Die Geschichte vom traurigen Weihnachtsmann

Von 15. Dezember 2008 Aktualisiert: 15. Dezember 2008 11:57

Lange Jahre hatte Niklas mit seiner jungen Familie im Ausland gelebt, aber dann war es an der Zeit gewesen, in die schwedische Heimat zurückzukehren, denn die Kinder sollten dort eingeschult werden. Nun wohnten sie bereits seit mehr als einem halben Jahr in dem behaglichen, typisch in Falunrot gestrichenen Haus.

Niklas schaute aus dem Fenster. Es war früher Nachmittag an diesem ersten Heiligabend im neuen Zuhause. Er blickte auf den schmalen Weg, der sich durch das Dorf schlängelte, aber der war menschenleer, weil jedermann Vorbereitungen für das Fest traf. Er blickte in den grauen Himmel. Ob es wohl sogar schneien würde? Zufrieden dachte er an die ersten Monate hier zurück, denn fast alles hatte sich bestens ineinander gefügt: Schnell waren Kontakte zu den Nachbarn geknüpft worden, die Kinder hatten sich gut im Kindergarten eingelebt und seine Frau genoss es, endlich mehr Zeit für sich und die Familie zu haben. Nur mit seiner beruflichen Situation war er nicht ganz zufrieden, aber darüber wollte er sich heute keine Sorgen machen.

Es war völlig ruhig im Haus. Niklas öffnete die Terrassentür. Kalte Luft schlug ihm entgegen und strömte in die warme Stube. Er packte die schön gewachsene Tanne, die er gleich in einen Christbaum verwandeln wollte, denn ganz in der Tradition seiner Familie war es das Privileg des Familienvaters, den Weihnachtsbaum zu schmücken, während die anderen Mittagsruhe hielten. Liebevoll dekorierte er die Zweige mit Lichterketten, bunten Tannenbaumkugeln, Figuren und Schleifen. Die Krone des Baumes musste noch etwas gekürzt werden, damit die Tannenbaumspitze unter die Zimmerdecke passte.

Niklas setzte sich in den Sessel und  betrachtete sein Werk: Gut gelungen! dachte er und auch mit ein wenig Stolz. Stolz nicht etwa, weil er von seinen Dekorationskünsten so begeistert gewesen wäre, sondern ihn erfüllte das gute Gefühl, seiner Verantwortung gerecht geworden zu sein. Diesen Tannenbaum, dieses Weihnachtsfest empfand er als Bestätigung, die Weichen für seine Familie in die richtige Richtung gestellt zu haben. Er schaute erneut aus dem Fenster, und wie um einen Heiligabend perfekt zu komplettieren, segelten jetzt ein paar Schneeflocken vorbei. Um vier Uhr würden die Eltern zum Kaffee kommen, und für die Kinder hatte er noch eine ganz besondere Überraschung geplant.

Zur gleichen Zeit war Lasse im Nachbarhaus in ein etwas zu großes Weihnachtsmannkostüm geschlüpft, das er sich von einem Bekannten geliehen hatte. Sorgfältig klebte er sich den weißen Bart ins Gesicht und legte die schon lange eingekauften, liebevoll eingewickelten Geschenke in den Jutesack. Lasse wohnte schon immer hier. Das Leben hatte ihm keine eigene Familie beschert, aber weil er Kinder so gern hatte, war der Einzug der neuen Nachbarfamilie eine große Freude für ihn gewesen. Er zog sich die klobigen Stiefel an, schulterte den gut gefüllten Sack und freute ich schon unbändig darauf, in die ungläubig staunenden Gesichter von Laura und Lucas zu schauen, wenn gleich der Weihnachtsmann leibhaftig vor ihnen stehen würde. Er stapfte los und sah, dass sich die Tür des Nachbarhauses bereits öffnete.

Was war denn das? Niklas starrte auf seine Uhr. Es war doch noch zu früh für den Weihnachtsmann! Er hatte seinen Kollegen doch gebeten, auf keinen Fall vor … Aber ihm blieb jetzt nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn noch bevor der Weihnachtsmann an die Tür klopfen konnte, schrie der kleine Lucas aus dem ersten Stock: „Papa, Papa! Guck mal! Da kommt der Weihnachtsmann!" Natürlich hatte der Kleine längst nicht mir im Bett gelegen und auch das Schwesterchen wollte gerade die Treppe hinunter gestürmt kommen.

„Nein, nein! Noch nicht! Bleibt noch einen Augenblick in euren Zimmern", rief Niklas aufgeregt, denn diesen Moment, wenn der Weihnachtsmann die Kinder beschenken würde, sollten doch auch seine Frau und die Eltern miterleben. Also hastete er zurück zur Eingangstür, aber wer stand denn da vor ihm?

„Mein Gott – Lasse! Was machst du denn …", stotterte Niklas.

„Stimmt etwas nicht?", flüsterte Lasse. Und weil er sah, dass Niklas ganz und gar nicht erfreut, ja sogar bestürzt zu sein schien, erklärte er zaghaft: „Ich wollte den Kindern doch nur eine Freude machen – so als Weihnachtsmann, weißt du. Ist das nicht in Ordnung?"

Niklas versuchte zu retten, was nicht mehr zu retten war. Er trat vor die Tür und zog sie hinter sich zu. Dann flüsterte er: „Lasse, das ist wirklich ganz lieb von dir, aber – ja, wie soll ich dir das erklären – in ein paar Minuten wird ein Kollege von mir hier auftauchen – als Weihnachtsmann! Das habe ich so mit ihm abgemacht."

„Verstehe", sagte Lasse enttäuscht, „zwei Weihnachtsmänner – das geht natürlich nicht." Und während Niklas hilflos die Schultern hob, drehte Lasse bereits ab, und der Jutesack baumelte ganz traurig über seiner hängenden Schulter. Niklas rief ihm verzweifelt hinterher, er möge doch bitte – bitte! – ganz eng an der Hauswand entlang schleichen, und wenn ihm ein Weihnachtsmann entgegen kommen würde, dann …", aber Lasse achtete nicht mehr auf seine Worte.

Der Heiligabend war danach genau so schön verlaufen, wie es sich Niklas vorgestellt hatte, aber seither erzählt man sich in dem kleinen Dorf jedes Jahr, wenn das große Fest naht, die Geschichte vom traurigen Weihnachtsmann, der einmal die Kinder nicht beschenken durfte.

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Zum Autor: Joachim Frank wurde 1952 in Hamburg geboren und lebt heute in Prisdorf bei Pinneberg. Vor allem auf vielen Reisen entstanden viele seiner Geschichten, die den eher kleineren Begebenheiten an den Wegesrändern des Lebens nachspüren. Neben zahlreichen Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitungen und Zeitschriften sind im Wiesenburg Verlag bisher sein Roman „Fixsterne“ (2006) und die Reiseerzählung „Botswana – Ein Diamant im Süden Afrikas“ (2007) erschienen.

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