All´ Sünd hast du getragen

Von und 12. April 2009 Aktualisiert: 12. April 2009 16:36

Als Felix Mendelssohn Bartholdy nach Jahrzehnten des Vergessens die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach erneut zu Gehör brachte, mag er geahnt haben, welchen Schatz er gerade wieder freigelegt hatte. Denn seitdem füllt sie alljährlich Kirchen und Konzertsäle, wie an diesem Karfreitag die Kölner Philharmonie, deren Kartenangebot die rege Nachfrage nur teilweise abdecken konnte. Woher dieses Interesse?

Vielleicht ist es neben der Bachschen Musik auch die reformatorische Botschaft, die an diesem Werk überzeugt: „Aus Liebe will mein Heiland sterben, von einer Sünde weiß er nichts, dass das ewige Verderben und die Strafe des Gerichts nicht auf meiner Seele bliebe“, singt der Solosopran in seiner Arie. Im Unterschied zu einem Requiem-Text, wie er zeitgleich in der Bonner Beethovenhalle zu hören war, ist dies die Lutherische Rechtfertigungslehre auf den Punkt gebracht.

Kein Zittern und Zagen, sondern die Zuversicht der Erlösung – genau das ist es, was aus den Texten der Passion heraus spricht: aus den Chorälen, den Rezitativen und Arien. Sie haben keine apokalyptische Vision zum Gegenstand, sondern das göttliche Erlösungswerk vom Leiden Christi bis hin zu dessen gläubiger Annahme.

Und genau diesem Anliegen weiß sich die Aufführung des Kölner Gürzenich-Orchesters und des Gürzenich-Chores unter der Gesamtleitung von Markus Stenz verpflichtet. Bereits im Eingangschor, wo im doppelchörigen wiegenden Fragerhythmus der „Knabenchor am Kölner Dom“ (Einstudierung: Eberhard Metternich) mit seinem präzise intonierten „O Lamm Gottes unschuldig“ den inhaltlichen Akzent setzt: „All’ Sünd hast Du getragen, sonst müssten wir verzagen.“

Und dieser Christus wird glaubwürdig repräsentiert durch Hanno Müller-Brachmann, der jeweils vor zartem Streicher-Hintergrund seinen einschmeichelnden und zugleich ausdrucksstarken Bariton zum Einsatz bringt: „Ach! Wollt ihr nun schlafen und ruhen?“ Allein in dieser eindrucksvoll vorgetragenen Gethsemane-Szene zeigt sich die tiefe menschliche Enttäuschung angesichts seines bevorstehenden Leidens.

Hervorragend in den Männerstimmen auch Jochen Kupfer, dessen klangschöner Bass nicht nur die Dramatik der Nebenrollen dieser Passion mit seinem breiten stimmlichen Spektrum zum Ausdruck bringt. Seine Überzeugungskraft macht auch  reflektierende Passagen wie die Arie „Mache dich, mein Herze, rein“ zu einem außergewöhnlichen Hörerlebnis.

Virtuose Passagen hält das Werk ebenso für Tenor Paul Agnew bereit, der in dem Rezitativ „O Schmerz! Hier zittert das gequälte Herz“ lautmalerisch das Leiden des frommen Betrachters an den Qualen Jesu ausgestaltet. In klanglichem Gegensatz dazu die unmittelbar folgende Arie „Ich will bei meinem Jesu wachen“, in der es Agnew gelingt, die Ambivalenz zwischen Bitterkeit des Leidens und Freude an der Erlösung herauszuarbeiten.

In den Frauenstimmen überzeugt Anke Vondung mit ihrem Alt, der in der Arie „Buß und Reu“ hervorragend harmoniert mit der wunderbar leichten Begleitung durch das Flöten-Duo, das gleichsam musikalisch das Entzwei-Knirschen des Sünderherzens kommentiert.

Dramatik hingegen bringt der glockenreine Sopran von Christiane Oelze hervor, die in ihrer Arie „Blute nur, du liebes Herz“ den bevorstehenden Verrat des Judas verurteilt. Dagegen die befreiende Arie „Ich will Dir mein Herze schenken“, die Oboen und Fagott geradezu tänzerisch umspielen.

Engagiert im Vortrag zeigt sich auch der Evangelist Julius Pfeifer, der bei 68 Einzelstücken des Werkes mit seinem klaren und zupackenden Tenor stets den Spannungsbogen aufrecht hält. Großes Lob gebührt nicht zuletzt  dem Chor und dem Orchester, die in rasanten doppelchörigen Passagen wie „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden?“ die Impulse ihres Dirigenten Markus Stenz in dramatische Virtuosität  umsetzen.

Insgesamt eine Aufführung, die Mendelssohn Bartholdys Bach-Wagnis – zumal in seinem Jubiläumsjahr – einmal mehr rechtfertigt.

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