„Alt-Wien: eine Stadt, die niemals war“. Eine Ausstellung, die den Mythos und die werbeträchtige Marke Alt-Wien beleuchtet und vom Jahrhunderte lang andauernden Kampf zwischen Bewahrern und Erneuerern erzählt.Foto: Museum Wien

Alt-Wien war einmal neu!

Von 27. Februar 2005 Aktualisiert: 27. Februar 2005 17:25
Sentimentalität oder Zukunftsgeist

„Alt-Wien war einmal neu“, diese „niederschmetternde Mitteilung“ richtete Karl Kraus, Wiener Publizist und Schriftsteller, 1912 „an alle Ästheten“ und sentimentalen Alt-Wien Nostalgikern.

Die bis zum 28. März im Wien Museum laufende Ausstellung: „Alt-Wien: eine Stadt, die niemals war“ beleuchtet den Mythos und die werbeträchtige Marke Alt-Wien und erzählt vom Jahrhunderte lang andauernden Kampf zwischen Bewahrern und Erneuerern, zwischen Historie und Moderne, zwischen Sentimentalität und Zukunftsgeist. Die Ausstellung trägt einerseits dazu bei, das Verständnis der eigenen Geschichte gegenüber zu vertiefen, sie lädt viele ältere Semester zu einer Reise in ihre Jugend ein und frischt andererseits auch für die junge Generation erhaltenswertes Gedankengut und Lebensgefühl auf.

Wien, die Stadt des Walzers und der Musik, der Fiaker und der Gemütlichkeit, der Kaffeehauskultur und der vielen Schanigärten, prunkvolle kaiserliche Paläste und Gebäude und tausend kleine „G´schichterln“ von Kaiserin Sisi bis Wolfgang Amadeus Mozart. Wien – ein Ort wo die Geschichte bis heute allgegenwärtig ist und wie ein unsichtbarer Geist durch die Gassen zieht.

Dieser nostalgische Blick auf Wien ist nichts Neues. Früher war doch alles viel besser, schöner, ruhiger und liebenswerter. Und so begann man sich schon vor 200 Jahren sein eigenes „altes Wien“ ohne den Fluch der Modernisierung zurecht zu basteln. Dass man heute auch als Wiener oft die konstruierte Vergangenheit mit der echten nicht auseinander halten kann, ist eine Folge dieser alles-romantisierenden Haltung. Und dieses Phänomen macht die Ausstellung nicht nur für Touristen, sondern vor allem für Wiener, so sehenswert.

Die Ausstellung lässt mit einer umfassenden und liebevoll ausgesuchten und zusammengestellten Sammlung an Kupferstichen, Veduten, Aquarellen, riesigen Ölbildern, Werbetafeln bis hin zu Filmausschnitten, einen interessanten Einblick in das retrospektive Lebensgefühl der Wiener hinter allen gängigen Klischees wagen, und veranschaulicht, wie es zu dieser verklärten, sentimentalen und rückwärts gerichteten Betrachtungsweise Wiens kam.

Ihr gotisches Antlitz verlor die Stadt im 18. Jahrhundert. Die kleinen Bürgerhäuser wurden radikal abgerissen, verwinkelte Straßen begradigt, Raum für großzügige Plätze und Bauten geschaffen und ertragreichere elegantere Zinshäuser gebaut. Viele Einwohner vermissten ihr altes Wien mit seinen engen und heimeligen Gässchen, den Höfen, vielen Klöstern und den alten Bürgerhäuser und wehmütig blickten viele Einwohner der Stadt den rasanten Veränderungen entgegen.

Alt-Wien war geboren

„Wir können sie nicht leiden! Die kahlen, flachen, monotonen Dinger, ohne Höfe, ohne Räume, ohne Licht und Luft und mit ihrer egoistischen Enge und ihrer filzigen, zinserträgerischen Öconomie. Die ganze heimische Magie, die ganze alterliche Romantik sind dahin, dahin!“ schrieb Gräffer in seinen „Kleinen Wiener Memoiren“ und prägte mit dieser Einstellung und anderen Zeitkritikern den Ausdruck „Alt-Wien“.

Um den Zustand der geliebten Häuser für die Nachwelt zu dokumentieren wurde nahezu jedes Gebäude porträtiert. In der Ausstellung sind mehrere Fallbeispiele zu sehen, wie z. B. das Burgtheater, der Graben, der Stephansplatz, oder der Neue Markt vor und während ihrer Demolierung penibel genau festgehalten wurden. Wie sehr die auf den Plan gerufenen Maler zur Romantisierung Wiens beitrugen, wird augenfällig, wenn man die Ansichtskarten und verschiedenen Ansichten des berühmten „Ratzenstadls“ sieht. Das desolate und Rattenbefallene Substandarthaus wurde zum Relikt der guten alten Zeit hochstilisiert, es wurde Pilgerstätte für Scharen von romantisch gesinnten Malern, die jedoch niemals einen Blick in die feuchten, schimmeligen und dunklen Räume des ärmlichen Zinshauses wagten.

Zwischen Bomben und Dreiviertel-Takt

Jede Zeit brachte ungeliebte und oft gefürchtete Veränderungen mit sich: die weltweite Industrialisierung, der Zerfall der Monarchie, Bürgerkriege und Zwei Weltkriege. Die Stadt war für viele nicht mehr zu erkennen. Die Wiener fühlten sich entwurzelt, ihrer Identität und geliebten Stadt beraubt. So wurden immer wieder Wege gesucht, um die schönere, gemütlichere und vertraute Vergangenheit auferstehen zu lassen. Aufwendige Bühnenbilder und Kostüme ließen Opern, Theater-, und während der Kriegszeit, Kinobesucher in die glorreiche Kaiserzeit tauchen. Große Bälle und Roben lenkten für ein paar Stunden von Hungersnot und Elend ab – die Traditionen und die (Walzer-) Kultur wurden hochgehalten – bis heute.



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