Die archaische Welt der Carmina Burana

Von und 10. Juni 2009 Aktualisiert: 10. Juni 2009 14:08

In leuchtendem Gold erhebt sich die riesige Sonnenscheibe langsam über dem Horizont. Für die archaischen Menschen im Vorstadium der Zivilisation repräsentiert sie nicht nur strahlende Naturschönheit, sondern zugleich Ehrfurcht gebietende Göttlichkeit, der Bewunderung und Verehrung zuteil wird. Ein ausdrucksstarkes Bühnen-Schlussbild (Ausstattung: Zsuzsa Molnár) der Orffschen „Carmina Burana“, das im Machtbereich der launischen Fortuna jedoch nicht Bestand hat, sondern im Bruchteil von Sekunden wieder in sich zusammen fällt.

Jubelnder Beifall für eine Tanzaufführung der Szeged Contemporary Dance Company, der führenden zeitgenössischen Tanzcompagnie Ungarns, mit der sie die „Tanztage der Oper Köln“ eröffnete. Schnell wird im Verlauf des spannungsgeladenen Abends klar, dass für den Choreographen Tamás Juronics nicht so sehr die musikalischen Kabinettstückchen wie das nihilistische Vagantenlied, das lüsterne Schlafzimmerlied der Mönche oder das Klagelied des gebratenen Schwans mit ihren aussagekräftigen und eigenwilligen Textaussagen im Vordergrund stehen.

Vielmehr legt Juronics den Schwerpunkt seiner Inszenierung auf das Dunkle und Urwüchsige einer von Kulten und Ritualen geprägten Gesellschaft. Unbekannten und geheimnisvollen Mächten unterworfen, tasten sich die Menschen voran, in ständiger Angst vor überdimensionalen archaischen Idolen, verschwommenen Gestalten und dem in seiner bedrohlichen Fratze unerbittlich vorbei schreitenden Tod.

Doch auch eine kraftvolle und urwüchsige Ausgelassenheit hat ihren Platz: wenn auf der Frühlingswiese unter herab fallenden Sonnenstrahlen – in Form von langen Ketten – die Lebensfreude der jungen Mädchen hervorbricht und in spritzenden Wasserfontänen ihren überschwänglichen Ausdruck findet. Schnell setzt sie sich fort in einer sinnlich dargestellten Geschlechterbeziehung, die jeweils das männliche und weibliche Element paradigmatisch zum Ausdruck bringt und doch in einem Rundtanz die Gegensätzlichkeit der Geschlechter wieder miteinander vereint.

Einen Höhepunkt archaischer Männlichkeit stellt zweifellos die Wirtshausszene („In taberna quando sumus“) dar, in der eine Gruppe sich äußerst maskulin gebärdender Männer mit freiem Oberkörper und dunkler Bemalung in einem Sinnlichkeitsrausch die eigene urwüchsige Männlichkeit zelebriert – gleichsam als Gegenstück zu der ausgeprägten Weiblichkeit auf der Frühlingswiese. (Licht: Ferenc Stadler)

Und wieder, so will es die Orffsche Liedfolge, vereinigen sich die unterschiedlichen Geschlechter zu wahrer Liebestollheit, die sich in ihrem Überschwang darin äußert, dass die Gruppe der Männer in kraftvoller Pose unter den strahlenden Klängen des „Ave formosissima“ einzelne Frauen mehrere Meter hoch in die Luft schleudert. Eine Hommage auch an die Leben spendende übermächtige Sonne im Hintergrund?

Eine ambivalente Situation tut sich auf. Denn die rätselhafte runde Scheibe steht auch für das göttliche „Tremendum“ und „Faszinosum“, das den Menschen seit archaischen Zeiten Furcht einflößt, indem es sie an ihre Bedrohtheit und Endlichkeit erinnert. Und dann, urplötzlich und unerwartet, jener Steinwurf, der die strahlende Autorität in sich zusammenfallen lässt.

Ist dies die aufgeklärte Befreiung des Menschen von der selbst verschuldeten Unmündigkeit? Oder ist es eher die revolutionäre Befreiung von der Vorherrschaft des autoritären Kommunismus, die sich in diesem Schlussbild widerspiegelt? Eine Choreographie, die weitergehende Interpretationen zulässt. Und zugleich ein großartiger Beginn der „Tanztage in der Oper Köln“.

Weitere Veranstaltungen:
Wiederholung „Carmina Burana“, 27.6.
Züricher Ballett, „In den Winden des Nichts“, 23. u. 24.6.
Ballett Preljocaj, „Snow White“, 16. u. 17.6 2009 jeweils 19.00 Uhr im Opernhaus Köln

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