf einem Milchviehbetrieb aufwuchs. Seine frühesten Kindheitserinnerung ist, dass er als 5-Jähriger Kühe melkte. Eines Tages entdeckte er bei einem Angelausflug den Pazifik, der nur etwas mehr als einen Kilometer entfernt war. Sofort fühlte er sich zum Meer hingezogen und dies bestimmte seinen weiteren Lebensweg. „Ich hatte keine Ahnung, wie ich auf See kommen konnte, aber ich wusste, dass ich es irgendwie schaffen würde“, sagt er.

Erste Hochseeabenteuer

Thompsons erstes Hochseeabenteuer, das er 1976 im Alter von 22 Jahren unternahm, war nicht nur eine erstaunliche Odyssee, sondern bewirkte auch eine völlige Umwälzung der westlichen Ansichten über die polynesische Besiedlung des Pazifiks.

Er und seine Kameraden segelten in einem traditionellen Hochseekanu von Hawaii nach Tahiti und nutzten zur Navigation nur die Sonne, die Sterne, den Wind, die Wellen und die Strömungen. So bewiesen sie mit dieser uralten Kunst der Wegfindung, dass die Polynesier vor langer Zeit geschickt und bewusst den größten Ozean der Erde überquert hatten, um neue Heimatländer zu finden. Ihre Reisen endeten vor etwa 1.500 Jahren auf Thompsons Heimatinsel Hawaii.

Obwohl mündliche Überlieferungen von Legenden über polynesische Überquerungen existierten, verwarfen westliche Anthropologen diese Möglichkeit eine lange Zeit. Ohne Kompasse, Sextanten und gedruckte Karten hielt man dies schlicht für unmöglich. Manche spotteten sogar, hielten es für primitive Fantasie und behaupteten, nur Glück und Sturmwinde hätten indigene Siedler auf fast jede Insel im größten Ozean der Welt gebracht. In den 1950er-Jahren wies der neuseeländische Anthropologieprofessor Andrew Sharp die Idee der absichtlichen Reisen als Unsinn zurück.

Anfang der 1970er-Jahre beschloss eine Gruppe um den hawaiianischen Künstler Herb Kane und den jungen Anthropologen Ben Finney, das akademische Evangelium zu widerlegen. Eine jahrelange Suche zeigte Erfolg. Auf der kleinen Insel Satawal in Mikronesien fanden sie einen der letzten großen Meister der Navigation auf See, Mau Piailug, der bereit war, sein Wissen über die traditionelle, nicht-instrumentelle Methode der Wegfindung in der Seefahrt auf offenen Meeren mit ihnen zu teilen. Unter seiner Anleitung bauten sie eine Rekonstruktion eines klassischen, 18 Meter langen polynesischen Doppelrumpf-Kanus mit dem Namen Hokule’a – „Stern der Freude“. Sie baten Piailug, ihnen die traditionelle Navigation beizubringen und sie 4.425 Kilometer weit nach Tahiti zu führen.

Das war 1976 und Thompson war als Navigationslehrling an Bord. Allerdings hielten heftige Konflikte unter der Besatzung sie davon ab, die Hokule’a mithilfe der traditionellen Wegfindung zurück nach Hawaii zu bringen. Piailug kehrte nach Mikronesien zurück, das Kanu kam unter moderner Navigation heim und es schien so, als sei das Abenteuer zu Ende.

Beispiellose Reise in 600 Jahren

Thompson jedoch wollte nicht aufgeben. Vier Jahre später, nachdem er Piailugs Techniken eingehend studiert hatte, führte er die Hokule’a als Chefnavigator nach Tahiti und wieder zurück. An seiner Seite hatte er Piailug als Berater, der nur die Sterne, Winde, Strömungen und Wellen als Wegweiser nutzte. Dies war die erste derartige Reise seit 600 Jahren, und sie war kein Zuckerschlecken.

Zunächst musste Thompson Piailug überzeugen, ihm die traditionelle Wegfindung beizubringen. Es folgten Jahre, in denen er Sternen- und Seekarten studierte mit ihren Wellengängen, Strömungen und vorherrschenden Winden – oft in den Sand an den Stränden des Pazifiks gezeichnet. Jahrelang lernte er, Vögel zu beobachten und deren Flugrichtung zu deuten. Ebenso lernte er die Geschwindigkeit eines Bootes zu messen, indem er die Blasen im Wasser zählt, wenn diese am Rumpf vorbeiziehen. Auch übte er es ein, die Richtung der Dünung des Ozeans unter dem Kanu aufzuspüren und sie von den Wellen an der Oberfläche zu unterscheiden – eine Kunst, die ein Meisternavigator sogar im Schlaf unter Deck ausüben kann.

Nachdem er sich all diese Fertigkeiten angeeignet hatte, stellte sich die Faszination bei Thompson ein.

„Mau sagte mir: ‚Ich werde dir beibringen, wie du hin- und zurückkommst, aber die Magie werde ich dir nicht verraten‘“, erinnert sich Thompson, „‚die musst du selbst entdecken.‘ Und genau das ist es, was mich seither begleitet – die Magie der Sterne und der Kanus.“

In den folgenden Jahren segelten Thompson und seine Kollegen von der Polynesian Voyaging Society (PVS), die traditionelle polynesische Navigationsmethoden erforscht und erhält, auf der Hokule’a und ihrem Schwesterkanu Hikianalia nach Rapa Nui (Osterinsel), Rarotonga (eine der Cookinseln), Neuseeland und Kalifornien.

Während dieser Tausenden Seemeilen erkannten Thompson und seine Kollegen, dass es ihnen bei der hawaiianischen Wegfindung um mehr ging, als frühere Generationen europäischer Akademiker eines Besseren zu belehren. Die Reisen der PVS trugen dazu bei, die „Hawaiianische Renaissance“ zu entfachen, ein Wiederaufleben des Interesses an der traditionellen Kultur der Insel, vom Essen über die Sprache bis hin zu Gesängen, Tänzen und spirituellen Praktiken.

Zur Zeit der ersten Fahrt von Hokule’a wurde Hawaiianisch zunächst in der Fremdsprachenabteilung der Universität von Hawaii unterrichtet. Heute werden viele Schüler hawaiischer Abstammung bis zur fünften Klasse in der Sprache ihrer Vorfahren unterrichtet. Nach dem Erfolg von Hokule’a bildeten andere Inseln Teams, die ihre eigenen Kanus bauten und segelten. Die traditionelle Wegfindung fand Einzug nicht nur in die Klassenzimmer, sondern auch in die akademische Astronomie. Es entstanden Navigationskurse, die zunächst von der PVS gesponsert wurden und sich dann auf andere Gruppen und Orte ausweiteten. Thompson hatte nicht nur maßgeblichen Anteil an der Vermittlung der Wegfindung, sondern auch an einer Initiative, um junge Frauen für diese Kunst zu begeistern. „Dies ist eine neue Ära“, erklärt er.

Heute gibt es auf Hawaii Dutzende Nautiker, die qualifiziert sind, traditionelle Überseereisen zu leiten. Sie führen nicht nur Kanus, sondern prägen auch das Denken der Menschen. „Die klassische westliche Sicht auf den Ozean ist, dass er uns trennt“, sagt Timothy Lara, ein auf Maui lebender Nautiker. „Die polynesische Sichtweise ist, dass er uns verbindet.“

Im Jahr 2013, 33 Jahre nach der bahnbrechenden Reise von 1980, führte Thompson, heute Präsident von PVS, die Hokule’a auf eine Reise um die Welt. Die Weltreise trug den Titel „Malama Honua“ (Deutsch etwa: Für die Erde sorgen) und umfasste über 64.000 Kilometer, 150 Häfen und 18 Länder. Die Rückkehr der Hokule’a nach Waikiki im Juni 2017 wurde von 20.000 Menschen gefeiert.

Zukünftige Abenteuer

Nächstes Jahr wird die Hokule’a Hawaii erneut verlassen, um den Pazifik zu umrunden, eine knapp 66.000 Kilometer lange Reise in 46 Ländern und an 345 Häfen, die sich über 42 Monate erstrecken wird – eine Reise, die denen der alten polynesischen Seefahrer ähnelt.

Thompson, ein sparsamer, unkomplizierter Mensch, der sowohl seine Worte als auch Taten sorgfältig abwägt, balanciert das Risiko durch gute Vorbereitung aus. Er meint, dass eine intensive, bis ins Mark gehende Vorbereitung der Schlüssel zum Erfolg bei solchen von Natur aus riskanten Unternehmungen ist.

„Ich gehe Dinge wie das Aufstellen eines Kurses eine Million Mal in meinem Kopf durch“, erklärt er. „Es frustriert die Leute, dass ich so lange brauche. Die Reise ‚Malama Honua‘ dauerte 37 Monate auf dem Wasser, aber eigentlich war es eine 10-jährige Reise, weil ihr mehr als 6 Jahre Vorbereitungszeit vorausgegangen waren.“ Viele argumentierten, dass die Reise gar nicht hätte stattfinden dürfen, weil sie zu gefährlich sei, aber Thompson entgegnete, dass die größte Gefahr darin bestehe, nichts zu tun. Während der Reise weigerte er sich, die Hokule’a auf ein Frachtschiff zu verladen, um die tückischsten Gewässer um Südafrika zu durchqueren.

„Was ist gefährlicher, der Hurrikan oder die Piraten – oder die Hokule’a am Dock festzubinden, weil wir zu viel Angst haben?“, fragt Thompson.

Jetzt, wo Thompson und PVS sich darauf vorbereiten, den Pazifik von Alaska über Neuseeland bis nach Südamerika zu umsegeln, ist er nach wie vor der Meinung, dass Abenteuer einen Sinn und einen Wert haben müssen – beispielsweise die Erkenntnis einer gemeinsamen Basis. Wie die meisten heutigen Ureinwohner stammt auch Thompson aus einem breiten Kulturkreis, der sowohl hawaiianische als auch europäische Wurzeln umfasst. „Navigation ist mehr als nur Segeln“, argumentiert Thompson. Und weiter: „Die Menschheit muss auf der Grundlage von Werten zusammenkommen.“

„Was ich am meisten schätze, sind Heimat und Familie“, erklärt Thompson. „Und eigentlich ist das unser ganzer Planet. Der Weg des Kanus bietet einen ziemlich guten Fahrplan für die menschliche Gesellschaft.“

Wenn man Thompson also nach seinem Vermächtnis fragt, ist seine Antwort ganz klar: „Ich habe mich für etwas eingesetzt, das von Bedeutung ist.“

 

Wa’a – Der Weg des Kanus

– Kümmere dich um dein Kanu

– Kümmere dich um deine Mannschaft

– Sei auf das Wetter vorbereitet

– Kenne immer deinen Kurs

Dieser Artikel wurde ursprünglich in der Zeitschrift „American Essence“ veröffentlicht.



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