Fake-News gegen den Fake-News-König? Relotius fühlt sich in Moreno-Buch falsch dargestellt

Von 24. Oktober 2019 Aktualisiert: 24. Oktober 2019 23:18
Einzelfall für die einen, Sittenbild des deutschen Qualitätsjournalismus für die anderen: Der Fall Claas Relotius bewegt immer noch die Gemüter. Aufdecker Juan Moreno hat nun ein Buch darüber verfasst – gegen das Relotius prompt vorgehen will.

Der mehrfach preisgekrönte deutsche Journalist Claas Relotius, der Ende des Vorjahres nach einem Medienskandal in Ungnade fiel, fühlt sich von seinem Ex-Kollegen Juan Moreno falsch dargestellt. Moreno hatte im Dezember 2018 nachgewiesen, dass Relotius in mehreren Reportagen Begebenheiten und Akteure frei erfunden oder Orte, von denen er angeblich berichtete, gar nicht besucht hatte. Allein für „Spiegel“-Formate hatte Relotius etwa 60 Texte verfasst oder an diesen mitgearbeitet.

Nun hat Moreno in einem Buch mit dem Titel „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ den Fall noch einmal im Detail Revue passieren lassen, den der „Spiegel“ selbst als leuchtendes Beispiel für schonungslose Aufklärungsbereitschaft in eigener Sache darstellt.

„Tatsachen verdreht und in unzulässiger Weise arrangiert“

Kritiker hingegen betrachten ihn als Super-GAU und unfreiwillige Selbstentlarvung eines spezifisch deutschen Medienphänomens, das vielfach als „Haltungsjournalismus“ bezeichnet wird. Immerhin habe, so der Desk-Chef der Nordwest-Zeitung, Alexander Will, über Jahre hinweg niemand die Darstellungen von Relotius hinterfragt, weil diese auch dort, wo sie besonders klischeehaft wirkten, inhaltlich nur einen gefestigten und nicht hinterfragten ideologischen Konsens in deutschen Redaktionen abbildeten.

Relotius will nun, wie sein Anwalt Christian Schertz bestätigt, gerichtlich gegen Moreno und einige Darstellungen in seinem Buch vorgehen. Dies berichtet unter anderem der „Spiegel“ selbst. Moreno habe, so Schertz, nun auch selbst Tatsachen verdreht und in unzulässiger Weise arrangiert.

Insgesamt 22 Textstellen wiesen „erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen“ auf, weshalb Relotius Moreno und dessen Verlag Rowohlt Berlin auffordere, diese nicht weiter zu verbreiten. Neben den Angaben von Relotius selbst würden auch unabhängige Zeugen dies bestätigen. Die „Zeit“ will einigen der beanstandeten Behauptungen Morenos nachgegangen sein und erklärt, nicht zu allen auch Belege gefunden zu haben.

Relotius erklärt gegenüber der „Zeit“, sich seiner „eigenen großen Schuld heute sehr bewusst“ zu sein und durch die nunmehr angekündigte Klage nicht davon ablenken zu wollen:

„Ich stelle mich allem, wofür ich verantwortlich bin, aber ich muss keine unwahren Interpretationen und Falschbehauptungen von Juan Moreno hinnehmen. Ohne mich persönlich zu kennen oder mit Menschen aus meinem näheren Umfeld gesprochen zu haben, konstruiert Moreno eine Figur.“

„Man darf jetzt nicht denken, es lügen alle“

Gegenüber dem „Deutschlandfunk Kultur“ erklärt Medienexperte Stefan Niggemeier, es gehe bei den 22 Textstellen größtenteils um etwas, „was man so Kleinigkeiten nennen würde“ – etwa um offene Bürotüren oder die Frequenz des Kantinenbesuchs. Auch soll Relotius sogar nach seiner Aufdeckung Unwahrheiten über eine Heilbehandlung verbreitet haben, der er sich unterzogen habe. In diesem Zusammenhang scheint sich Moreno auf Zeugen vom Hörensagen verlassen zu haben.

Niggemeier wirft Relotius vor, ein Ablenkungsmanöver zu bezwecken und dass dieser sich einer rückhaltlosen Aufklärung bisher entzogen haben. Man dürfe jetzt nicht „darauf reinfallen darf und sagen ‚Es lügen alle‘“.

Relotius wurde für seine Reportagen über Jahre hinweg mit prestigeträchtigen Preisen ausgezeichnet. So ernannte ihn CNN, das US-Präsident Donald Trump wiederholt als „Fake-News“-Medium bezeichnet hatte, 2014 zum „Journalisten des Jahres“.

In den Jahren 2013, 2015, 2016 und 2018 erhielt Relotius den Deutschen Reporterpreis, darunter dreimal für die beste Reportage und einmal als bester freier Journalist. Auch der Katholische Medienpreis 2017 ging an den Journalisten, der unter anderem unter Verwendung unrichtiger Angaben eine US-amerikanische Kleinstadt diffamiert und einer früheren Widerständlerin der „Weißen Rose“ in einem Interview Äußerungen untergeschoben haben soll, die diese nie getätigt habe.

In einer Reportage beschreibt er einen syrischen Flüchtlingsjungen, dem im Traum Bundeskanzlerin Angela Merkel erschienen sei. Der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, hatte dem „Spiegel“ nach Bekanntwerden der Vorwürfe „eklatanten Anti-Amerikanismus“ vorgeworfen und die Tatsache, dass Relotius so lange nicht aufgeflogen sei, damit begründet, dass der Journalist explizit diesen bedient habe.

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