Abschied in Berlin von Deutsche Oper-Intendantin Kirsten Harms

Von 11. Juli 2011 Aktualisiert: 11. Juli 2011 12:12
Konfetti für Kirsten Harms, Buhs für Wowereit. Die scheidende Intendantin der Deutschen Oper wurde bei ihrem Abschied einhellig bejubelt, Regierender Bürgermeister und Kultursenator Wowereit vom Publikum abgestraft.

Berlin – Es war ein hochemotionaler Abend an der Deutschen Oper Berlin. Kirsten Harms nahm mit „Tannhäuser“ ihren Abschied nach sieben ereignisreichen Jahren als Intendantin. Eine Mischung aus Rückblick voll Stolz, viel Jubel und einer Prise Volkszorn.

Als Schülerin des verstorbenen langjährigen Intendanten der Deutschen Oper, Götz Friedrich, war Kirsten Harms dessen Wunschnachfolgerin. Ab 2004 stand sie als erste Frau an der Spitze eines Berliner Opernhauses unter erschwerten Bedingungen, damals wurde eine mögliche Schließung des Hauses in der Bismarckstraße diskutiert. Harms gelang es wider Erwarten, die Deutsche Oper finanziell zu sanieren und Zuschauer zu gewinnen, indem sie das enorme Repertoire pflegte und namhafte Künstler für Neuproduktionen verpflichten konnte. Gemeinsam mit ihren Ausgrabungen unbekannter Werke gab dies dem zweitgrößten deutschen Opernhaus ein neues künstlerisches Profil.
Von Beginn ihrer Intendanz an musste Harms ständig Kritik einstecken, auch der politisierte Neuenfels „Idomeneo“ fiel in ihre Amtszeit. Erst nachdem sie 2009 erklärte, ihren Vertrag nach 2011 nicht mehr verlängern zu wollen, schlug das Klima in den Berliner Feuilletons um und man bekam Respekt vor den Leistungen der blonden Dame die nach eigener Aussage auch „im Haifischbecken schwimmen“ konnte.
Im Vorprogramm: Wagners Tannhäuser
Als Abschiedsvorstellung wurde ihre Tannhäuser Inszenierung von 2008 gegeben, in der sie Wagners Minnesängermär in einer modern überzeichneten Mittelalterwelt spielen lässt. Alle Tickets waren zum Einheitspreis von 25 Euro verkauft worden und bereits seit Wochen ausverkauft. Bei ihrem Erscheinen in der Intendantenloge schlug Harms enthusiastischer Beifall entgegen.
Die Erwartungen an den großen Abschiedsabend sorgten zunächst bei den Künstlern für Anspannung. Am Pult stand Evan Rogister, Assistent von GMD Donald Runnicles.
Wenn auch die Ouvertüre und der erste Akt etwas unter Behäbigkeit litten und nach Arbeit klangen, begann die Vorstellung mit dem zweiten Akt Inspiration und Dramatik zu gewinnen. Das lag zum einen an Nadja Michael als Elisabeth, die einen großen und intensiven Auftritt hatte sowie am hoch motivierten Chor, der im Tannhäuser zwei der dankbarsten Chorszenen der Musikgeschichte singt. Am Schluss wurden der mehrmalige „Opernchor des Jahres“ und sein Leiter William Spaulding dafür stürmischst gefeiert.
Tannhäuser Robert Gambill hatte viele forcierte, aber auch starke Momente und gelangte mit der Rom Erzählung zu beeindruckender sängerdarstellerischer Größe. Der Wolfram von Eschenbach Levente Molnars begeisterte durch Sensibilität und kraftvolle Kultiviertheit. Ebenso glänzten die anderen Herren in den Nebenrollen: Jan-Hendrik Rootering als Landgraf, Clemens Bieber als Walther von der Vogelweide und Lenus Carlson als Prios Biterolf.
Wowereit im Gegenwind
Nach der Vorstellung folgten die offiziellen Würdigungen der Intendantin. Berlins regierender Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit dankte Kirsten Harms „für das, was sie in den letzten sieben Jahren für die Deutsche Oper, für Berlin und für die ganze Opernwelt geleistet hat.“ Als er betonte, er würde sich als Kultursenator besonders freuen, dass Harms ein geordnetes Haus hinterlässt und er wolle ihr „persönlich für die gute Zusammenarbeit danken“ erntete er einen Buhsturm und erboste Zwischenrufe, die – kaum abgeflaut – sich umso stärker erhoben, als Wowereit ergänzte „ … vor allen Dingen in der Phase, als die Entscheidung getroffen wurde, dass die Intendanz zu Ende geht.“ Das Publikum war offensichtlich mit der Haltung des Regierenden während der Rede und seinem vergangenen Verhalten in dieser kulturpolitischen Angelegenheit unzufrieden. Dennoch schickte es ihn mit einem Höflichkeitsapplaus von der Bühne, die eilig Prof. Stephan Braunfels, Vorsitzender des Förderkreises der Deutschen Oper, betrat.
Er nannte Harms Weggang „einen schweren Verlust“ und rief nochmals die Zahlen ihres Erfolges in Erinnerung: Die Auslastung stieg von 60 Prozent auf 82 Prozent, der Erlös pro verkaufte Eintrittskarte von 27 Euro auf 39 Euro, der Erlös pro Opernabend von 28.000 Euro auf 49.000 Euro, der Jahresgesamterlös von fünf Millionen auf über neun Millionen Euro.
Linda Krappe dankte als Vertreterin der Abonnenten und somit des Stammpublikums Frau Harms für „das Flair“, das an der Deutschen Oper entstanden sei: „Ich weiß, dass viele hier im Publikum sitzen, die sie jetzt schon vermissen. Ich liebe dieses Haus und ich verehre Sie, Frau Harms.“
Harms bewahrte Haltung
Die Gewürdigte selbst dankte den Rednern „für die warmherzigen Worte, die so viel Anerkennung und so viel Leidenschaft für unsere Oper heute Abend zum Ausdruck gebracht haben.“ Sie sei darüber überaus glücklich und fügte hinzu „ganz ehrlich, so aufzuhören das ist ein Traum.“
Große Geste: Den offiziellen Blumenstrauß überreichten Harms die Männer, die sonst nie vor den Kulissen zum Zug kommen und sie bedankte sich bei jedem der Abgesandten des Technikteams mit Küsschen. Nach Feuerwerksmusik und Konfettiregen feierten Opernfans und Mitwirkende auf dem Götz-Friedrich-Platz und im Restaurant der Deutschen Oper, den gesellschaftlichen Treffpunkten, die erst auf Harms Initiative entstanden waren. Diese schüttelte dort bis spät in die Nacht Hände und gab Autogramme, erfreut, aber ohne Wehmut. Ihr Abschied vom Haifischbecken – ein persönlicher Triumph.

Foto: Andre Rival
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