Holzschnitt-Illustration von Doktor Faustus und einem Teufel auf der Titelseite einer Ausgabe von Christopher Marlowes „Die tragische Historie vom Doktor Faustus“ von 1620.Foto: Public Domain

Faust und der Teufelspakt des 21. Jahrhunderts

Von 6. Oktober 2021 Aktualisiert: 1. Oktober 2021 10:11

Ein Parlamentsabgeordneter wacht eines Nachts auf und sieht Luzifer am Fußende seines Bettes. „Was willst du?“, fragt er.

„Ich will dir alles geben, was du dir wünschst oder vorstellen kannst“, antwortet Luzifer. „Du wirst bei jeder Wahl wiedergewählt werden. Du wirst ein Vermögen haben, das deine kühnsten Träume übersteigt, schöne Frauen, Villen, teure Autos, eine Jacht. Stimme zu und es gehört dir.“

Der Abgeordnete setzt sich im Bett auf: „Mensch, das klingt klasse! Aber was hast du davon?“ „In 24 Jahren musst du mir deine unsterbliche Seele geben“, antwortet Luzifer. Zuerst erstaunt, bricht der Abgeordnete in Gelächter aus. „Nein, wirklich. Was ist der Haken?“

Dieser alte Witz spricht Bände über die Moderne. Wie unsere Vorfahren sehen wir immer noch das Böse in der Welt, aber in unserem Zeitalter der Wissenschaft, Psychologie, Sozialwissenschaft und Statistik suchen wir fast immer den Grund für das Böse in der Genetik, den Umständen oder der Umwelt.

Selten wird bei diesen Erklärungen das Böse oder die menschliche Seele erwähnt. Und schon gar nicht der Teufel – was uns zu „Doktor Faustus“ bringt.

Christopher Marlowes Stück „Die tragische Historie von Doktor Faustus“ aus dem 17. Jahrhundert basiert auf den Erzählungen über Johann Faust, einem deutschen Magier und Alchemisten, der zu einer Legende der Renaissance wurde. In Marlowes Stück ist Faustus ein Professor und berühmter Intellektueller an der Universität Wittenberg. In seinem Streben nach mehr Ruhm und Macht wendet er sich von Logik, Vernunft und Theologie ab und der Magie zu. Sehr schnell steht Faustus im Stück mit Luzifer und seinem Abgesandten Mephostophilis im Bunde. Er unterschreibt mit seinem eigenen Blut einen Pakt, in dem er bestätigt, dass diese dunklen Mächte ihm im Austausch für seine Seele für die nächsten 24 Jahre alles geben werden, was er sich wünscht.

Hochmut kommt vor dem Fall

Sein enormes Ego und seine intellektuelle Arroganz machen Faustus zunächst blind für die Folgen seiner Liebelei mit dem Teuflischen. Im ersten Akt zum Beispiel, als Mephostophilis ihm seinen ersten Besuch abstattet, sagt Faustus zu ihm:

Das Wort Verdammung schreckt mich nicht zurück,
Eins ist mir Hölle und Elysium,
Mein Geist sei bei den alten
Philosophen!

Und als Mephostophilis Faustus vor dem Verlust des Himmels warnt, der ihn erwartet, wenn er diesen Weg weitergeht, antwortet Faustus:

Ei, großer Mephostophilis, so hitzig,
Dass du der Himmelsfreuden
bist beraubt?
Komm, lerne von dem Faustus
Kraft des Mannes
Und kümmre nicht dich um verlornes Gut.

Selbst nachdem er Mephostophilis traf und den Teufelspakt unterschrieb, erklärte der überhebliche Faustus: „Ich denke doch, die Hölle ist nur ein Märchen.“ Am Ende führt Faustus‘ überzogener Stolz zu seinem Untergang.

Macht

Hätt‘ ich mehr Seelen als da Sterne leuchten,
Ich gäb‘ sie all für Mephostophilis.
Durch ihn werd ich der Erde großer Kaiser
Und baue Brücken durch die leichte Luft,
Um übers Meer mit meiner Schar zu ziehen.

In dieser frühen Szene hören wir Faustus über die Macht nachdenken, die ihm bald gehören wird – die Fähigkeit, die Erde und alles auf ihr zu kontrollieren. Diese neu gewonnene Macht wird sich nicht auf Logik oder Vernunft stützen, sondern auf Magie und das Übernatürliche – die dunklen Künste, die es ihrem Ausübenden erlauben, die Ordnung und Gesetze der physischen Welt zu überschreiten und so die Natur und die Menschen zu kontrollieren.

„Macht korrumpiert“, heißt es in dem berühmten Satz von Lord Acton, „und absolute Macht korrumpiert absolut.“ Wie jeder absolutistische Monarch und Diktator in der Geschichte, lernt Faustus diese Lektion bald ebenfalls.

Lust

Im fünften Akt, gegen Ende des Stücks, fleht Faustus Mephostophilis an, ihm die Zuneigung von Helena von Troja zu schenken. Mephostophilis erfüllt diesen Wunsch, und als Helena eintritt, spricht Faustus die berühmtesten Zeilen des Stücks:

War das der Blick, der tausend Schiffe trieb
In‘s Meer, der Trojas hohe Zinnen stürzte?
O mache mich mit einem Kuss unsterblich.
Ihr Mund saugt mir die Seel‘ aus – Sieh, da fliegt sie!
Komm, Helena, gib mir die Seele wieder!
Hier lass mich sein, auf diesem Mund ist Himmel

Man kann diese Zeilen als Komplimente eines Mannes auffassen, der von der Schönheit verzaubert wurde – als ein Loblied, um Zuneigung zu gewinnen. Doch hinter dieser Lobrede verbirgt sich etwas, was viel finsterer ist. Helena hat nicht die Macht, Faustus unsterblich zu machen, und die Zeilen „Ihr Mund saugt mir die Seel‘ aus“ und „auf diesem Mund ist Himmel“ sagen uns, dass Faustus, wie so viele andere vor und nach ihm, die Freuden des Fleisches mit den Verzückungen des Himmels verwechselt.

Die Welt steht Kopf

An einer Stelle amüsieren Luzifer und Beelzebub Faustus, indem sie ihm die sieben Todsünden vorführen: Hochmut, Habgier, Neid, Zorn, Völlerei, Trägheit und Wollust. Nachdem diese sieben sich vorgestellt und die Bühne verlassen haben, ruft Faustus aus: „Oh, wie das Schauspiel meine Seel‘ entzückt!“

Luzifer meint daraufhin: „Ja, Faustus, in der Hölle sind alle Arten von Entzückungen.“ Hier stellt Faustus, ermutigt durch Luzifer, die moralische Ordnung auf den Kopf.

Szenen wie diese, die sich durch das ganze Stück ziehen, zeigen das Wechselspiel zwischen dem Verführten und dem Verführer. Luzifer und Mephostophilis bieten ein Gelage von Verlockungen dar – und Faustus, dem brillanten Gelehrten, fehlt es an Weitsicht und Weisheit, sie abzulehnen.

Lehre aus „Doktor Faustus“

Gibt es ein passenderes Stück als „Doktor Faustus“ für das 21. Jahrhundert? Einige von uns glauben vielleicht nicht mehr an die Hölle oder Luzifer, den Vater der Lügen. Aber der „Teufelspakt“, bei dem wir unsere Prinzipien oder unseren aufrechten Charakter gegen Macht, Ruhm oder Reichtum eintauschen, ist nach wie vor sehr aktuell.

Die gleichen Versuchungen, denen Faustus ausgesetzt war – blinder Stolz, brennendes Machtstreben, Habgier, der Glaube, dass wir wie Götter sein und die Welt und die Menschen so gestalten können, wie wir es wollen, trotz ihrer Natur, und der gleiche katastrophale Sturz ins Verderben und in die Schande – sind in unserer postmodernen Welt allgegenwärtig. Täglich können wir in unseren Zeitungen und Online-Blogs die Geschichten dieser modernen Versionen von Faustus lesen. Diese Selbsterhöhung macht die Menschen oft blind für das Ende ihrer eigenen Fabel. Oft übersieht man, was Faustus in der letzten Stunde seines Pakts erkannte:

Fort gehn die Stern‘, es rinnt die Zeit, der Pendel schwingt,
Der Teufel naht, die Hölle tut sich auf.

Faustus kann sich nicht zwischen Gott und Luzifer entscheiden: Er will Gott um Vergebung bitten, kehrt aber immer wieder zu seinem Bund mit dem Bösen zurück. Schließlich glaubt er, dass die Zeit für eine mögliche Wiedergutmachung seiner Sünden abgelaufen und er verdammt sei. „Für die eitlen Freuden von vierundzwanzig Jahren“, sagt Faustus gegen Ende des Stücks, „hat Faustus sein ewiges Glück und Heil verloren. Ich schrieb ihnen einen Kontrakt mit meinem eigenen Blute, die Verschreibung ist gefällig, die Zeit ist da, er wird mich holen.“

Und so stirbt Faustus, dem Himmel fern, sein Körper von Dämonen in Stücke gerissen und seine Seele in der Hölle. Mit diesen Zeilen endet das Stück:

Faust ist dahin. Betrachtet seinen Sturz,
So dass sein Missgeschick den Klugen warne,
Verbotner Weisheit grübelnd nachzugehn,
Denn ihre Tiefe lockt vorschnellen Erdenwitz

Zu tun, was hier und dort der Seele wenig nütz.

Das Happy End bei Goethe

Im Gegensatz zu Marlowe endet Johann Wolfgang von Goethes Faust nicht in einer totalen Katastrophe. Als Goethe den zweiten Teil seines Faust 1832 veröffentlichte, hatte er den Stoff so weit überarbeitet, dass Fausts Verdammnis dank der Selbstlosigkeit Gretchens abgewendet werden kann.

Nach einer Liebschaft mit Faust bleibt Gretchen schwanger zurück und wird von den Menschen im Dorf ausgegrenzt. Voller Verzweiflung ertränkt sie deshalb ihr Kind gleich nach der Geburt. Als Faust erfährt, dass sie wegen Mordes verhaftet wurde, will er sie mit Magie aus dem Kerker befreien, doch sie lehnt ab. Sie bereut ihre Tat und möchte ihrem Schicksal entgegentreten.

Doch bevor Gretchens Seele in die Hölle fahren kann, greift Gott ein. Dank ihrer ursprünglichen Unschuld und Reue rettet er ihre Seele. Sie wiederum rettet Faust: Wie Dantes Beatrice führt sie ihn – dank der Gnade Gottes von seinen Sünden erlöst – ins Paradies.

Gerettet ist das edle Glied
der Geisterwelt vom Bösen,
wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
von oben teilgenommen,
begegnet ihm die selige Schar
mit herzlichem Willkommen.



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