Der Dirigent Claudio Abbado (r.) und der Pianist Maurizio Pollini auf dem Weg zur Bühne am 24. Mai 2008.Foto: MICHAEL GOTTSCHALK/AFP/Getty Images

Claudio Abbado: Ein majestätischer Aristokrat am Dirigentenpult

Von 20. Januar 2014 Aktualisiert: 20. Januar 2014 15:27

Nach jahrelanger sehr schwerer Krankheit ist Claudio Abbado, der italienische Stardirigent, am 20. Januar 2014 im Alter von 80 Jahren in Bologna gestorben. Ein Kosmopolit und Schöngeist hat die internationale Musikwelt für immer verlassen – ein großer Verlust.

Wenn Claudio Abbado Gustav Mahlers „Neunte“ dirigierte, befand sich das Auditorium in einem Tempel beredter Stille. Solche Augenblicke eines fast atemlosen Schweigens, in dem es keine Worte mehr gibt und dennoch alles gesagt scheint, erlebt man sehr selten – im Konzertsaal sind sie Sternminuten der Erfüllung.

Wie in einem Brennglas vermochte Abbado alle Energie eines magischen Stillstands zu bündeln. Der aristokratisch wirkende Dirigent modellierte das Schweigen mit einer unendlich langsamen, fast unsichtbaren Bewegung der rechten Hand, eine gleichermaßen bekräftigende wie sanft anmutenden Geste. Die Musik hatte jene Grenzen des Unsagbaren überschritten, an denen nicht nur für religiös empfängliche Menschen die Offenbarungen einer anderen, höheren Wahrheit beginnen.

Am 26. Juni 1933 wurde Claudio Abbado als drittes von vier Kindern des Geigers Michelangelo Abbado und seiner Frau Maria Carmela Savagnone, Klavierlehrerin und Schriftstellerin, in Mailand geboren. Er studierte Klavier, Orgel, Komposition, Kontrapunkt und erst in späteren Jahren Orchesterleitung. Als 19-Jähriger spielte er bei einem Hauskonzert dem italienischen Dirigenten Arturo Toscanini  J.S. Bach Toccata und Fuge in d-moll auf der Orgel vor. Im Jahr 1953, nachdem er sein Musikstudium in Mailand mit Auszeichnung beendet hatte, lernte er bei einem Dirigierkurs in Siena den damals 17-jährigen Zubin Mehta und den 11-jährigen Daniel Barenboim kennen. Mehta vermittelte Abbado zum weiteren Studium an den legendären Hans Swarowsky nach Wien.

1963 gewann der 30-jährige Claudio Abbado in New York den 1. Preis bei dem Mitropoulos-Wettbewerb. Verbunden mit der Auszeichnung war eine Assistentenzeit von fünf Monaten bei Leonard Bernstein, der damals Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker war. Während dieser Zeit bekam er auch erste Einladungen zum Radio-Symphonie-Orchester Berlin und zu den Wiener Philharmonikern, mit denen er 1965 bei den Salzburger Festspielen debütierte. Auf dem Programm stand Gustav Mahlers „Zweite Sinfonie“. Claudio Abbado wird in die Geschichte der herausragenden Mahler-Dirigenten eingehen.

1968 eröffnete Abbado die Opernsaison der Mailänder Scala, erhielt 1969 dort eine feste Anstellung als Dirigent wurde 1971 zusätzlich Musikdirektor der Scala. 1979 bis 1987 war er Chefdirigent beim London Symphony Orchestra. Von 1980 bis 1986 war er Chefdirigent der Mailänder Scala. In den Jahren 1982 bis 1985 arbeitete er als Erster Gastdirigent mit dem Chicago Symphony Orchestra. Von 1983 bis 1986 war er Musikdirektor beim London Symphony Orchestra. 1984 gab Abbado sein Debüt an der Wiener Staatsoper, wurde 1986 Musikdirektor und 1987 Generalmusikdirektor der Stadt Wien. 1988 gründete Abbado das Festival Wien Modern, das sich Aufführungen internationaler zeitgenössischer Musik widmet.

Im Oktober 1989 wurde Abbado von den Berliner Philharmonikern als Künstlerischer Leiter des Orchesters zum Nachfolger Herbert von Karajans gewählt. Im Jahr 1994 wurde Abbado auch Leiter der Salzburger Osterfestspiele. Die Zeit in Berlin war nicht frei von Spannungen. Im Jahr 2000 erkrankte Claudio Abbado an Krebs, von dem er zwischenzeitlich geheilt war. Im Jahr 2002 beendete er seine Arbeit als Künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker.

Claudio Abbado ging nach Italien zurück, war zunächst in Ferrara und ging dann nach Bologna, wo er das Mozart Orchestra mit jungen Musikern aufbaute und wo er bis zu seinem Tod lebte. Mit diesem Orchester aus Bologna begann er später die Arbeit für den Aufbau des neu gegründeten Lucerne Festival Orchestra  zusammen mit Musikern der weltweit großen Orchester, die Abbado von früher kannte, und die sich als Lehrer mit den jungen Musikern des Mozart Orchestra Bologna zu gemeinsamen Konzerten im Frühjahr und Sommer in Luzern trafen.

Abbado widmete sich der Förderung des musikalischen Nachwuchses. Daraus entstanden die Gründung des Chamber Orchestra of Europe (1981) sowie die Gründung des Mahler Chamber Orchestra (1997), die wiederum die Basis für die Gründung des Lucerne Festival Orchestra (2003) und des Orchestra Mozart in Bologna in den Jahren 2003 / 2004 bildeten.

1994 erhielt Abbado den Ernst von Siemens Musikpreis, den Ehrenring der Stadt Wien sowie das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 2001 den Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland. 2002 wurde er vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Bundesverdienstkreuzes ausgezeichnet.

Im Oktober 2012 trat er erstmals seit 26 Jahren wieder in der Mailänder Scala an – nachdem die Stadt seine Bedingung erfüllt und 90.000 Bäume gepflanzt hatte. 2013 wurde sein Buch Meine Welt der Musik als Wissenschaftsbuch des Jahres ausgezeichnet.

Auch Dirigenten können sich „verhören“

Der Dirigent Claudio Abbado (r.) und der Pianist Maurizio Pollini 2008.Der Dirigent Claudio Abbado (r.) und der Pianist Maurizio Pollini 2008.Foto: MICHAEL GOTTSCHALK/AFP/Getty Images

Auch Dirigenten können sich „verhören“. Eine herrliche Geschichte, die der inzwischen 86-jährige weltberühmte Klavierstimmer Franz Mohr, „der Schutzengel der Pianisten“ oft erzählt hat:

„Kurz bevor ich Ende Oktober 1999 zu Vorträgen nach Deutschland kam, war ich auf Konzerttournee mit dem Pianisten Maurizio Pollini und den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbado. In Boston und New York stand Schumanns Klavierkonzert auf dem Programm. Laut Anweisung der Philharmoniker sollte der Flüge von Pollini exakt auf 443 gestimmt werden. Ich habe mir das schriftlich geben lassen.

In Boston hatten wir ein herrliches Konzert. Alle waren hochzufrieden. Zwei Tage später das gleiche Programm in der Carnegie Hall. Den Flügel hatte ich am Morgen des Konzerts auf die gewünschte und vorgeschriebene Tonhöhe gestimmt. Um 12 Uhr ist Generalprobe. Plötzlich steht der Oboist Hansjörg Schellenberger auf und beschwert sich, dass die Stimmung viel zu hoch sei, bei 445 statt 443. Für diese Fälle habe ich eine elektronische Stimmgabel, die ich sonst nicht benutze. Ich zeige Herrn Schellenberger, dass die Nadel präzise bei 443 steht. Daraufhin sagt der Dirigent der Berliner Philharmoniker, ich möge mein elektronisches Gerät überprüfen lassen und den Flügel nochmals stimmen.

Ich habe eine Faust in der Tasche gemacht und nichts gesagt. Habe auch nach der Probe an dem Flügel nichts verändert, warum sollte ich auch. Nach dem umjubelten Konzert am selben Abend kam Claudio Abbado auf mich zu und bedankte sich, dass ich nach der Generalprobe den Flügel so wunderbar gestimmt hätte.

Mein Beziehungspunkt in meinem Berufsleben ist die Stimmgabel (tuning fork), auf die ich mich ein Leben lang verlassen konnte. Mein Beziehungspunkt im Leben ist die Bibel, die mir die Kraft für die Arbeit verleiht. Warum sollte ich die Menschen, die unbedingt Recht haben wollen, korrigieren. Ich bin mir meiner Sache sicher.“



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion