Cameron Carpenter und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Von 9. Januar 2011 Aktualisiert: 9. Januar 2011 23:39
Auftakt für das neue Konzertjahr in der Kölner Philharmonie mit dem Orgelvirtuosen Cameron Carpenter

Die Erwartungen waren doppelt hoch. Voller Ungeduld richteten sie sich auf den jungen Orgelvirtuosen Cameron Carpenter, dem der Ruf vorauseilt, mit atemberaubender Technik die Klang- und Einsatzmöglichkeiten der „Königin der Instrumente“ ständig zu erweitern. Erwartet wird ein Künstler, der als Solist um die Welt reist und dabei gemeinsam auftritt mit Popsängern wie Bishi oder Vinicio Capossela, dem er am 11. Februar 2011 die Klinke der Kölner Philharmonie in die Hand gibt.

Damit jedoch ist das Phänomen Cameron Carpenter noch nicht ausreichend umschrieben. Denn inzwischen wird der aus dem Rahmen fallende Organist nicht nur als Solist, sondern auch als Komponist international anerkannt. Und nicht zuletzt wird sein Auftritt auch optisch überhöht durch selbst entworfene Bühnenkostüme, entliehen dem Glamour der Film-Musikwelten, mit denen er durch gelegentliche Ausflüge dorthin ebenfalls vertraut ist.
Die zweite hohe Erwartung richtet sich auf das Orchester, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die erfahrungsgemäß der Orchestermusik vom Barock bis zur Moderne einen wunderbar leichten und dabei ungewohnt ausdrucksstarken Klang verleiht. Auch der junge Dirigent dieses Abends wird bei Preisverleihungen in Dirigentenwettbewerben als „aufregend“ und „begabt“ gefeiert. Die Maßstäbe liegen also hoch bei diesem Neujahrskonzert 2011.
Und tatsächlich: Der Funke springt sofort über bei der einleitenden Ouvertüre aus der Operette „Candide“ (1956) von Leonard Bernstein. Mal mitreißend-clownesk, mal lyrisch-fließend erweist sich die von allen Instrumentengruppen ausgehende Inspiration als ein echtes Klangerlebnis.
Damit ist der rote (Klang-)Teppich ausgerollt für das Konzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauken (1938) von Francis Poulenc. Den betritt der amerikanische Künstler mit glitzernden Swarowski-Steinen an den hohen Schuhabsätzen, die beim späteren virtuosen Huschen über die Pedaltasten besonders in den Intervall-Passagen Bewunderung auslösen. Ebenso wie die mit Nieten besetzten punkigen Lederhandschuhe, die dennoch die Geläufigkeit auf den drei vorhandenen Manualen nicht einschränken.
Das einleitende Andante wirkt bei duftiger Registrierung noch verhalten. Doch wechselt das Spiel im nachfolgenden Allegro giocoso über zu kraftvollen Klängen, die andererseits bei häufig betätigtem Schwellkasten doch wieder im Zaum gehalten werden. Auffallend auch, dass es nicht beim „normalen“ Manualwechsel bleibt. Vielmehr entfaltet sich beim gleichzeitigen triomäßigen Spiel auf zwei Manualen eine überzeugende Durchsichtigkeit, technisch noch überhöht, kurz vor dem furiosen Abschluss, durch das gleichzeitige Spielen auf zwei Manualen mit nur einer Hand.
In der sich anschließenden Suite für Kammerorchester „Viel Lärm um nichts“ (1918/20) des Amerikaners Erich Wolfgang Korngold bietet sich für den Dirigenten erneut die Möglichkeit, auch die einzelnen Orchesterinstrumente in ihrer Klangschönheit hervortreten zu lassen. Betörend das singende Cello im zweiten Teil, das Zusammenspiel von Bratsche und Klavier im vierten oder die klangreinen Hörner im fünften Teil. Und immer wieder die wunderbar zarten Streicher, wie sie beispielsweise im Intermezzo eine geradezu ätherische Feinfühligkeit entwickeln.
Doch dann, nach der Pause, richten sich alle Sinne auf  den „Skandal“ für Orgel und Orchester (2010), ein Auftragswerk der KölnMusik, das nun seine Uraufführung erleben soll. Und automatisch stellt sich die Frage: Was ist hier skandalös? Ist es der die Ohren durchdringende Ton einer Trillerpfeife gleich zu Beginn? Das bei gegenseitigem Umspielen solistisch mitgestaltende Cello oder der ungestüm-virtuose Fußeinsatz im Pedal?
Nichts von alledem. Vielmehr intendiert der Komponist Carpenter „eine musikalische Illustration des Phänomens Skandal“, den er im schnelllebigen Medienzeitalter für „eine Art kollektiven Zeitvertreib“ hält. Die sich „wiederholenden Schemen“ und „typischen Erregungskurven“ von Skandalen sind es also, die er musikalisch zum Ausdruck bringen will.
Vor diesem theoretischen Hintergrund entpuppt sich der anfängliche Pfeifton als die Trillerpfeife eines Polizisten, mit dem die Dramatik beginnt, die tuschelnd durch die Instrumente hindurch weitergegeben wird und sich dadurch ungehemmt ausbreitet.
Doch dann, etwa in der Mitte des Stückes, ändert sich die Stimmung. Mit dem Dialog zwischen Orgel und Solocello kommt plötzlich eine reflektierende Emotionalität ins Spiel, die geeignet sein könnte mit Verständnis und Einfühlsamkeit den Skandal in gemäßigte Bahnen zu lenken. Doch der Showdown ist unvermeidlich und endet dennoch durch glaubwürdig vorgetragene Reue in einem Happy End, das Komponist wie Organist Carpenter zu einem „sinnlichen Erlebnis“ ausgestaltet.
Ein Konzerterlebnis, das einmündet in den frenetischen Jubel des Publikums. Und der – nach der Sinfonietta FP 141 (1947-48) von Francis Poulenc – dann noch einmal aufbrandet bei der Zugabe des eingängigen Orpheus-Can Can von Jacques Offenbach. Welch angemessener Auftakt für das neue Konzertjahr in der Kölner Philharmonie!
www.koelner-philharmonie.de

Foto: Steward Noack
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