200 Jahre „Fidelio“: Beethoven-Neuinszenierung in der Oper Bonn

Von 18. Oktober 2014 Aktualisiert: 18. Oktober 2014 18:47

Zum 200. Mal jährt sich im Jahr 2014 die Wiener Uraufführung der Endfassung von Ludwig van Beethovens „Fidelio“. Seiner einzigen Oper, die ihm fast über ein Jahrzehnt hinweg seine Schaffenskraft abverlangte und zugleich einem Wechselbad der Gefühle aussetzte. Bedeutete sie doch die Auseinandersetzung mit einem Handlungsverlauf, der am Beispiel der Gattenliebe die Grundwerte der Französischen Revolution zum Gegenstand hatte.

Eines historischen Ereignisses, das neben seiner aufklärerischen Dimension natürlich auch dessen Auswüchse beinhaltete. Bis hin zu der für den überzeugten Republikaner Ludwig van Beethoven nur schwer erträglichen Kaiserkrönung Napoleons. 

Anlass genug, um in diesem Jubiläumsjahr auch in der Beethovenstadt Bonn über eine Neuinszenierung dieses letztmals vor acht Jahren auf der Bonner Opernbühne aufgeführten Werkes nachzudenken. Die mit

einem solchen Unterfangen jeweils verbundenen Schwierigkeiten liegen dabei klar auf der Hand. Einmal in formaler Hinsicht, gilt es doch die in dem Werk angelegten Elemente von Singspiel, Oper und Oratorium miteinander in Einklang zu bringen. Zum anderen inhaltlich, indem gemäß dem Libretto die individuelle Liebesgeschichte zwischen Eleonore und Florestan auf der Grundlage der allgemeinen Werte von freier Meinungsäußerung, Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit darzustellen ist.

Breites Spektrum der Gefühle

Die Bonner Neuinszenierung von Jakob Peter-Messer ist sich dieser Problematik bewusst. Mit der weitgehenden Befreiung der Handlung vom Ballast des im Libretto vorgefundenen gesprochenen Wortes trägt sie deutlich bei zu einer Verschlankung, die dem Werk durchweg zugutekommt. So gleich zu Beginn bei dem bezaubernden Techtelmechtel zwischen Marzelline (Nikola Hillebrand), der Tochter des Kerkermeisters, und Jaquino (Tamas Tarjynyi), dem in sie verliebten Pförtner, selbst wenn seine Avancen ins Leere laufen.

Denn längst zeichnet sich eine neue Konstellation ab, bei der in seltsamer Parallelität plötzlich Marzelline und der Gefängnisgehilfe Fidelio (Judith Kuhn) im Mittelpunkt stehen. Eine Verbindung, die wegen seiner wahren Identität als Eleonore, Ehefrau des zu Unrecht festgehaltenen Gefangenen Florestan,  nicht sein darf.  Und deren Unmöglichkeit sich in dem abschließenden Quartett, zu dem sich Kerkermeister Rocco (Priit Volmer) hinzugesellt, im breiten Spektrum der Gefühle bereits schmerzlich abzeichnet. Rätsel gibt allerdings das von Marzelline getragene Ballkleid mit Petticoat auf (Kostüme: Sven Bindseil), das angesichts eines Berges von abgelegten Sträflingsschuhen sicherlich aus dem vorgegebenen Rahmen fällt.

Licht und Schatten

Spielte sich das bisherige Geschehen ausschließlich ab im wenig dekorativen Bereich der Vorbühne um den Orchestergraben herum, wird das Publikum erst relativ spät mit dem Bühnenbild (Bühne und Lichtregie: Guido Petzold) vertraut gemacht. Bestehend aus einem bühnenfüllenden Metallgerüst, angereichert durch Treppen, Gitter und Stacheldraht, deren Schatten und Lichtreflexe den Gesamteindruck einer einschüchternden Gefängnisatmosphäre potenzieren. Dabei widersteht die Inszenierung der Versuchung, eine der bekannten Gefängnisanlagen wie Abu-Ghuraib oder Guantanamo nachzuzeichnen.

Offensichtlich will Jakob Peters-Messer die Allgemeingültigkeit einer selbst heute noch weltweit praktizierten Ungerechtigkeit zum Ausdruck bringen, wonach Menschen grundlos und ohne faires Verfahren einfach weggeschlossen werden. Anrührend daher der Chor der Gefangenen (Einstudierung: Volkmar Olbrich), die erstmals seit langer Zeit das Tageslicht wiedersehen. Ihre Freude indes währt nur für kurze Zeit, da sie sich in ihrer Angst nicht nur belauscht fühlen, sondern auf Geheiß von Don Pizarro (Mark Morouse), dem Gouverneur des Staatsgefängnisses, sogleich wieder in die Dunkelheit zurückverbannt werden.

Überschwängliche Verklärung

Dort blickt auch Florestan (Christian Juslin), ein Intimfeind Don Pizarros, in einem Sondertrakt seinem Ende entgegen. Aufrüttelnd seine Arie, in der er, seltsamerweise bei grellem Licht, die ihn umgebende Dunkelheit beklagt. In einer gleichsam liturgischen Szene wird ihm durch Brot und Wein, gereicht von Fidelio, eine letzte Linderung zuteil. Nicht nur ihm als Individuum, dem die Liebe seiner Gattin Eleonore gilt. Sondern zugleich auch als Teil der Menschheit, die jenseits aller Tyrannei mehr Menschlichkeit verdient hat.

Eine Hoffnung, die sich nach der Begnadigung durch Minister Don Fernando (Martin Tzonev) in dem Schlusschor zu erfüllen scheint. Eingehüllt in Kleidungsstücke der Französischen Revolution, werden Gattenliebe und Freiheit vom Chor überschwänglich verklärt. Entsprechend  auch durch ein mitreißend aufspielendes Beethoven Orchester Bonn unter der inspirierenden Leitung von Thomas Wise. Der begeisterte Schlussapplaus des Bonner Publikums würdigt die erbrachte Gesamtleistung.

Weitere Aufführungen: 23. Okt., 13., 21., 29. Nov., 14., 25. Dez.

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN