Beethoven und das Ja zum Leben mit der Kammerakademie Potsdam

Von 12. Januar 2014 Aktualisiert: 12. Januar 2014 17:06

Vom 13. Februar an wird die Kammerakademie Potsdam an vier Abenden hintereinander alle neun Sinfonien von Beethoven im Potsdamer Nikolaisaal aufführen. Einen Vorgeschmack auf dieses spannende Mammutprojekt erlebten die Konzertbesucher am Freitag, dem 10. Januar im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie.

Die selten gespielte 4. und die häufig zu hörende 5. Sinfonie standen auf dem Programm. Überraschend war zunächst einmal die relativ kleine kammermusikalische Orchesterbesetzung, verbindet man doch sonst mit Beethovens Sinfonien eher ein großes, „volles“ Orchester. Aber die Fülle lag an diesem Abend nicht in der Masse, sondern in der außerordentlichen Differenziertheit, mit der die Potsdamer Musiker zu spielen verstehen.

Vom ersten Ton an wurde deutlich: da wird ein entschlackter, sehr durchsichtiger, unendlich facettenreicher Beethoven voller klanglicher Überraschungen im wahrsten Sinne ins Spiel gebracht – einer, der von der Kammerakademie in höchst  virtuos-prägnanter, klangberedter, humorvoller Tonsprache geradezu leidenschaftlich umgesetzt wird. Ein Beethoven, der besonders in der unbekannteren 4. Sinfonie in Klanggebärden, Klangrede und Rhythmen nur so vor Lebendigkeit sprüht.

Zugleich lässt  d i e s e r  Beethoven die Widersprüche des Lebens, seine Brüche, seine schmerzlichen Seufzer und Jubelausbrüche, seine Verunsicherungen und Ängste, seine trotzigen Willensausbrüche wie in einem Tanz vereint erscheinen. Über all diesen Widersprüchlichkeiten des Lebens, die im Leben oft so unvereinbar erscheinen, scheint Beethoven an diesem Abend zu lächeln und, wie der personifizierte Weltenhumor, mit den Augen den Anwesenden zuzuzwinkern  …

Mit ihrer Beethovenlesart brauchen die Musiker keinerlei Vergleich mit den besten Orchestern zu scheuen. Nie ist der Klang dieses Klangkörpers hart, auch nicht in den entschiedensten Fortissimo-Passagen; der weichere Klang der Naturtrompeten, der Hörner und – im letzten Satz der 5. die enger mensurierten Posaunen – tun das Ihrige. Die dynamische Flexibilität und Organik auch subtilster Übergange ist atemberaubend flexibel (herausragend etwa der Klarinettist Markus Krusche) von höchster Synchronizität. Man versteht bei dieser packenden Wiedergabe der 4., warum dieses Werk so selten gespielt wird. Denn in seiner „hadyn’schen oder schon auf Mendelssohn vorausweisenden Verspieltheit“, ihren Brüchen, ihren teils aberwitzigen Tempi ist dieses Werk weniger eingängig, schwer zu vermitteln und einfach sehr schwer zu spielen ohne auseinanderzubrechen.

Antonello Manachorda – seit 2010/11 künstlerischer Leiter der Kammerakademie, Mitbegründer des Gustav Mahler Chamber Orchestra und acht Jahre lang dessen Konzertmeister – vermag es, diese sprühende Vielfalt beethovenscher Einfälle zusammenzuhalten und als Ganzes zu vermitteln.

Aber kann man das, was er vor und mit den Musikern ausagiert und im wahrsten Sinne spielt, eigentlich noch als Dirigieren bezeichnen?

T a n z t er nicht Beethoven vielmehr, als dass er ihn dirigiert? Und lassen sich seine Musiker – in ihrer synchronen, lebhaften Bewegtheit an den Tanz eines Starenschwarms erinnernd – nicht davon anstecken? Seine atmende, elastische, sportlich-elegante Zeichengebung lässt jedoch, bei aller Freiheit seiner sprechenden, malenden Gesten und bei allem Raum, den er sich zwischen den Musikern nimmt, immer noch den Puls der Musik spüren und sichtbar werden. Präzise gibt er auch kleinste Einsätze für einzelne Instrumentengruppen, manchmal fast überzeichnet.

Aber den Musikern gibt das enorme Sicherheit und sie spielen sich im Verlaufe des Abends immer freier. Keiner, der an den Noten klebt, der von der Choreographie des Dirigenten nicht mitgerissen würde. Spielfreudig blitzende Augen, die sich untereinander immer wieder begegnen, bestätigen den sich immer mehr verdichtenden Eindruck der Zuhörer von einer seltenen Verschmelzung von Musik, Bewegung, Raum und allen Anwesenden, das Publikum eingeschlossen, insbesondere im 2. Teil des Abends.

Wie hätte man schöner als mit noch so begeistertem Applaus am Ende diese selten gelungene Verschmelzung von Beethovens Seele, dem leidenschaftlichen Verlebendigen seiner Musik in Tönen, Gesten und im Hören und Sehen, ausdrücken können, als durch das tiefe, spontane „Jaaa!“, das einem der Zuhörer nach dem Schlusstriumph der 5. unmittelbar vor allem Applaus aus tiefster Seele entfuhr, wie ein "Ja" zum Leben selbst …



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