Die Jagd nach dem inneren Frieden

Jedes Gefühl von Frieden kann nur dadurch entstehen, dass man "Ja" zum aktuellen Moment sagt - ob er nun friedlich ist oder nicht. Wir müssen dort beginnen, wo wir gerade stehen.
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Von 11. April 2022

Ich habe in meinem Leben schon unzählige geistige Auszeiten genommen: Tage, Wochenenden, eine Woche oder zehn Tage der Einkehr, an denen ich meditierte, spirituellen Lehren zuhörte und lange Spaziergänge ohne Ablenkung machte, und mich dabei lediglich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigte. Ich kam fast immer mit einem Gefühl von Frieden, tiefem Wohlbefinden, allgemeiner Gelassenheit und sogar Freude nach Hause. 

Sobald ich jedoch zu meiner Familie, meiner Arbeit und dem ganzen modernen Leben zurückkehrte, ging alles genau dort weiter, wo es aufgehört hatte. Manchmal begann es sogar bereits auf der Heimfahrt. Die Welt, in die ich zurückkehrte, hatte sich nicht verändert. Der Hund musste noch immer ausgeführt und die Rechnungen bezahlt werden. Die Kinder hatten weiterhin ihre Bedürfnisse. Die Menschen sagen und tun immer noch Dinge, die sie meiner Meinung nach nicht sagen und tun sollen. Das Leben mit all seinen Facetten findet noch immer statt. 

In der Tat hat sich die Welt nach einem solchen Klausuraufenthalt verändert, – weil ich mich verändert habe. Da ich meine Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachte, bin ich besser in der Lage, die Herausforderungen des Lebens zu meistern, ohne mich besonders gestresst zu fühlen. Nachdem ich eine Woche lang ruhig dagesessen und acht Stunden am Tag abgeschaltet habe, fühle ich mich anders in meiner Haut. Ich fühle mich in Frieden. 

Wochen, manchmal Monate später, lässt das Gefühl des inneren Friedens und der unerschütterlichen Ruhe aber nach, – trotz meiner täglichen spirituellen Übungen der inneren Einkehr. Es stimmt zwar, dass ich mit jeder Klausur ein wenig an geistiger Tiefe gewinne und vielleicht auch ein wenig Egoismus verliere. Daher bin ich im Grunde genommen fröhlicher, auch wenn das Glücksgefühl verblasst ist. Aber einige Monate später verspüre ich nicht mehr wirklich viel von der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit von damals, als ich mich in die vollkommene Stille begab. 

Illusion und Realität

Je mehr Zeit vergeht, desto mehr sehne ich mich nach der gewonnenen Zufriedenheit – dem Glück nach dem Rückzug. Unterschwellig wünsche ich mir solch einen genügsamen Zustand zurück und möchte wieder der gleiche glückselige, ausgeglichene Mensch sein. 

Es geht uns allen in unterschiedlicher Weise ähnlich. Vielleicht sehnen Sie sich nach der Verliebtheit in Ihren Partner bei Ihrem ersten Treffen. Oder vielleicht wünschen Sie sich, dass Sie vor den vielen Zukunftsmöglichkeiten stehen, so wie damals, am Ende der Schulzeit und nach dem Studienabschluss. Oder Sie wollen die Motivation für den Sport wiederfinden, die Sie verspürten, als Sie Ihren ersten Marathon liefen. 

Unabhängig davon, wohin wir zurückkehren wollen, streben viele von uns danach, zu einem früheren Zustand zurückzukehren, der jetzt nicht mehr da ist.

In Wirklichkeit ist es jedoch anstrengend, immer einer Erfahrung hinterherzujagen – einer Erfahrung, die sich von der unterscheidet, die wir gerade erleben. Mit der Zeit habe ich Folgendes entdeckt: Wenn ich Frieden will, wird mich der Versuch, zu einem früheren Zustand des Friedens zurückzugelangen, gerade nicht dorthin bringen. 

Die Dinge nehmen, wie sie jetzt sind

Frieden im Jetzt hat nichts mit der Vergangenheit oder der Zukunft zu tun; er kann nur dadurch entstehen, dass ich meinen Widerstand gegen jede Anschauung und jedes Gefühl in diesem Moment aufgebe. Wenn ich künftig ein bisschen Frieden in mir spüren möchte, muss ich „Ja“ zu diesem Moment sagen – ob er nun friedlich ist oder nicht.

Welchen Gefühlszustand wir auch immer in der Vergangenheit erlebt haben, er ist vorbei. Wenn wir jedoch ein bestimmtes Bedürfnis haben nach Liebe, Motivation, Hoffnung, Glückseligkeit oder einen anderen Zustand, müssen wir dort beginnen, wo wir gerade stehen. Wir müssen hier ankommen und mit dem arbeiten, was jetzt gilt.

All die spirituellen Besinnungstage, die ich erlebt habe, sind gekommen und gegangen, ebenso wie die freudigen Zustände, die ich in der Folge erlebt habe. 

Die Wahrheit ist, dass ich nicht weiß, ob ich diese Gefühle noch einmal erleben werde. Eventuell wird es in der einen oder anderen Form passieren, aber das ist nur eine „Was-wäre-wenn“-Frage. Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist: Wenn ich meine Erfahrungen so sein lasse, wie sie sind, wenn ich mich selbst so sein lasse, wie ich bin, und nicht verlange, dass sie oder ich etwas Besseres sein sollen, fühle ich mich erstaunlicherweise besser. 

Paradoxerweise fühle ich dann genau den Frieden, dem ich nachgejagt bin.

Nancy Colier ist Psychotherapeutin, interreligiöse Seelsorgerin, Autorin, Rednerin und Workshop-Leiterin. Sie bloggt regelmäßig für Psychology Today und The Huffington Post und hat mehrere Bücher über Achtsamkeit und persönliches Wachstum verfasst. Weitere Informationen finden Sie unter NancyColier.com



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