Beethovens Neunte als deutsch-japanisches Freundschaftskonzert in der Philharmonie Berlin

Von 11. April 2013 Aktualisiert: 6. Juli 2018 22:50

BERLIN – Ein berühmter deutscher Tenor verbrachte einmal in den 80ern eine schweißgebadete und schlaflose Nacht in einem Hotelbett in Tokyo. Es war die Nacht vor seinem Japandebut als Solist in Beethovens Neunter. „Dir ist aber schon klar, dass die Neunte in Japan derart heilig gehalten wird, dass man sie selbstverständlich nur auswendig singt?“, war der Satz gewesen, mit dem ihn sein Dirigent gerade noch rechtzeitig über eine kulturelle Besonderheit aufgeklärt hatte.

Die Neunte ist für die Japaner das Größte: Alljährlich wird sie dort zum Jahresende von hunderten Chören aufgeführt. Manchmal darf das Publikum bei „Freude, schöner Götterfunken“ sogar mitsingen.

Zum Glück wurde die damalige Neunte – mit Peter Seiffert und Wolfgang Sawallisch – ein voller Erfolg. Und auch das deutsch-japanische Freundschaftskonzert, das am 10. April 2013 in der Berliner Philharmonie stattfand, traf beim Publikum ins Schwarze, obschon weniger prominent besetzt. Gastgeber war das japanische Unternehmen MCEC International, unterstützt von der Botschaft von Japan, dem Japanischen Kulturministerium (MEXT) und der Japan Foundation.

Bei freiem Eintritt für alle spielte das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder unter Dirigent Chosei Komatsu Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125 im Großen Saal der Philharmonie Berlin. Die Soli sangen Mchiko Watanabe (Sopran), Bhawani Moennsad (Alt), Clemens-C. Löschmann (Tenor) und Sebastian Noack (Bariton).

Außerdem sang ein deutsch-japanischer Freundschaftschor, der eigens für dieses Konzert gegründet wurde: Rund 80 Damen und 40 Herren aus verschiedenen Berliner Chören und der Singakademie Frankfurt/Oder hatten mit nur einer großen Probe unter Chorleiter Yutaka Tomizawa das Werk gemeinsam vorbereitet. In der ersten Reihe standen die japanischen Chorsänger/innen Spalier, die freudestrahlend auswendig sangen, während die Deutschen hinter ihnen in die Noten vertieft mitwippten.

Übrigens war schon die erste Aufführung der Neunten in Japan ein solches Freundschaftskonzert gewesen: Am 1. Juni 1918 fand es laut Wikipedia im Kriegsgefangenenlager der Kleinstadt Bando statt, mit einem Orchester aus deutschen Soldaten und verstärkt durch einheimische Musiker. Diese emotionale Aufführung begründete den Siegeszug der „Daiku“ („die Große“). Dirigent Chosei Komatsu, der natürlich auswendig dirigierte, hat bereits ein Buch über das verehrte Werk geschrieben und so wurde es eine sehr professionelle Aufführung mit klaren musikalischen Visionen.

Während der erste Satz vor allem prägnant, knallig und laut geriet und der Dirigent etwas Schwierigkeiten hatte, die ganzen Kontraste und Brüche des Stückes auf einen großen Bogen zu spannen, entstand dieser im zweiten Satz: Nach dem Paukenschlag entwickelte sich das Thema „Molto vivace“ aus dem leisesten Pianissimo als großes und spannungsgeladenes Crescendo.

Im 3. Satz gab es dank der Holzbläser-Solisten und Hörner wunderschöne und warme Cantabile-Stellen, die eine große Feierlichkeit und Würde ausstrahlten. Im 4. Satz gelang besonders das Rezitativ der Celli und Kontrabässe sprechend und leidenschaftlich, durchbrochen von den Reminiszenzen an die vergangenen Themen. Der Freuden-Chor schlug sich tadellos in Sachen Intonation und Textverständlichkeit und erstaunlich stark in den Männerstimmen.

Bei den Solisten ragte Tenor Clemens-C. Löschmann als Idealbesetzung heraus. Mit durchwegs flottem Tempo und Temperament wurden die Tücken des Chorfinales gemeistert – kleine Schönheitsfehler fielen wirklich nur Fachleuten auf. Am Ende legte der Dirigent noch ein Accelerando hin, als gäb´s kein Morgen. Und jeder Ton saß.

Das Publikum in der Philharmonie (ca. 80 Prozent deutsch, 20 Prozent japanisch) war begeistert und feierte das akkurat vorgetragene Freundschaftskonzert auf die berlinisch ausgelassene Art und Weise: Mit Pfiffen, Trampeln und Bravos.

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