Das ernste Spiel des Lebens

Was das Coburger Puppenmuseum über die Geschichte von Kindern und Erwachsenen erzählt
Titelbild
Barbies deutsches Vorbild: Lily. Gefertigt in Sonneberg bei Coburg.Foto: Coburger Puppenmuseum
Von 6. Februar 2010

Porzellanservices in Miniatur, jedes Tellerchen und Tässchen einzeln bemalt, dazu passende kleine Löffel, Messer und Gabeln aus Silber. Das Alltagsleben vergangener Zeiten wird lebendig, wenn man die vielen Puppenstuben im Coburger Puppenmuseum bewundert, die mit Püppchen, Möbeln und Kleidungsstücken ein getreues Spiegelbild ihrer jeweiligen Epoche zeichnen. Hier findet man sie alle vereint: Ob abgenutzt oder säuberlich geputzt, arm oder reich.

Eines der größten deutschen Puppenmuseen

Zusammengetragen wurden die Schätze von Carin & Dr. Hans Lossnitzer, die mit der Eröffnung des Museums 1987 ihre private Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich machten. Sie wählten die beschauliche Kleinstadt Coburg als Standort, da zwei Drittel der Puppen aus Nordfranken und Südthüringen kommen, der Region Coburg, Neustadt und Sonneberg also, wo traditionell Spielzeug hergestellt wird.

Im Jahr 2007 übernahm die Stadt das Museum, indem rund 1000 Puppen von 1830 bis heute, insgesamt 30 Räumen bevölkern, umrahmt von weiteren 1000 Objekten der Puppen- und Spielzeugwelt. Heimliche Stars des Museums sind 350 elegante Puppen-Damen, die andernorts kaum gezeigt werden, weil sie zu Unrecht in Vergessenheit gerieten.

Die Teepuppen – heute Rarität

Die sogenannten Teepuppen waren ein beliebtes Wohnaccessoire des ausgehenden 19. Jahrhunderts und nicht zum Spielen gedacht. Auf englisch hießen sie „half dolls“, was treffend beschreibt, dass sie aus einer halben, modellierten Puppe bestanden (meist Kopf und Oberkörper) und der Rock eine praktische Wärmehaube für die Teekanne war. Passend zu ihrem Verwendungszweck trugen diese Puppen oft ein kleines Tablett mit Teetassen. In den 20er Jahren gab es dann auch kessere Varianten, die Schmuckdosen und Puderpinsel dekorierten, als Showgirls mit Bubikopf in selbstdarstellenden Posen.

Teepuppen waren sehr teuer, sie konnten mehrere Hundert Reichsmark kosten. Fabrikanten verkauften daher den Puppenoberkörper einzeln und kreierten so einen Basteltrend, zudem Zeitschriften Tipps und Anleitungen für die Teehaube zum Selbermachen lieferten. Zwischen den 1880er und 1920er Jahren war ihre Blütezeit – nach dem 2. Weltkrieg waren die Teepuppen wie vom Erdboden verschwunden, als Kitsch belächelt und sind bis heute ein wenig erforschtes Gebiet des Puppenuniversums.

Die Welt der Großen im Kleinen

Ursprünglich dienten die Puppen als Lehrspielzeug, mit denen der Ernst des Lebens geprobt wurde – zum Leidwesen vieler Kinder nicht selbstständig und ungezwungen, sondern unter den gestrengen Anweisungen des Kindermädchens oder der Hauslehrerin. Man durfte nicht einfach Spielen, wie man wollte, stattdessen ging es um Fragen wie „Was geschieht in der Küche beim Kochen?“ oder „Was gehört zu einer Menüfolge?“. Denn die Esbit-Herde in den alten Puppenküchen waren mit Feuer voll funktionstüchtig.

Mit den französischen Modepuppen oder „Staatsdamen“ ging es für die Mädchen dann um die Frage des perfekten Auftritts in der Öffentlichkeit. Eine zukunftsentscheidende Frage in der Zeit des Männermangels, denn man wollte eine möglichst gute Partie machen.

Der Kleiderschrank dieser Modepuppen umfasste eine exakte Nachbildung der damaligen Couture: Krinolinen, Korsett, Schnürstiefeletten. Ihre Körper wirkten erwachsen, aber merkwürdig unproportional. Pausbäckig und trotzdem nicht ganz kindlich, waren ihre Gesichter eher eine Mischung zwischen Kind und erwachsener Frau, damit man sich besser mit der Erwachsenenwelt identifizieren konnte.

Neben der Frage, was die Dame von Welt zu welchem Anlass trägt, war ebenso wichtig, wie sie ihre Wohnung standesgemäß und geschmackvoll einrichtet.Dazu bietet eine ganze Reihe von Puppenhäusern Einblick, die je nach sozialer Schicht in ihrer Ausstattung variierten. Man kann Vorhänge aus geklöppelter Spitzen bewundern nebst fransenverzierter Plüschsessel. Höhepunkt der Coburger Sammlung ist eine besonders edle Wohnzimmereinrichtung mit sternförmige Intarsien aus Stroh.

Das merkwürdigste Puppenzimmer allerdings ist nur mit einem spartanischen Bettchen, Hausaltar und Schreibtisch ausgestattet: Darin befindet sich eine Puppe mit Nonnentracht und Rosenkranz. Es diente als vorbereitendes Spielzeug für das Klosterleben, das manchen Mädchen schon im Alter von nur 12 Jahren blühte.

Niedlichkeit war niemals out

Babypuppen waren seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute gefragt. Sie waren stets niedlich gestaltet – mit nur einer Ausnahme:

Um 1910 gab vor dem Hintergrund des Expressionismus in der Kunstwelt und der   Reformbewegung in der Erziehung eine Individualisierung der Gesichter. Künstler formten diese ungewöhnlichen dreinschauenden, manchmal quengelnden und schreienden Puppenkinder. Da aber niemand die ganze Zeit so ein schreiendes Baby anschauen wollte, blieb der Trend eine Eintagsfliege. Ein ganzes Zimmer des Museums ist als Säuglingsstation eingerichtet und neben den Puppen faszinieren vor allem die liebevoll mit Rüschen verzierten weißen Kleidchen der kleinen bis lebensgroßen Babys.

Barbie, die moderne Frau

Erst Ende der 50er Jahre kam die große Puppen-Revolution und die Welt der Erwachsenen kehrte, durchgestylt wie nie zuvor, in die Kinderzimmer zurück: Die Amerikanerin Ruth Handler brachte Barbie auf den Markt, ein Spielzeug, dass nach ihrer Ansicht auf die Bedürfnisse des modernen Lebens und Frauenbildes reagierte.

Ihr Vorbild fand sie in der Medienwelt: Zu Werbezwecken hatte das Boulevardblatt Bild in den 50ern die Comic-Figur „Lily“ kreiert, eine moderne junge Frau des Wirtschaftswunders. Man kam auf die Idee,  Lily von einem Sonneberger Puppenfabrikanten produzieren zu lassen – als Partygeschenk für Erwachsene. Einigen Lastwagenfahrer montierten sich Lily als Pin-up hinter die Windschutzscheibe, doch insgesamt verkaufte sich das Püppchen schlecht.

Handler kaufte die Rechte und nannte Lily einfach „Barbie“.

Und so endet der Coburger Rundgang durch die Puppengeschichte mit Lily und ihrer erfolgreichen amerikanischen Zwillingsschwester: Barbie ist emanzipiert und berufstätig, trägt tolle Kleider, hat Hobbys wie Fitness-Studio und Reiten und einen starken Mann an ihrer Seite, der schicke Autos fährt.

Man träumt als Kind nun nicht mehr innerhalb der eigenen Sozialschicht, sondern im Hollywood-Format oder den Klischees der schillernden Fernseh- und Werbewelt.

Laut Christine Spiller, der wissenschaftlichen Leiterin des Museums, war die abschließende logische Einrichtung der Barbie-Vitrinen im Jahr 2007 heftig diskutiert. Dies zeige, dass Barbie´s pädagogischer Wert  bis heute umstritten sei. Die Frage, ob sie nicht zu sexy ist oder gar Magersucht fördert, beschäftige Mütter nach wie vor.

 

Informationen zur Ausstellung:

Das Coburger Puppenmuseum bietet Themen-Führungen und Veranstaltungen für Familien und Puppenfreunde, sowie regelmäßig Rat und Hilfe eines professionellen „Puppendoktors“.

Coburger Puppenmuseum
Rückertstr. 2-3
96450 Coburg

Telefon 09561 / 89 14 80

Öffnungszeiten:

Täglich außer Montag:

April – Oktober 10 – 16.00 Uhr

November – März 11 – 16.00 Uhr

www.coburger-puppenmuseum.de

Barbies deutsches Vorbild: Lily. Gefertigt in Sonneberg bei Coburg.Barbies deutsches Vorbild: Lily. Gefertigt in Sonneberg bei Coburg.Foto: Coburger Puppenmuseum

 



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