Kammermusik – Von Hugo Salus

Von 4. July 2018 Aktualisiert: 5. Juli 2018 6:42
Aus der Reihe Epoch Times Poesie - Gedichte und Poesie für Liebhaber

Kammermusik

Der Apotheker, der Kaufmann, der Arzt und der Richter,
Es sind immer wieder dieselben Gesichter;
So eine Kleinstadt, es ist ein Graus,
Gott gebe, ich wäre schon wieder heraus.

Aber am Sonntag lädt der Herr Richter
„Auf einen Löffel Suppe den Großstadtdichter“,
Der Apotheker, der Kaufmann, der Arzt, die drei
Sind natürlich auch dabei.

Das Essen ist gut, da ist nichts zu sagen,
Ihr Minister des Innern ist eben der Magen,
Und der Wein nicht übel; nun ja, man spürt,
„Man“ hat eben in der Hauptstadt studiert.

Dann spricht man und raucht; es geschieht auch zuweilen,
Daß Minuten ohne Gespräch enteilen.
Dann spricht man wieder und dann, auf Ehr,
Bringt die Hausfrau Notenständer her.

Und dann, da ich seufze: „Es ist nicht zu ändern!“
Sitzen die Alten schon vor ihren Ständern,
Ein jeder den Fidelbogen nimmt,
Zwei Geigen, Viola und Cello. „Es stimmt“.

Und sie spielen. Beethoven. Erst etwas befangen;
Dann steigen Flämmlein in ihre Wangen,
Und herrlich durch das Zimmer ziehn
Die unendlichen, mächtigen Melodien.

Ich sitze und lausche, aufs Tiefste erschüttert;
Mein Herz wird mild und die Seele erzittert.
Der Flügelschlag der Kunst durchrauscht
Die Luft, der fromm die Seele lauscht.

Mir wird, versunken im Anblick der Alten,
Als müßt‘ zum Gebet ich die Hände falten:
O Himmel, im Alter bewahre auch mir
Die Freude am Schönen, wie diesen hier!

Hugo Salus  (1866 – 1929)

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