Ein gutes Omen, vielleicht… Eine Erzählung

Von 23. Februar 2019 Aktualisiert: 23. Februar 2019 12:52
Der Morgen war klar und sehr kühl, und in den hohen Bergen im Norden versammelten sich Wolkentürme wie grosse weisse Schafe und wanderten gemächlich die Hänge hinab. (Manfred von Pentz)

Grosse Sprache knüpft aus

einfachen und alltäglichen
Worten einen kleinen Teppich,
dessen Muster sich mit dem
Grundriss der Schöpfung deckt.
Das ist ihr Geheimnis, und
darum erzittert die Seele.

In jener Nacht ging der Mond früh auf im indigoblauen Himmel, und seine dünne, weitgeschwungene Sichel war eingetaucht in eine Gloriole aus feingesponnenem Licht, die ihn viel grösser als sonst erscheinen liess, und unendlich zerbrechlich. Ein Kauz rief herüber vom stillen Dorf, und im Wind verbarg sich eine Verheissung von Regen.

Schlaf kam spät, mit Schwärmen konfuser Begebenheiten, die Wiederholungen schienen von uralten Träumen. Dann begannen die Hunde in ihrem Quartier zu rumoren, kleine Geräusche des Kratzens und des Gähnens, viele Pfoten in Bewegung auf den Terracotta-Fliesen, eine kurze verspielte Rauferei mit Geknurr: Frühmusik.

Der Morgen war klar und sehr kühl, und in den hohen Bergen im Norden versammelten sich Wolkentürme wie grosse weisse Schafe und wanderten gemächlich die Hänge hinab. Lange, lange sah er sie kommen, und als sie ihn endlich umringten, schien er überrascht, denn das Blickfeld zog sich ohne Ankündigung in sich selbst zurück und vermummte jedes Geräusch.

Am Rande des Gartens stand eine Reihe von Palmen, deren hohe Fächer immer belebt waren mit Geraschel oder dem Schirpen der vielen kleinen Vögel, die zwischen den Stacheln der Kronen lebten und sich von den gelben Datteln ernährten, welche die Bäume gebaren. Jetzt konnte er noch immer ihre vagen Umrisse erkennen, aber sie schienen unwirklich, wie ein Antlitz in einem lange verblassten Spiegel. Da überkam ihn ein Gefühl der Einsamkeit, eine Empfindung als bestände der Planet nur aus dem Haus und dem Garten, und dahinter zerfiele die Welt wie ein bunter Teppich in weiche, lose geknüpfte Fransen.

Und er dachte: die Menschen der Frühzeit müssen oft gefühlt haben wie ich jetzt, konfrontiert mit einer oft beunruhigenden Entlegenheit in einem Reich ohne denkbare Grenzen, dafür aber beschenkt mit der Gnade allgemeinverständlicher Fabeln und zuverlässiger Legenden. Und er fragte sich, wie lang der Pfad wohl noch sein könnte, und wo er jetzt wohl wanderte, und wann das nächste Wegzeichen erschien zur Beflügelung seiner Schritte.

Gerade da zerriss ein schriller Schrei die Stille, und eine Seemöwe entströmte der weissen Leere und segelte langsam in seinen Gesichtskreis.

Ihr Erscheinen war so unerwartet und fabelhaft, dass ihn für einen Moment der Hauch des Übersinnlichen anfuhr: Ein magischer Vorsatz in ihrem plötzlichen Auftauchen, sie selbst Kurier aus einer nur erahnten Dimension?!

Aber sie kam auch aus dieser Welt, ganz ohne Frage, und was immer ihr Geheimnis sein mochte, ihre unumstössliche Realität war überwältigend genug.

Er hatte manchmal gesehen, dass Möwen weit hinauf in das Gebirge zogen, besonders im Winter, wenn die See wild auf die Klippen schlug und die Jagd schwieriger war. Aber noch nie zuvor war ihm eine so hoch oben begegnet, in seinem eigenen Reich, so nahe dem Himmel.

Sie landete neben dem Mandelbaum, und die Hunde standen stocksteif und starrten. Dann rannte einer los, aber nicht so schnell als gelte es den Ball zu greifen, sondern langsamer, fähig zur rechtzeitigen Kursänderung falls der Neuankömmling sich als gefährlich erwies. Die Anderen folgten in sicherem Abstand.

Die Möwe spähte aus hellen, impertinenten Augen und schwang sich im allerletzten Moment in die Lüfte mit einer trägen, unübertrefflichen Eleganz: vollkommener Meister von Zeitmass und Element. Sie segelte quer durch den Garten, landete, erhob sich wieder, als die Hunde lauthals herbeistürzten, nun mit Höchstgeschwindigkeit, flog wieder zum Mandelbaum, flog wieder auf, und wiederholte das Spiel noch mehrere Male.

Es war ein unmöglicher Anblick, ungefähr so, als würde ein überaus aerodynamischer Engel einen Trupp fröhlich lärmender Waldteufel anführen, jene rabenschwarz fast ohne Ausnahme, und erdgebunden für immer.

Da wünschte er sich, auch ein Hund zu sein, teilzuhaben an ihrem kindlichen Entzücken, so unbeschwert, so frei von Zukunft und Vergangenheit, so viel näher zu Gott als aller Menschen umständliche Mutmassungen je reichen konnten.

Inmitten der letzten Hatz zog die Möwe plötzlich hoch in die Luft, fiel seitwärts, um Geschwindigkeit aufzunehmen, und glitt lautlos in den Nebel. Die Hunde kamen hechelnd zurück und schüttelten die Nässe aus dem Fell, sahen ihn an mit glänzenden Augen und marschierten schliesslich zur Küche in Erwartung des Frühstücks.

Er blieb noch einen Moment länger, seltsam berührt. Welch ein wundersames Ereignis, um den Tag zu beginnen.

Ein gutes Omen, vielleicht…

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Später wurde der Nebel dünner und bald stand die Sonne hoch über dem Land. Bäume und Büsche waren benetzt mit frischem Tau, und die Blätter leuchteten wie geschliffene Smaragde. Ein Hauch von Thymian schwebte in der klaren Luft, und die Welt schien jung und erfrischt.

 Aus: Manfred von Pentz: MILLERS MÄRCHEN ©

Die Webseiten von Manfred von Pentz:

http://der-deutsche-michel.net/
http://www.manfredvonpentz.net/