Zum Rätsel der chinesischen Schriftzeichen

Auftakt zur Serie über die Bedeutung und Hintergründe der Jahrtausende alten chinesischen Bildsprache.
Titelbild
Die ältesten chinesischen Schriftzeichen fanden sich auf Orakelknochen. (Foto: Wikipedia)
Von 9. Februar 2022

Der Legende nach erfand der Beamte Cang Jie vor 4.000 Jahren die chinesischen Schriftzeichen. Im chinesischen Volk wird folgende Geschichte überliefert: „Cang Jie erfand die Schriftzeichen, dabei fielen Hirsekörner vom Himmel und die bösen Geister weinten in der Nacht.“

Der Schriftsteller und Maler Zhang Yanyuan erklärte in der Tang-Dynastie (618-907) die obige Überlieferung wie folgt: Der Himmel könne seine Geheimnisse den Menschen gegenüber nicht mehr verheimlichen. Die Menschen würden durch das Lernen der Zeichen die Himmelsgeheimnisse erkennen. Das sei die gleiche glückliche Fügung, als ob vom Himmel Hirsekörner herunterfallen würden. Die bösen Geister könnten sich nun nicht mehr verstecken, da die Menschen durch die Schriftzeichen die Grundsätze und die Prinzipien der Welt erkennen könnten. Deshalb sei es den Geistern nicht mehr möglich, die Menschen zu betrügen und zu belügen. Den Geistern bleibe als Trost nur, heimlich in der Nacht zu weinen.

Die chinesische Schrift ist religiös geprägt. Sie spiegelt den Glauben der damaligen Menschen an die Existenz von Gottheiten wider. Die Besonderheit der chinesischen Schrift liegt vor allem in ihrer Komplexität. Oft besteht ein Schriftzeichen aus mehreren eigenständigen Zeichen, aus denen zusammen wiederum eine bestimmte Bedeutung abgeleitet wird.

Je nach Interpretation der zusammengesetzten Einzelbedeutungen kann ein Schriftzeichen somit eine Vielzahl an Bedeutungen haben. Neben einer gewissen Unschärfe in der exakten Bedeutung führt dies umgekehrt dazu, dass sich komplexe Inhalte auf Chinesisch oftmals mit wenigen Schriftzeichen ausdrücken lassen.

Verantwortung

Ein Beispiel dafür ist das Schriftzeichen 責 (ze), das Pflicht, Verantwortung, fordern, verlangen, tadeln und strafen bedeutet. Es setzt sich aus den drei Ideogrammen 主 (zhu), 且 (qie) und 人 (ren) zusammen.

主 ist das Zeichen für Gott oder für die Gottheiten, die die Welt erschaffen haben.

Mit 且 werden die verschiedenen Dimensionen des Universums symbolisiert, in denen unendlich viele unterschiedliche Wesen leben.

Das dritte Ideogramm 人 ist das chinesische Schriftzeichen für den Menschen.

In der Vereinigung dieser drei Zeichen zeigt sich das Verständnis der damaligen Menschen für das Wort Verantwortlichkeit: Es sind Gott und die Gottheiten, die die Wesen verschiedener Dimensionen und den Menschen beobachten, denn die Schöpfer fühlen sich dazu berufen und verantwortlich.

Verantwortung übernehmen heißt, sich in einer bestimmten Weise gegenüber dem anderen zu verhalten. Wer Verantwortung übernimmt und eine Pflicht erfüllt, beobachtet, fördert, tadelt und bestraft. Daher ist die Verantwortung für denjenigen, der sie übernimmt, immer auch mit einem gewissen Grad an Selbstaufgabe verbunden.

Ein Schatz

Die chinesischen Schriftzeichen sind der Schatz der Schätze der chinesischen Kultur. Die Chinesen sprechen von der „Einheit von Himmel und Menschen“, die sich auch in den chinesischen Schriftzeichen widerspiegelt. Die chinesischen Schriftzeichen beinhalten die Lehre des I Ging, der Fünf Elemente und des taoistischen Yin Yang. Sie tragen umfassende Informationen von Himmel, Erde, Menschen, Ereignissen und Gegenständen, deren Zusammenhänge durch die Zusammenstellung der Zeichen bildlich dargestellt werden. So entstand auch im alten China das Wahrsagen auf der Basis von Schriftzeichen.

Xu Shen, ein Forscher der chinesischen Schriftzeichen in der Östlichen Han-Dynastie (25-220 n. Chr.), analysierte auf der Basis der Lehre des I Ging und der Fünf Elemente die Struktur der chinesischen Schriftzeichen und verfasste das wichtigste Buch über die chinesischen Schriftzeichen: „Erklärung der Schriften und Analyse der Zeichen“ (Shuo Wen Jie Zi).

Orakelknocheninschriften (Foto: Wikipedia)

Orakelknocheninschriften (Foto: Wikipedia)

In seinem Buch unterteilte Xu Shen die chinesischen Zeichen in sechs Kategorien:
Xiangxing, „Bildzeichen“ – Piktogramme, die das Bezeichnete entsprechend der Erscheinungsform wiedergeben (z. B. 山 für Berg);

Zhishi, „auf Tatbestände deuten“ – Symbole, Ideogramme;
Huiyi, „Vereinigung der Bedeutungen“ – Zeichen, die aus zwei oder mehr Zeichen mit verschiedenen Bedeutungen zusammengesetzt sind und deren Inhalt mit dem neuen Gesamtinhalt zusammenhängt;
Xingsheng, „Form und Ton“ – Zeichen, die aus einem laut- und einem bedeutungsandeutenden Zeichen zusammengesetzt sind (Phonogramme). Ein Beispiel dafür ist das Zeichen 媽 (mā, „Mutter“). Die rechte Komponente 馬 (mǎ, „Pferd“) gibt die Aussprache an, während die linke Komponente 女 (nǚ, „Frau“) den Hinweis auf die Bedeutung gibt. Die bedeutungstragende Komponente ist oft auch das Radikal, nach dem die Zeichen in Wörterbüchern angeordnet werden;
Jiajie, „unter falschem Namen“ – Zeichen, die wegen eines gleichen Lauts für eine andere Bedeutung verwendet werden;
Zhuanzhu, „wenden und gießen“ – Synonyme.

Etwa 90 Prozent aller chinesischen Schriftzeichen fallen als Phonogramme in die Gruppe Xingsheng „Form und Ton“.

Geschlechterrollen: 男 und 女 – Mann und Frau

Die Geschlechterrollen sind in den chinesischen Schriftzeichen klar verankert.

Das chinesische Schriftzeichen 男 (Aussprache: nán) bedeutet „Mann“. Es setzt sich aus zwei Zeichen zusammen. Das obere Schriftzeichen 田 (tián) bedeutet Feld, und das untere Schriftzeichen 力 (lì) bedeutet Kraft. Das Schriftzeichen ist ein Symbol dafür, dass Männer stark sein und auf dem Feld arbeiten sollten.

So beschreibt es die klassische „Einfache Erklärung und Analyse von zusammengesetzten Schriftzeichen“ (Shuo Wen Jie Zi). Im alten China sagte man: „Männer leiten die Angelegenheiten im Außen.“ Daher waren Landwirtschaft, Krieg, Kampf, Beamtentum und das Führen von Geschäften reine Männersache.

Ein Mann ist zuerst Sohn seiner Eltern. Wenn er verheiratet ist, der Ehemann seiner Frau und wenn sie Kinder bekommen, ist er der Vater seiner Kinder.

Das chinesische Schriftzeichen 女 (nü) bedeutet Frau. Alle Schriftzeichen mit 女 haben etwas mit der Frau zu tun. Zum Beispiel 妻 (qi​, Ehefrau), 婦 (fù, Hausfrau) und 媽 (ma, Mutter). Der rechte Teil des Schriftzeichens für Hausfrau ist ein Besen und der linke Teil eine Frau. Traditionellerweise kümmerte sich die Hausfrau in China um die Angelegenheiten des Haushalts wie das Kochen, Putzen und das Nähen.

 

In dieser Reihe sind bisher erschienen:

  1. 藥 (Yao) – Heilmittel, Medizin, Arznei, Medikament
  2. 眞 (Zhen) – wahrhaft, wirklich, echt
  3. 德 (De) – Tugend, Moral, Sittlichkeit
  4. 善 (Shan) – barmherzig, gutherzig, mildtätig
  5. 好 (Hao)– gut, schön
  6. 家 (Jia) – Familie, Haushalt, Zuhause
  7. 一 (Yi) – Eins, das Erste, das Ganze
  8. 壊 (Huai)- schlimm, schlecht, böse
  9. 黨 (Dang) – Partei, Klügel, Bündel
  10. 醫 (Yi) – Medizin, medizinische Behandlung
  11. 責 (Ze) – Pflicht, Verantwortung, fordern, strafen
  12. 還 (Hai) – noch, noch immer
  13. 悟 (Wu) – Erkennen, Verstehen und Begreifen
  14. 道 (Dao) – Weg, Lauf, Pfad, Daoismus
  15. 仁 (Ren) – Gutherzigkeit, Wohlwollen, Herzensgüte und Humanität
  16. 儒 (Ru) – Konfuzianische Schule, Gelehrter
  17. 夫 (Fu) – Ehemann, Gatte, Mann
  18. 義 (Yi) – Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Treue, Einhalten von Versprechen
  19. 忍 (Ren) – Toleranz, Nachsicht, dulden, ertragen
  20. 師 (Shi) Meister, Lehrer, eine militärische Truppeneinheit
  21. 信 (Xin) Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Glauben


Epoch TV
Epoch Vital
Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Dies umfasst ebenso abschweifende Kommentare, die keinen konkreten Bezug zum jeweiligen Artikel haben. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.


Ihre Epoch Times - Redaktion