Auf den Spuren der Bundeslade

Von 12. September 2007 Aktualisiert: 12. September 2007 0:34
Die Königin von Saba in Äthiopien - Eine Legende und ihr historischer Hintergrund

An ihn können Ältere sich noch erinnern: Haile Selassie, Kaiser von Äthiopien, König der Könige, Löwe von Juda. Der letzte war wohl der merkwürdigste Titel dieses Herrschers, der sein Land 24 Jahre regiert hatte, als ihn das Militär 1974 stürzte. Man fragt sich, was denn ein äthiopischer Herrscher mit Juda zu tun habe, dem altisraelitischen Stamm, der die Könige David und Salomo hervorgebracht hat. Immerhin bekannte sich Haile Selassie zum Christentum, das bezeugt schon sein kaiserlicher Name: Haile Selassie heißt „Macht der Dreifaltigkeit“.

Antwort findet man im Kebra Negast, dem äthiopischen Nationalepos, dessen amharischer Titel in freier Übersetzung „Vom Ruhm der Könige“ bedeutet. Demnach war die aus der Bibel bekannte Königin von Saba eine gebürtige Äthiopierin. Sie hieß Makeda, war schwarz, sehr schön und reich, und sie suchte nach Weisheit. Als sie vom Ruhme Salomos hörte, zog sie nach Jerusalem und fand bei dem israelitischen König, was sie begehrte: Weisheit. Darauf nahm sie den jüdischen Glauben an, doch nicht nur das: Sie erlag auch der trickreichen Verführung Salomos und kehrte schwanger nach Äthiopien heim. Dort gebar sie einen Knaben, den sie Menelik nannte. Als der herangewachsen war, reiste er nach Jerusalem, um seinen Vater kennenzulernen. Salomo, beglückt über seinen prachtvollen Sohn, beschwor ihn, bei ihm zu bleiben und König von Israel zu werden. Menelik lehnte ab. Er wollte nach Aksum zurückkehren, um dort zu herrschen. Salomo, der in seiner Weisheit nicht ohne Berechnung war, salbte ihn vor der Abreise nach jüdischen Ritual zum König von Äthiopien. Um seinen Einfluß in Äthiopien zu sichern, schickte Salomo die Söhne seiner höchsten Priester und Beamten mit Menelik an den Hof nach Aksum. Als engste Berater des Königs sollten sie für die Judaisierung des Reiches sorgen. Nun waren die jungen Leute in Jerusalem aber dem Dienst an der Bundeslade verpflichtet, die die göttlichen Gesetzestafeln enthielt. Da sie sich dieser heiligen Aufgabe nicht entziehen wollten, entführten sie die Gesetzeslade mit Hilfe eines Engels aus dem Tempel und brachten sie nach Aksum in Äthiopien, wo sie bis heute liegen soll. Menelik wurde König und Stammvater der äthiopischen Herrscher, deren salomonische Linie mit einer Unterbrechung bis zu Haile Selassie die Macht innehatte.

Ein Mythos? Gewiß, aber doch weit mehr als das. Die Herkunft der äthiopischen Regenten vom Stamme Juda und der Königin von Saba war im Kaiserreich nicht nur durch deren Titel als offizielle Wahrheit beglaubigt. Haile Selassie hat sie auch in der 1955 erneuerten Staatsverfassung ausdrücklich verankert. Ihre Gültigkeit endete erst mit seinem Sturz.

Im Bewußtsein der Christen, die in der äthiopischen Bevölkerung dominieren, ist diese Überlieferung allerdings bis heute lebendig. In ihren Vorstellungen, ihren Gottesdiensten, spielt die Bundeslade mit den mosaischen Gesetzestafeln nach wie vor eine zentrale Rolle. Glaubt man äthiopischen Priestern, so befindet sich das Original in der Kathedrale Maria Zion in Aksum. Nachprüfbar ist das freilich nicht, denn niemand außer einem ständigen Wächter darf das Heiligtum sehen. Es gibt jedoch in allen anderen Kirchen Äthiopiens Nachbildungen, die Tabots genannt werden: Tafeln. An hohen Festtagen, etwa am Timkat-Fest, werden diese Tabots in der Öffentlichkeit gezeigt. Allerdings sind die Gesetzestafeln mit kostbaren Tüchern aus Gold- und Silberbrokat verhüllt. Man sieht also nur die Umrisse der beiden Tafeln, die aus Holz oder aus Stein sein sollen.

Das Timkat-Fest, die wichtigste Feierlichkeit der äthiopischen Christen, findet im Januar statt und erinnert an die Taufe Christi im Jordan. Im Mittelpunkt steht eine Taufzeremonie. Dazu werden am Vorabend in allen Gemeinden die Tabots von den Kirchen in einer feierlichen Prozession zum Taufplatz getragen. Dort bleiben sie über Nacht in einem großen Zelt, das dem alttestamentarischen Zelt über der Bundeslade entspricht. Die Taufzeremonie vollzieht der Bischof am folgenden Morgen vor der gläubigen Menge unter freiem Himmel. Danach tragen Priester die Tabots auf ihren Köpfen in die Kirchen zurück. Das geschieht in einer prunkvollen Prozession, an der sich die gesamte Gemeinde beteiligt. Die Priester, aber auch alle anderen orthodoxen Würdenträger und Mönche, sind, je nach ihrem Rang, überaus prächtig gekleidet. Hohe Geistliche tragen mit Goldfäden durchwirkte Umhänge und kronenähnliche Kopfbedeckungen, über die farbige Schirme gehalten werden. Der Zug bewegt sich mit Unterbrechungen langsam von Kirche zu Kirche.
Dass das Timkat-Fest, das aus dem Alten Testament übernommen wurde und seit Salomo über dreitausend Jahre hin überliefert wurde, ist wenig wahrscheinlich. Wenn man die Daten und Fakten der Geschichte wie eine Folie über die Legende stülpt, so zeigt sich, daß es da schon zeitlich keinerlei Übereinstimmung gibt. Salomo regierte von 963 bis 925 v. Chr. Das äthiopische Reich Aksum wurde aber erst um die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. gegründet. Die israelitische Bundeslade mit den von Moses beschrifteten Gesetzestafeln blieb in Jerusalem im Tempel, bis ihn die Babylonier 586 v. Chr. zerstörten. Aus dem historischen Hintergrund wird verständlich, wie und warum solche Legenden überhaupt entstanden sind.

Für die Geschichte Äthiopiens war entscheidend, daß die Kultur des Kernlandes sich nicht auf afrikanischen, sondern auf südarabischen Fundamenten entwickelte, auf solchen des Reiches Saba also. Von dort kamen seit dem sechsten Jahrhundert v. Chr. Einwanderer über das Rote Meer, die sich als Bauern in Äthiopien niederließen. Aus der Vermischung der Sabäer mit einheimischen Afrikanern gingen die Amharen und Tigray hervor. Sie gründeten im ersten Jahrhundert n. Chr. das Reich Aksum und bekannten sich 300 Jahre später zum Christentum. Im zehnten Jahrhundert übernahmen dann jüdische Eroberer die Herrschaft. Da mußten sich die Christen an jüdische Glaubensvorstellungen und Rituale gewöhnen, ob sie das wollten oder nicht. Allerdings haben sie mit ihrer Kultur auch die Siegermacht unterwandert. Dadurch ergaben sich Überschneidungen zwischen beiden Glaubensgemeinschaften, die ihre dauerhaften Spuren hinterließen.

1270 ging die Königswürde in Äthiopien wieder auf die christlichen Nachkommen Meneliks über. Damit begann das Reich der Amharen, das bis 1974 bestand. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts hat ein Geistlicher aus Aksum die mündlich überlieferte Legende von Salomo und der Königin von Saba bearbeitet und als Kebra Negast zum „Ruhm der Könige“ auf Ziegenhaut niedergeschrieben. Dies geschah nicht zuletzt mit der Absicht, die herrschende Dynastie zu legitimieren. So bildete sich ein Nationalmythos, der das äthiopische Königtum nicht nur als politisches Amt auswies, sondern es zugleich durch seine Herkunft heiligte.

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN