Die ungewöhnliche Biografie: Señora Gerta Stern – hundert Jahre Leben

Von 9. October 2016 Aktualisiert: 9. Oktober 2016 20:22
Spannender als jeder Roman: Die unglaubliche Lebensgeschichte der 100-jährigen Jüdin Gerta Stern aus Wien. Anne Siegel trifft genau die richtige Mischung zwischen Unterhaltung und schriftstellerischem Können

Gerta Stern wurde als einziges Kind 1915 in Wien in eine jüdisch-österreichische Künstlerfamilie hineingeboren. Mitten in den Ersten Weltkrieg. Nach der verheerenden Niederlage ist nichts mehr wie früher.

Die Zeit der Belle Epoch ist gänzlich vorbei, die Weltwirtschaftskrise zwingt viele Familien in die Knie. Menschen können für ihren Lebensunterhalt nicht mehr sorgen, genau wie in Deutschland gelingt es dem den Vertretern rechter Parolen, die große Masse für sich zu gewinnen. Von all dem spürt Gerta als Kind und Jugendliche nichts. Ihr Elternhaus gehört zur obersten Liga Österreichs, die Eltern sind liberal, und vor ihrem einzigen Kind liegt eine große Karriere als Schauspielerin.

Gerta avanciert in den 20er Jahren zur Ikone, zur neuen Frau der Nation. Heute würde man diese Art von Glamourmädchen als „IT-Girl“ bezeichnen. Sie ist bekannt und begehrt. Besonders die Schauspielerei entwickelt sich bei Gerta zur großen Leidenschaft. Ein Talent, das sie noch so manches Mal in ihrem Leben nutzen wird und muss. Trotz alledem drängt die Mutter die Tochter, eine Ausbildung als Kosmetikerin zu absolvieren – eine Profession von der die heute Hundertjährige noch immer profitiert.

Als eine der ersten Frauen eröffnete Gerta Stern später in ihrem Exil in Panama ein Kosmetikstudio und avancierte zur begehrtesten Kosmetikerin des Landes. Besonders die Frauen der High Society, der Gesellschaft und der Politik gehören seit eh und je zu ihren Stammkundinnen. Musste die Jüdin aus politischen Gründen aus Europa fliehen, so wird sie in Panama City – ein schmaler Streifen Land, der flankiert von den Ozeanen Süd- von Nordamerika trennt – unter ihren Händen alles über den korrupten Staat erfahren, einige Revolten miterleben, Politiker und Diktatoren und Verbrecher kommen und gehen sehen. Aus geheimen Quellen erfährt sie so manchen Umsturz, bevor dieser an die Öffentlichkeit gerät.

Das ist aber schon die zweite Station ihres spannenden Lebens.

Im Wien der Zwanziger- und Dreißigerjahre

Ihr erstes Leben findet im Wien der Zwanziger- und Dreißigerjahre statt, ist aufregend und prickelnd, aber die brodelnde politische Lage und Hitlers Einmarsch in Österreich beginnen, auch ihr sorgenfreies Leben mehr und mehr zu beeinflussen. Hitlers Einfluss wächst rasant, das Leben der jüdischen Gemeinden Österreichs wird massiv bedroht. Mitten in diese Zeit der Verfolgung jüdischer Menschen fällt Gertas Hochzeit mit dem bekannten Moses Stern, einem begnadeten Profifußballer. Ganz nach traditioneller jüdischer Art gibt Gerta das religiöse Versprechen ab, dass sie ihren Mann beschützen wird. Ein Versprechen, das sie bald unter Einsatz ihres Lebens einlösen wird. Auch wenn ihre Familien nicht streng gläubig sind, so müssen auch sie erkennen, dass ihr Leben in Österreich mehr als bedroht ist.

„Hitler hat mich erst zum Juden gemacht.“

„Hitler hat mich erst zum Juden gemacht.“, sagte ein alter Freund, der wie Gerta ins Exil gehen muss. Ihre ganze Hoffnung liegt nun auf einem Besuch in Hamburg.

Gemeinsam versucht das junge Paar hier an ein Visum zu gelangen. Ziel: Südafrika, wo Moses Schwester schon auf beide wartet. Tausende Menschen versuchen in dieser Zeit, von hier aus auf großen Passagierschiffen in den Westen aufzubrechen.

Maßgeblich für diese großen Passagierschiffe ist die Firma Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft kurz HAPAG genannt. Durch ihren Betreiber Albert Ballin wurde einst die HAPAG in wenigen Jahren zur größten Reederei der Welt.

Mitten in ihrem Bestreben ein Visum zu bekommen, wird Gertas Leben durch die Reichskristallnacht am 9. November 1938 mehr als bedroht. Ihr Mann wird während der Novemberpogrome verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht.

Gerta ist nun auf sich alleine angewiesen, mitten in der Fremde. Sie rennt von Konsulat zu Konsulat, versucht unter allen Umständen ein Visum für sich und ihren Mann zu bekommen, versucht verzweifelt einen Weg zu finden, Moses aus dem Konzentrationslager zu befreien. Nichts gelingt ihr. Die verschärften Gesetze der Nationalsozialisten zwingen die Juden, ihr gesamtes Hab und Gut abzugeben und ohne Geld sind die begehrten und lebensrettenden Visa kaum zu bekommen. Obwohl ihre Visa von der Schwester bereits bezahlt worden sind, tauchen die Dokumente nicht beim Konsulat auf. Das Geld ist unwiederbringlich verloren, eine Reise aus dem gefürchteten Deutschland rückt in weite Ferne.

„Herr Otto“ – der Fremde

Eines Morgens klopft Gerta wieder an eine fremde Tür und als diese sich öffnet, steht ein hoch gewachsener Mann in Naziuniform vor ihr. Was es genau ist, das sie veranlasst nicht wegzurennen, kann Gerta heute nicht mehr erklären. Als sie sich als Jüdin zu erkennen gibt, erklärt ihr dieser Fremde, dass man nicht nur auf die Uniform blicken sollte, sondern vielleicht auch auf den Menschen in dieser Uniform.

Herr Otto – wie sie ihn von nun an nennen wird – beginnt ihr zu helfen. Er ist es auch, der ihr vorschlägt nach Panama auszureisen, das Land, das als eines der letzten noch Visa an Juden ausgibt. Doch ihren Mann aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zu befreien, da kann auch er nicht helfen. So bleibt Gerta nur das übrig, was sie schon immer gut konnte, nämlich: die Schauspielerei.

Todesmutig marschiert sie ins Gestapo Hauptquartier und erzählt in einem Wiener Kauderwelsch eine fantasierte Lügengeschichte über die falsche Inhaftierung ihres Mannes und einen bestehenden Abreisetermin nach Südafrika. Die verdutzten SS- Männer begreifen nicht, wer überhaupt vor ihnen steht, haben Mühe diesen Dialekt zu verstehen. Es kommt zu einer ungewöhnlichen Begegnung im Hauptquartiersbüro, ein ranghoher SS Offizier betrachtet sie lange und, unterschreibt die Entlassung ihres Mannes. Dabei meint er nur: es ist schon schade, dass sie die deutsche Sprache nicht beherrsche.

Drei Tage später wird Moses tatsächlich aus dem KZ entlassen und nun tritt wieder Herr Otto als Helfer ein. Nach einer spektakulären Flucht über Frankreich kommen beide gemeinsam mit dem jüngeren Bruder von Moses letztendlich in Panama an. In Panama City beginnen sie ihr zweites Leben. Fern der Heimat, fern der Familien.

Geschichte endet nie wirklich

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Die Journalistin Anne Siegel beschreibt in ihrem Buch: Señora Gerta, wie eine Wiener Jüdin auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste. Neben der packenden Fluchtgeschichte der Sterns dokumentiert sie aber auch in sachlicher Weise ein Österreich der Zwanziger- und Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts.

Es ist nicht von ungefähr, dass diese Biografie im Europa Verlag erschienen ist. Mittlerweile zeichnet sich dieser Verlag unter der Führung von Christian Strasser aus, besondere Geschichten herauszubringen, die sich mit der europäischen Geschichte befassen. Ein Verlag dem es gelungen ist, uns in der heutigen Zeit den Spiegel vorzuhalten, dass Geschichte nie wirklich endet, sondern immer die langen Schatten bis in die Gegenwart hineinwirft.

Diese ganz besondere Aufarbeitung von Geschichte und Politik findet sich nicht nur in Biografien sondern auch in Romanen, Erzählungen und Sachbüchern wieder. Christian Strasser besitzt das besondere Gespür, Themen und damit verbundenen Erlebnissen der Menschen einen Raum zu bieten, damit das Erlebte und Geschehen eine Stimme nach außen bekommt. So eben auch die Journalistin Anne Siegel und Gerta Stern.

Spannend und lesenswert

Anne Siegel erzählt anhand von vielen Interviews mit Gerta Stern, wie es dieser mutigen Frau trotz Verlust vieler Familienmitglieder, der Heimat, und letztendlich auch den Verlust einer Art Identität gelingt, eine Freude fürs Leben zu gewinnen und dabei nicht den Humor zu verlieren. Anne Siegel trifft genau die richtige Mischung zwischen Unterhaltung und schriftstellerischem Können, das reiche, bestimmt auch verwöhnte junge jüdische Mädchen, das sich der Schauspielerei, dem Tanz und dem geselligen Leben verschrieben hatte, nicht in einen oberflächlichen Kitsch abdriften zu lassen.

In sachlich- schonungsloser Weise zeichnet sie auch sehr klar das Bild Österreichs in den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Der Hass auf alles Jüdische, die mehr als offenen Arme, mit denen Österreich Hitler empfing, und die Reichspogromnacht in Hamburg verdeutlichen wieder einmal mehr, dass Europa dem Untergang geweiht war.

In monatelanger Recherche stellte sich Anne Siegel unter anderem auch die mehr als interessante Frage: wie kommt es, dass die Brandversicherer des Jahres 1938 die während der Reichspogromnacht offensichtlich entstandenen Schäden nie abgewickelt und ausbezahlt haben, obwohl viele jüdische Ladenbesitzer hohe Policen besaßen? Anne Siegel belegt auch anhand von Dokumenten, dass die Feuerwehr in diesen Nächten rund um den 9. November 1938 nicht zum Löschen ausrückte. Ein Aspekt, den viele Historiker nicht debattieren.

Panama – Land der Revolutionen und Korruptionen

Die Biografie wechselt gekonnt und wirkungsvoll zwischen einem packenden Thriller und dokumentarischen Fakten. Das Geheimnis um Herrn Otto und die spektakuläre Flucht wirken wie ein filmreifer Coup, passen zur Fantasie und Kreativität der Künstlerin Gerta Stern, die nur mit diesen außergewöhnlichen Mitteln sich und ihren Mann retten konnte.

Wenn die meisten von uns Panama nur mit dem Suezkanal und dem damaligen und heutigen wirtschaftlichen Nutzen verbinden, so wird man sehr viel mehr durch diese Biografie von Gerta Stern über das Leben auf der anderen Seite der Weltkugel erfahren. Ein Land, das von Revolutionen und Korruptionen gebeutelt und geplagt war. Das schwül-heiße Klima ist symptomatisch für ein Land und eine Bevölkerung, die einem Vulkan gleichen. In all den Jahrzehnten gelang es Gerta und Moses, sich ein Leben aufzubauen und Teil einer Gesellschaft zu werden, die bis heute versucht auch eine jüdische Gemeinschaft neu entstehen zu lassen.

Gerta Stern weiß, dass sie mehr als Glück gehabt hat und sie sagt von sich: wer so viel Glück hatte, der darf nicht zurückschauen.

Nichtsdestotrotz wird sie nie vergessen, wo sie herkommt. Längst hat sie Europa wieder besucht, in Österreich und Deutschland auch Plätze gefunden, an denen die Hundertjährige auch an Zeiten zurückdenken kann und darf, die sie als glücklich empfunden hat.

Das Buch stürmt seit September die Bestsellerlisten.

Wer war Herr Otto?

Ihren Retter „Herrn Otto“ sah Gerta Stern nie wieder. Bis heute hatte sie gehofft sich bei ihm bedanken zu können. Ohne ihn, den Mann in der Naziuniform wären sie und ihr Mann nie nach Panama gekommen.

Wer er eigentlich war, das hat Anne Siegel versucht herauszubekommen…

Anne Siegel

Señora Gerta.

Wie eine Wiener Jüdin auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste.

Europa Verlag. Erschienen September 2016

272 Seiten

ISBN-10: 3958900518

ISBN-13: 978-3958900516

18,99 €

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