Die Zeit – Christian Morgenstern

Von 19. Oktober 2018 Aktualisiert: 19. Oktober 2018 22:06
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Die Zeit

Es gibt ein sehr probates Mittel,

die Zeit zu halten am Schlawittel:

Man nimmt die Taschenuhr zur Hand

und folgt dem Zeiger unverwandt,

Sie geht so langsam dann, so brav

als wie ein wohlgezogen Schaf,

setzt Fuß vor Fuß so voll Manier

als wie ein Fräulein von Saint-Cyr.

Jedoch verträumst du dich ein Weilchen,

so rückt das züchtigliche Veilchen

mit Beinen wie der Vogel Strauß

und heimlich wie ein Puma aus.

Und wieder siehst du auf sie nieder;

ha, Elende! – Doch was ist das?

Unschuldig lächelnd macht sie

wieder die zierlichsten Sekunden-Pas.

Christian Morgenstern  (1871 – 1914)

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